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Recht auf Sterbehilfe gefordert

Von Dieter Weirauch (31. Oktober 2010)

Der Tod ist unausweichlich - manchmal wird er vorzeitig herbeigesehnt. Foto: pa/dpa

Jeder vierte Arzt kann sich vorstellen, beim Suizid zu helfen, wenn Heilung unmöglich ist. Eine bessere Schmerzmedizin hilft todkranken Patienten mehr, sagen Palliativmediziner.

Aus Angst, eines Tages qualvoll im Pflegeheim dahinzusiechen, sprechen sich viele Menschen für aktive Sterbehilfe aus. Mediziner sollen auf Wunsch des Patienten einen Abschied in Würde ermöglichen, fordert laut Umfragen eine Mehrheit der Deutschen. Jeder vierte Arzt kann sich vorstellen, beim Suizid zu helfen. Doch bislang ist der Tod auf Rezept hierzulande unmöglich.

Selbstbestimmung als Kern der Menschenwürde

"Der Kern der Menschenwürde ist die Selbstbestimmung. Das schließt auch den Willen ein, zu sterben und dabei auf ärztliche Unterstützung zurückgreifen zu können", sagt Dr. Michael de Ridder, Internist und Notfallmediziner aus Berlin. Denn oft entstehe das Leiden der Menschen erst, weil die Medizin ihnen ein langes Leben ermöglicht, argumentiert de Ridder.

Bild: Pro und Contra Sterbehilfe (zum Vergrößern anklicken).

Der Buchautor gilt als Tabubrecher in der deutschen Ärzteschaft, die aktive Sterbehilfe mehrheitlich strikt ablehnt. "Wir wollen nicht, dass Ärzte sich an der Tötung von Menschen beteiligen – auch nicht als Gehilfen", formuliert das Frank-Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer.

Ungeklärte Rechtsfragen

An der Grenze von Leben, Leiden und Tod stehen in Deutschland eine Reihe ungeklärter Rechtsfragen dem Wunsch des Patienten nach Sterbehilfe beziehungsweise einem würdevollen Sterben entgegen. Ein bisschen Klarheit hat der Bundesgerichtshof geschaffen, der entschied, dass man lebenserhaltende Geräte auf Wunsch des Patienten abstellen darf.

Der Münchner Medizinrechtler Wolfgang Putz, der dieses Urteil provoziert hat, sagt: "Viele Ärzte sind verunsichert. Es gibt einen Widerspruch zwischen dem, was mittlerweile gesetzlich erlaubt ist, und dem, was das Standesrecht den Ärzten zubilligt. Die Bundesärztekammer muss sich endlich bewegen. Wieso soll das ärztliche Ethos in Deutschland ein anderes sein als bei unseren westlichen Nachbarn?"

Missbrauch befürchtet

In den Niederlanden, in Belgien und der Schweiz dürfen Ärzte auch aktiv Sterbehilfe leisten. Im kleinen Grenzverkehr reisen deshalb jährlich mehr als hundert Deutsche in die Schweiz, um ihr Leben zu beenden.

So auch eine schwerstbehinderte Frau, deren Ehemann nach ihrem Tod nach verschiedenen Stationen vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zog, um gegen die Bundesrepublik Deutschland das Recht auf ein "menschenwürdiges Sterben" einzuklagen.

Die Straßburger Richter sprachen ihm 2012 wegen "verfahrensrechtlicher" Fehler eine Entschädigung zu, entschieden aber nicht in der Sache. Die Frage, ob es der Staat ein Grundrecht auf Sterbehilfe einräumen müsse, ließen sie unbeantwortet.

Alternative: Bessere Schmerzversorgung

Auf der anderen Seite stehen Hospizverbände und Palliativmediziner. Gebe man die aktive Sterbehilfe frei, sei die Missbrauch-Gefahr groß, warnen sie. Psychisch Kranke könnten leichtfertig in den Tod getrieben und Schwerkranke zum Suizid gedrängt werden, warnen sie.

Als Alternative empfehlen sie, die Versorgung Sterbender in Hospizen und zu Hause auszubauen. "Wir können fast immer die Schmerzen und Symptome sterbender Patienten lindern und ihnen ein Lebensende in Würde ermöglichen", sagt Prof. Rolf-Detlef Treede, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes.

"Wir erfahren immer wieder, dass der Wunsch nach vorzeitiger Lebensbeendigung in den Hintergrund tritt, wenn es gelingt, durch gute palliativmedizinische Behandlung auch die letzte Lebenszeit erträglich zu gestalten", so Treede.

Meinung: Das Misstrauen ernst nehmen

Von Dieter Weirauch

Ärzte und Pfleger erleben immer wieder, dass Menschen ihr Selbstbestimmungsrecht auf Sterbehilfe einfordern, weil sie Angst vor unerträglichem Leiden haben. Doch bei aller Kritik am Gesundheitswesen: Das größtenteils ehrenamtliche Engagement in Hospizen und ambulanten Betreuungsdiensten zeigt, dass es andere Wege gibt. Mittlerweile können Palliativmediziner viele todkranke Patienten von ihren Schmerzen erlösen. Diese noch junge Sparte der Medizin will dem Leben nicht mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben, wie der Leitspruch der Hospizbewegung es ausdrückt.

Aktive Sterbehilfe hingegen, wie sie in einigen Nachbarländern praktiziert wird, steht im Widerspruch zum ärztlichen Auftrag, das Leben zu schützen. Schon die Möglichkeit zur Tötung auf Verlangen erzeugt Druck auf Patienten, diese Möglichkeit auch zu bedenken. Es lässt sich nicht wirksam ausschließen, dass die Frage von Leben und Tod in manchem Fall auch über die Kosten des Sterbens kalkuliert wird. Deshalb dürfen solche Regelungen nicht gesellschaftsfähig werden.

Dass viele Menschen in Umfragen die ärztliche Sterbehilfe fordern, zeigt andererseits ein Misstrauen in die moderne Apparatemedizin. Sie steht im Verdach, nicht das Leben, sondern das Sterben zu verlängern. Diese Befürchtungen muss man ernst nehmen und in ethische Richtlinien zum ärztlichen Handeln am Lebensende umsetzen.

Infos: Hospize

Adressen: Über Pflege und Sterbebegleitung können Sie sich bei der Stiftung Patientenschutz (früher: Deutsche Hospizstiftung) erkundigen. Info-Telefon 0231-73 80 73-0 (Dortmund), 030-284 44 84-0 (Berlin) und 089-20 20 81-0 (München). Informationen und Hospizadressen gibt es auch beim Deutschen Hospiz- und Palliativverband sowie der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben. Die DGHS bietet ein Infotelefon zum Thema Schmerztherapie und Palliativmedizin unter 0180-591 99 91 (Montag bis Freitag 9-16 Uhr/14 Cent pro Min.).

Bücher: "Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur" von Michael de Ridder, Pantheon, 2011.
"Patientenrechte am Ende des Leben" von Wolfgang Putz/Beate Steldinger, dtv, 2012.


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Quellen

Gespräch mit Dr. Michael de Ridder, Internist und Notfallmediziner aus Berlin, Okt. 2010
Gespräch mit Dr. Frank-Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, Okt. 2010
Gespräch mit Wolfgang Putz, Rechtsanwalt und Lehrbeauftragter für Medizinrecht und Medizinethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Okt. 2010
Gespräch mit Prof. Rolf-Detlef Treede, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, Okt. 2010


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