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Medizin

Placebo-Effekt: Alles nur Einbildung?

Von Christian Seel (19. Dezember 2008)

Akupunktur hilft. Oder ist alles nur Einbildung? Foto: pa/dpa

Der Glaube an die Wirkung einer Behandlung weckt Selbstheilungskräfte. Untersuchungen zum Placebo-Effekt zeigen, dass es vielen Patienten auch ohne wirksame Arznei besser geht

In kaum einem anderen Industrieland haben Ärzte so wenig Zeit für ihre Kundschaft wie hierzulande. Etwa sieben Minuten, 50 Sekunden verbringt ein deutscher Patient durchschnittlich in der Sprechstunde. Dabei sind gerade das ausführliche Gespräch über seine Beschwerden und der Glaube an die ärztliche Heilkunst die beste Medizin, bestätigen eine Reihe von aktuellen Untersuchungen.

Zu den Forschern, die sich intensiv mit dem Placebo-Effekt beschäftigen, gehört der italienische Neurowissenschaftler Prof. Fabrizio Benedetti. Er spritzt in seinen Turiner Test-Labors im Kittel und mit bedeutungsvoller Miene den Probanden ein Medikament in den Arm. Schon spüren sie, wie der Schmerz langsam nachlässt.

Placebo ohne pharmakologische Wirkung

In einer anderen Testgruppe injiziert eine Computersteuerung das gleiche Mittel automatisch zum unvorhersehbaren Zeitpunkt, ohne dass der Patient es mitbekommt. Ergebnis: Das Schmerzmittel bleibt völlig wirkungslos. Benedettis Schlussfolgerung lautet: "Ärzte sollten sich den Patienten stärker zuwenden und viel mehr zuhören, als das bislang üblich ist."

Grafik: Arbeitsbelastung der Ärzte (Großansicht bitte klicken). Quelle: Commonwealth Fund Survey 2006
 

Im deutschen Gesundheitssystem freilich bringen Zuhören und Patientengespräche kein Geld. Ein Kassenarzt bekommt bestenfalls um die fünf Euro, egal wie lange es dauert, wenn die Beratung nicht ohnehin in den Fallpauschalen enthalten ist. Zeit hat er nicht, denn ihn wollen wöchentlich im Schnitt 243 Patienten sehen, wie eine Vergleichsstudie des Commonwealth Fund ergab. Manche Ärzte reagieren bereits irritiert, wenn ihnen der Patient die Hand zur Begrüßung reicht.

Bild: Placebo-Tabletten helfen, wenn der Patient sie für wirksam hält. Foto: pa/chromorange

Kein Wunder also, dass die Erkenntnis, wie wichtig Glaube und Erwartung für die Genesung sind, nur langsam an Bedeutung gewinnt. Der Begriff Placebo-Effekt beschreibt dieses Phänomen. Nahezu jedes neue Medikament wird mit einer sogenannten Doppelblind-Studie getestet: Weder Arzt noch Patient wissen dabei, ob sie das richtige Medikament geben bzw. bekommen, oder ein Placebo ohne pharmakologische Wirkung. Sind die Heilerfolge bei der Testgruppe mit dem echten Medikament erkennbar besser als in der Placebo-Gruppe, gilt die Wirkung als bewiesen.

Hohe Erwartung des Patienten an die Akupunktur

Das klingt zunächst logisch. Doch inzwischen mehren sich die Hinweise, dass diese Art der medizinischen Forschung auch auf den Holzweg führen kann. Möglicherweise erhält eine wirksame Behandlungsmethode nur deshalb nicht den wissenschaftlichen Segen und wird als Kassenleistung verworfen, weil ihre Wirkung zum größten Teil auf einem Placebo-Effekt besteht.

Bild: Heilende Hände: Therapie nach der japanischen Reiki-Methode. Foto: pa/okapia

Ein gutes Beispiel dafür liefert eine umfangreiche Akupunktur-Studie der großen deutschen Krankenkassen. Darin wurden drei Patientengruppen gegen chronische Rückenschmerzen behandelt. Die einen bekamen eine chinesische Akupunktur. Die zweite Gruppe erhielt eine Schein-Akupunktur mit Spezialnadeln, die sich bei Hautkontakt zurückziehen, abseits der Akupunktur-Punkte. Einer dritten Gruppe ließ man eine konventionelle Behandlung durch Physiotherapeuten und Medikamente nach den Richtlinien der Schulmedizin angedeihen.

Nach sechs Monaten hatten sich bei 47,6 Prozent der Patienten in der Akupunkturgruppe die Beschwerden gebessert, aber auch bei 44,2 Prozent durch die Scheinakupunktur. Statistisch ist das kein Unterschied, und so müsste man nach den üblichen Maßstäben der Medizin-Forschung Akupunktur als unwirksam einstufen: alles nur Einbildung.

Erwartung mit hoher Wirkung

Betrachtet man allerdings die dritte Gruppe mit schulmedizinischer Behandlung, sieht das Bild ganz anders aus: Nur 27,4 Prozent von ihnen fühlte eine Besserung. Offenbar wirkt die Erwartung des Patienten bei Akupunktur so stark, dass die Behandlung doppelt so vielen Patienten hilft wie konventionelle Medizin. Inzwischen ist Akupunktur bei chronischen Rückenschmerzen tatsächlich eine Kassenleistung. Für die Placebo-Behandlung wird gezahlt.

Viele Untersuchungen zeigen, dass der Placebo-Effekt umso stärker wird, je mehr Eindruck die Behandlung auf den Patienten macht. Große Pillen wirken stärker als kleine, vier Tabletten täglich mehr als zwei und ein bekanntes Produkt besser als dieselben Pillen in einer unbekannten Schachtel.

Scheinoperationen werden aus ethischen Gründen abgelehnt

Die Diskussion hat mittlerweile selbst die Chirurgen erreicht. "Manche halten das für Erfahrung, was sie 30 Jahre lang falsch gemacht haben", mahnte Prof. Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie vor weinigen Wochen und forderte seine Zunft auf, über "Placebochirurgie" zu debattieren. Bis heute sind weltweit erst 22 chirurgische Verfahren mit Placebo-Operationen überprüft worden. Scheinoperationen werden aus ethischen Gründen meist verworfen.

Bild: Knie-OP: Die Arthroskopie bei abgenutzten Gelenken steht im Verdacht, vor allem durch Placebo-Effekte zu wirken. Foto: pa/dpa

Möglicherweise haben aber manche Standard-Operationen keinen anderen als den Placebo-Effekt. Als Beispiel nennt Bauer die Arthroskopie, die häufig an abgenutzten Kniegelenken angewendet wird. Das Gelenk wird gespült und Knorpel abgetragen. Dr. Bruce Moseley, ein US-Orthopäde aus Houston, hatte den Placebo-Effekt schon 2002 mit 180 Patienten untersucht.

Den einen wurde das Knie tatsächlich operiert, die anderen wurden in einen Dämmerschlaf gesetzt, wobei man mit Wassereimern die Spülgeräusche der OP simulierte, die Haut aber nur anritzte. Die Ergebnisse waren in beiden Gruppen identisch.

Placebo-Effekt durch Lernprozesse herbeiführen

Andere halten es durchaus nicht für schlecht, wenn Selbstheilungskräfte stimuliert werden. Prof. Manfred Schedlowski von der Uni-Klinik Essen versucht seit Jahren, "die Apotheke im Kopf des Menschen" gezielt zu nutzen. Der Psychologe experimentiert nicht wie sein italienischer Kollege Benedetti mit der Erwartung der Patienten, sondern versucht den Placebo-Effekt durch assoziative unbewusste Lernprozesse herbeizuführen.

Im Tierversuch wie auch im Experiment mit Menschen ist es ihm bereits gelungen, das Immunsystem zu beeinflussen. Gibt man ein Medikament in Kombination mit einem Geschmacksreiz, lernt der Körper den Zusammenhang. Gibt man später nur noch den Geschmacksstoff, laufen im Körper die gleichen biochemischen Prozesse ab, als hätte man ein Medikament gegeben.

Schedlowski will die Placebo-Idee gezielt einsetzen, um Dosierung und unerwünschte Nebenwirkungen zu vermindern. Denkbar sei, dass nur noch jede zweite Pille in der Schachtel tatsächlich den Wirkstoff enthalte.

Meinung: Einblick in eine andere Dimension

Christian Seel

Von Christian Seel

Vor mehr als 2000 Jahren hat Jesus Menschen mit Händen und Worten geheilt. So wird es in der Bibel überliefert. Menschen mit Arthritis, Blindheit und Lepra stellte er die Frage: "Willst du gesund werden?" Sie wollten und sie wurden es.

Heute erscheint der Mensch in den Augen der Medizin, Biochemie und Genforschung nur als eine komplizierte Maschine, deren letzte Schalter, Windungen, Schnittstellen irgendwann vollständig entschlüsselt sein werden. Dann kann man sie jederzeit gut reparieren, so die Vorstellung.

Viele Menschen suchen jedoch zunehmend auch abseits der Schulmedizin nach Wegen, um gesund zu bleiben oder um es zu werden. Es besteht offenbar ein starkes Bedürfnis, körperliche Heilung und menschliches Heilsein wieder in Einklang zu bringen. Im medizinischen Betrieb gibt es dafür allerdings keinen Punktwert in der Gebührenordnung und auch keinen Ausbildungsplan. Hier werden Ärzte dafür bezahlt, dass sie Krankheiten heilen, nicht Menschen. "Willst du gesund werden?" Die Antwort auf diese Frage interessiert kaum jemanden.

Die Placebo-Forschung stößt hier ein kleines Türchen auf in eine andere Dimension. Unser Geist und Körper sind offenbar zu einer rätselhaften Zusammenarbeit fähig, welche Krankheiten lindern oder sogar heilen kann. Offenbar ist der Mensch ja doch mehr als nur eine Maschine.

Info: Opium im Kopf

Placebo kommt vom Lateinischen "Ich werde gefallen" und bezeichnet eine Pille ohne Wirkstoff oder eine Scheinbehandlung. Warum Placebos trotzdem wirken, ist erst in Ansätzen erforscht. Sie können aber nachweisbar biochemische Prozesse im Gehirn auslösen und stimulieren u.a. das Schmerzhemmsystem, das durch körpereigene Opiate gesteuert wird. Nicht alle Menschen reagieren gleich gut auf Placebo-Effekte.


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Quellen

Gespräch mit Prof. Fabrizio Benedetti, Neurowissenschaftler an der Universität Turin, Dez. 2008
Gespräch mit Prof. Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Dez. 2008






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