Reizblase lässt sich zähmen

Von Barbara Bückmann (17. März 2014)

Reizblase oder überaktive Blase haben unterschiedliche Ursachen. Foto: picture alliance(Arco

Patienten mit Reizblase verspüren den Entleerungsreiz, wenn die Blase noch gar nicht ganz gefüllt ist – und suchen mitunter 20 bis 30 Mal am Tag das WC auf. Was gegen die Reizblase unternommen werden kann, sagen Mediziner.

Im Kino setzte sie sich immer an den Gang - damit sie hinaushuschen kann, wenn sie muss. Das Theater-Stück dauert zwei Stunden ohne Pause? Für sie wäre das eine Tortur. In der Stadt kennt sie jedes öffentliche WC, im Kaufhaus, neben der Imbiss-Bude und unten im Bahnhof. Christine D. (53) leidet an einer Reizblase. Bis zu 14 Prozent der Bevölkerung haben mit überhäufigem Harndrang zu kämpfen, berichtet der Urologe Prof. Klaus-Peter Jünemann, Präsident der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft.

Die Blase fasst normalerweise 300 bis 400 Milliliter (ml) Flüssigkeit. Dann muss sie sich entleeren. Trinkt der Mensch zwei Liter am Tag, sind sechs Toilettengänge in 24 Stunden normal.

Reizblase ist bei manchen "antrainiert"

Patienten mit Reizblase oder "überaktiver Blase" verspüren den Entleerungs-Reiz, wenn die Blase noch gar nicht ganz gefüllt ist – und suchen mitunter 20 bis 30 Mal das WC auf. Die Nachtruhe leidet, manche ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück.

Einige haben sich die Reizblase über Jahre antrainiert, schätzt Dr. Andrea Lippkowski, Oberärztin in der Klinik für Urogynäkologie am Deutschen Beckenbodenzentrum im Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. Die Patienten haben sich angewöhnt, vor jedem Termin, ob im Büro, vor einer Autofahrt oder dem Konzert "vorsichtshalber" auf die Toilette zu gehen. "Die Blase wird dann so oft vorzeitig entleert, dass sie gar nicht mehr die volle Ausdehnung erreicht." Das kann dazu führen, dass sie mit der Zeit schrumpft und sich ihre Aufnahmekapazität verkleinert.

Um die Beschwerden genauer zu erfassen, bittet die Medizinerin die Patienten – Frauen wie auch Männer – ein "Miktionstagebuch" zu führen. Darin trägt die/der Betroffene über zwei Tage – am besten zwei Tage in der Woche und zwei Tage am Wochenende – ein, wie viel und was sie/er getrunken hat, wann und wie oft sie/er auf die Toilette musste und wie groß jeweils die Urinmenge war. Auf der Homepage der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft lässt sich so ein Tagebuch herunterladen. Die normale Urinproduktion beträgt im Schnitt 60 - 100 ml pro Stunde.

Reizblase nicht immer nachgeben

Mit dem Tagebuch beginnt auch schon die Therapie. Denn Dr. Lippkowski ermuntert die Patienten, den Gang zur Toilette ein paar Minuten hinauszuzögern, wenn der Reiz kommt. "Dem sollte man nicht sofort nachgeben. Man lenkt sich mit anderen Gedanken ab und hält inne." Mit diesem Training ließe sich Schritt für Schritt das Blasen-Volumen wieder ein wenig vergrößern – und damit die Zeitabstände zwischen den einzelnen WC-Besuchen.

Zugleich verordnet die Urologin eine begleitende Behandlung bei einer Physiotherapeutin. Die soll vor allem Entspannungstechniken mit den Betroffenen üben, etwa die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Denn ein Grund für die Reizblase kann ein gestörtes Zusammenspiel von Anspannen und Lockerlassen sein.

Damit die Blase sich mit Flüssigkeit füllen kann, muss die Blasenmuskulatur entspannt sein, die Beckenbodenmuskulatur, die die Harnröhre umfängt, aber soweit aktiv, dass die Harnröhre verschlossen bleibt. Das funktioniert zuweilen nicht richtig.

Der Reizblasen-Patient ist schon auf dem Heimweg etwa vom Einkaufen unruhig, spürt Signale seiner Blase. Wenn er vor der Haustür steht und seinen Schlüssel sucht, wird er hektisch und der Harndrang so übermächtig, dass er es kaum noch bis zur eigenen Toilette schafft. Der Anblick der Haustür – verknüpft mit dem Gefühl "Jetzt kann ich mich endlich erleichtern" – löst einen übermäßigen Reiz aus. Die Bauchmuskulatur wird angespannt, was den Druck auf die Blase verstärkt, die Beckenbodenmuskulatur kann als natürlicher Verschluss kaum mehr gegenhalten.

Reizblase und Inkontinenz

Es kann auch passieren, dass der Reizblasen-Patient schon auf dem Weg ins Bad Urin verliert - damit kommt die Inkontinenz als Problem (Dranginkontinenz) hinzu. Da die Inkontinenz den Leidensdruck oft noch vergrößert, würde Dr. Lippkowski zusätzlich zu Verhaltenstraining und Physiotherapie Medikamente verschreiben: Anticholinergika.

Das sind Wirkstoffe, die die glatte Muskukatur - und damit auch den Blasenmuskel entspannen. Eine mögliche Nebenwirkung: Mundtrockenheit und Verstopfung. Prof. Jünemann, Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, empfiehlt, die Anticholinergika parallel zum Blasentraining wenigstens über vier Wochen, am besten sechs Wochen auszuprobieren. "Viele Patienten setzen es zu früh wieder ab, wenn es nicht sofort hilft."

Botox in den Blasenmuskel

Wirken die Anticholinergika nicht und finden sich keine anderen organischen Ursachen, gibt es eine Behandlung, die seit 2013 von der Kasse erstattet wird: Im Rahmen einer Blasenspiegelung spritzt der Arzt das Nervengift Botox an zehn bis 15 Stellen in den Blasenmuskel, der sich dadurch entspannt. Die Wirkung hält im Schnitt sechs Monate an. "Das Botox hilft, die Blase zu zähmen", sagt der Kieler Urologe.

Für die Patienten, die ihre Blase doch lieber erst ohne medikamentöse Hilfe trainieren wollen, hat er einen Trick parat, der skurril klingt, aber wirksam ist: Kommt der plötzliche Blasendrang, reiben Frauen kurz die Klitoris, Männer kneifen sich vorsichtig wiederholt und in schneller Folge in die Eichel – das geht natürlich nur zu Hause – diese Stimulation stoppt die Blasenkontraktion.

Weitere mögliche Ursachen

Die Reizblase kann aber noch weitere Ursachen haben. Beispielsweise eine chronische Blasenentzündung, also ein Bakterienbefall der Blase. Das lässt sich durch einen Urintest ausschließen.

Bei Frauen in und nach den Wechseljahren sinkt der Östrogen-Spiegel. Dadurch kann sich die Schleimhaut in der Harnröhre verändern. Sie wird dünn und pergamentartig und ist dadurch nicht mehr so belastbar. "Das kann ebenfalls zu einer Reizblase führen", sagt Dr. Lippkowski. Hier können lokal wirkende Hormone (zum Beispiel Östrogen-Zäpfchen oder – Creme) helfen, die ein bis zweimal in der Woche in die Scheide eingeführt werden und die Durchblutung der Schleimhaut in dieser Region verbessern.

Eine weitere mögliche Ursache: Restharn. Beim Wasserlassen entleert sich die Blase nicht mehr vollständig und es bleibt immer ein Rest Urin in der Blase. Das beschränkt ihr Fassungsvermögen und der Reiz tritt eher auf. Zugleich kann sich durch die ständige Überdehnung der Blase infolge des Restharnes die nervliche Versorgung verschlechtern. "Die Blase kann sich dann nicht mehr so gut zusammenziehen, was im Lauf der Zeit zu einer Zunahme des Restharnes führen kann, ein Teufelskreis", erklärt die Urogynäkologin. Ob Restharn vorhanden ist, lässt sich mit einer Ultraschalluntersuchung feststellen.

Mögliche Ursache kann auch eine Blasensenkung sei – als Folge von Bindegewebsschwäche, Geburten oder schwerer körperlicher Arbeit. Im Falle von Restharn sollte sie operativ oder durch Einlage eines Pessars gehoben werden.

Auch Blasensteine oder ein Blasentumor kommen als Ursache in Betracht. "Das ist selten, kommt aber vor", sagt Prof. Jünemann. Beides lässt sich mit einer Blasenspiegelung entdecken.

Bei Frauen könnte außerdem eine verengte Mündung der Harnröhre zur übermäßigen Harndang führen, weil die Blase dadurch überstrapaziert und instabil wird.

Bei Männern ist die gutartige Vergrößerung der Prostata eine mögliche Ursache. Hier hilft meist nur eine operative Verkleinerung. "Auch danach bleibt bei 25 Prozent der Patienten die Reizblase bestehen", so Jünemanns Erfahrung.

Quellen

Gespräch mit Prof. Klaus-Peter Jünemann, Präsident der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft, Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, März 2014
Gespräch mit Dr. Andrea Lippkowski, Oberärztin an der Klinik für Urogynäkologie am Deutschen Beckenbodenzentrum im Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus Berlin, März 2014



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