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Parodontitis - Putzen gegen Herzinfarkt

Von Christian Seel (26. Juni 2011)

Regelmäßiges Zähneputzen beugt Parodontitis vor. Foto: pa/chromorange

Eine Parodontitis scheint das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt, für Diabetes, rheumatische Entzündungen und sogar für Frühgeburten zu erhöhen. Ein Forscher erklärt den Zusammenhang

Mit fortschreitendem Lebensalter erkrankt bei vielen Menschen der Zahnhalteapparat, Zahnfleisch und Kieferknochen schwinden, so dass es zum Zahnausfall kommen kann. Zugleich scheint die sogenannte Parodontitis aber auch das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt, für Diabetes, rheumatische Erkrankungen und sogar für Frühgeburten zu erhöhen. An der Uni Bonn beschäftigt sich eine Forschergruppe mit diesem Phänomen. Christian Seel sprach mit dem Projektleiter Prof. James Deschner.

Bild: Parodontis-Experte Prof. James Deschner. Foto: priv

GESUND: Die chronische Entzündung im Mund kann angeblich den gesamten Körper beeinträchtigen. Ist das belegbar?
Prof. James Deschner: Ob sich Erkrankungen in der Mundhöhle auf den Gesamtorganismus auswirken, wird seit einigen Jahren intensiv weltweit beforscht. Statistisch belegbar ist nun der Zusammenhang für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, darunter Schlaganfall und Herzinfarkt, für Diabetes, für rheumatoide Arthritis und bei Schwangeren für Frühgeburten und Untergewichtigkeit der Babys. Durch Parodontitis erhöht sich das Risiko dafür oft erheblich, für Diabetes, Arthritis und Frühgeburtlichkeit sogar um das Dreifache. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht man von einer Risikoerhöhung um mindestens 17 Prozent aus.

GESUND: Wie erklären Sie das?
Deschner: Die Wirkung wird einerseits den Bakterien, die sich in den Zahnfleischtaschen befinden, direkt zugeschrieben, andererseits der überschießenden Entzündungsreaktion im Zahnhalteapparat. Bakterien und ihre Bestandteile sowie Entzündungsmoleküle gelangen aus dem Zahnhalteapparat in die Blutbahn und dadurch in den gesamten Körper. Die Bakterien und Entzündungsmoleküle können so zum Beispiel die Herzkranzgefäße und die Aorta schädigen. Auch in der Fruchtblase hat man sie gefunden. Im Muskel-, Leber- und Fettgewebe können die Entzündungsmoleküle die Insulinrezeptoren hemmen. So steigen Insulinresistenz und Blutzuckerwerte an. Man beobachtet das schon bei Parodontitis-Patienten, die noch keinen Diabetes haben. Parodontitis fördert also bei Gesunden Prädiabetes, bei Prädiabetikern die Entstehung eines manifesten Diabetes, und bei einem Diabetiker die Entstehung von diabetischen Folge- und Begleiterkrankungen.

 

Bild: Zunächst ist das Zahnfleisch entzündet. Wenn die Bakterien den Zahnhals hinab wandern, zieht sich das Zahnfleisch zurück. (zum Vergrößern klicken) Foto: pa/wissen media verlag

GESUND: Auch Übergewicht wird inzwischen mit Parodontitis in Verbindung gebracht.
Deschner: Der Zusammenhang ist statistisch nicht zu leugnen. Möglicherweise verstärken Moleküle aus dem vermehrten Fettgewebe die Entzündungs- und Abbauprozesse im Zahnhalteapparat. Denkbar ist aber auch, dass bestimmte Parodontitis-Bakterien zur veränderten Verwertung der Nahrung führen, so dass Parodontitis-Patienten stärker zunehmen als andere. Weiterhin könnte es sein, dass Parodontitis-Bakterien den Appetit anregen. Es sind manchmal wenige Moleküle, die die Essgewohnheiten verändern. Hier wird die Forschung in den nächsten Jahren zeigen, wie der statistische Zusammenhang zustande kommt.

GESUND: Sind Parodontits-Bakterien besonders aggressiv?
Deschner: In der Mundhöhle gibt es etwa 500 bis 700 verschiedene Bakterien, von denen aber nur wenige im Zusammenhang mit Parodontitis stehen. Parodontitis entsteht nicht durch ein spezielles Bakterium, sondern durch verschiedene Bakterien. Parodontitis-Bakterien werden teilweise auch bei gesunden Patienten gefunden. Sie sind dann jedoch weniger aggressiv und die Abwehrprozesse im Zahnhalteapparat können den bakteriellen Angriff besser abwehren.

GESUND: Wie häufig ist Parodontitis?
Deschner: Extrem häufig. Bei 35- bis 44-Jährigen sind mehr als 70 Prozent betroffen, im höheren Alter hat sie fast jeder. Trotz guter Mundhygiene nimmt das Problem in Deutschland noch zu.

GESUND: Warum?
Deschner: Es mag wie ein Widerspruch klingen, aber vermutlich deshalb, weil Zähne oft erhalten werden können und im Mund bleiben. Ohne Zähne gibt es keine Parodontitis. Der Körper wehrt sich gewissermaßen gegen die bakterielle Entzündung, indem sich Zahnfleisch und Knochen zurückbilden, bis schließlich der Zahn ausfällt und dadurch auch die Bakterien eliminiert werden.

GESUND: Wie können Patienten sich schützen?
Deschner: Durch intensive Mundhygiene lässt sich die Entstehung erheblich verzögern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Deshalb sollte man morgens und abends nach den Mahlzeiten Zähne putzen. Noch wichtiger ist die Reinigung der Zahnzwischenräume, wo Zunge, Lippe, Wangen und Speichel nicht hinkommen, mit Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürstchen. Einmal jährlich sollte man zur Kontrolle zum Zahnarzt, zweimal jährlich zur professionellen Zahnreinigung. Blut im Mund beim Zähneputzen deutet auf Zahnfleischentzündung hin, die in eine Parodontitis übergehen kann. Wenn Zähne sich bewegen oder locker werden: auf jeden Fall Zahnarzt aufsuchen.

GESUND: Fördert Alkohol Parodontitis?
Deschner: Das denken manche, stimmt aber nicht. Gefährdet sind vor allem Raucher. Rauchen ist wie nicht putzen.

Informationen: Wirkung von Parodontitis

In einer Interdisziplinären Diagnostik-Initiative für Parodontitisfrüherkennung (IDI-PARO)haben sich deutsche und internationale Zahnärzte zusammengeschlossen, um die Verbreitung von Parodontitis in der Bevölkerung zu reduzieren. Informationen zu diesem Netzwerk bekommt man unter www.parodontitisfreies-deutschland.de.

Mit drei Millionen Euro ist die so genannte Forschungsgruppe 208 ausgestattet. Unter Leitung von Prof. James Deschner an der Uni Bonn werden die verschiedenen Auswirkungen der Parodontitis auf den Organismus in acht verschiedenen Projekten erforscht. Eine Übersicht gibt diese Seite. Das Deutsche Ärzteblatt berichtet in diesem Beitrag über die Forschung. Deschner selbst schreibt in "Zahnarzt & Praxis" über den Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Insbesondere mit der Wechselwirkung von Parodontitis mit Diabetes mellitus befasst sich dieser Beitrag im Ärzteblatt Sachsen. Ein Konsensuspapier hat Prof. Deschner in "Der Internist" veröffentlicht. Zahnpflegemittel-Hersteller Colgate-Palmolive betreibt die Webseite "Gesund im Mund bei Diabetes", auf der sich auch Informationen zu diesem Thema finden.


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Quellen

Interview mit Prof. James Deschner, Zahnmediziner und Projektleiter einer klinischen Forschungsgruppe zu den Folgen von Parodontitis an der Universität Bonn, Juni 2011


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