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Medizin

Wie Stammzellen Strahlenopfern helfen

Von Christian Seel (15. Mai 2011)

Aus Blut gewonnene Stammzellen können das menschliche Reparatursystem wieder in Gang bringen. Foto: getty/UIG

Prof. Theodor Fliedner hat die Bedeutung von Stammzellen nach radioaktiven Unfällen erforscht. Ein Gespräch über die erstaunlichen Fähigkeiten des menschlichen Reparatursystems.

GESUND: Lässt sich medizinisch eine ungefährliche Dosis zuverlässig festlegen?
Prof. Theodor Fliedner: Um diese Frage toben Glaubenskriege. Die gesetzlichen Strahlenschutzmaßnahmen gehen davon aus, dass alle ionisierenden Strahlen schädlich sind, und die Grenzwerte besagen nur, dass man diese Strahlenmenge noch tolerieren will. Also ist keine Strahlung klein genug, um unschädlich zu sein, und Strahlenschutz wird sehr teuer. Wir dagegen stellen fest, dass menschliches Gewebe durchaus eine gewisse Menge verkraften kann, bevor es biologisch reagiert.

GESUND: Wie muss man sich das "Verkraften" vorstellen? 
Fliedner: Der Körper verfügt über ein leistungsfähiges Bluterneuerungssystem, in dem jeden Tag Millionen Zellen gebildet werden und eine gleiche Anzahl zugrunde geht. Wenn man etwa Blut spendet, wird das vollständig ersetzt. In diesem Fließgleichgewicht muss es eine ständige Qualitätskontrolle geben, die defekte Zellen repariert oder aussortiert. So geschieht es auch mit strahlengeschädigten Zellen.

Blutbildung unter starker radioaktiver BestrahlungGrafik: Phasen der Blutbildung. Zum Vergrößern klicken.

GESUND: Bei einem Strahlenunfall wird das System überlastet. Welche Rolle spielen dabei die Stammzellen. 
Fliedner: Die Stammzellen sind wie auch die Zellen in der Teilungsphase besonders strahlenempfindlich und werden zerstört. Dadurch bricht das Nachschubsystem für die Bestandteile des Blutes zusammen. Besonders deutlich sieht man das an den Fresszellen zur Bakterienbekämpfung, den Granulozyten. Sie verschwinden nach fünf Tagen aus der Blutbahn, später folgen die für die Gerinnung zuständigen Blutplättchen, sodass der Patient innerlich verbluten kann.

GESUND: Dann sind die Chancen für Strahlenopfer gering?
Fliedner: Im Gegenteil, sie sind oft sogar sehr gut. Das hängt aber davon ab, ob Körperteile von starken Strahlenschäden verschont geblieben sind. Weil nur fünf Prozent der Stammzellen aktiv sind und sich auch selbst regenerieren, verfügt jeder Mensch über einen großen Speicher an ruhenden Stammzellen in allen Bereichen des Knochenmarks. Sind solche Zellen unbeschädigt geblieben, regeneriert sich dasSystem. Wir haben die 237 überlebenden Tschernobyl-Arbeiter zehn Jahre später untersucht, und sie hatten ein völlig normales Blutbild. Das ist wie eine Verletzung, bei der man nach Jahren oft nicht mehr die Narbe erkennt.

GESUND: In Japan wird jetzt gefordert, Stammzellen von gefährdeten Arbeitern vor dem Einsatz vorsorglich einzufrieren, um sie bei Verstrahlung einzusetzen. Wäre das auch in Deutschland sinnvoll?
Fliedner: Ja sicher. Mein Team hat das Verfahren, unterstützt von der Bundesregierung, in den achtziger Jahren entwickelt und Kraftwerksbetreibern vorgeschlagen. Damals hieß es: Wir wollen das nicht unterstützen. Sonst würden wir ja zugeben, dass tatsächlich etwas passieren kann.

 

 

Zur Person : Prof. Theodor Fliedner

Prof. Theodor Fliedner, Pionier der Stammzellforschung und Strahlenhämatologie, war Rektor der Uni Ulm, Berater der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und langjähriges Mitglied der deutschen Strahlenschutzkommission.

Weitere Infos:

Foto: pa/chromorangeWo Sie weiter führende Informationen im Netz zum Thema Radioaktivität bekommen, steht ausführlich auf unserer Extra-Seite.


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Quellen

Gespräch mit Prof. Theodor Fliedner, ehem. Rektor der Universität Ulm, Mai 2011






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