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Medizin

Krank vor Angst: Der Nocebo-Effekt beim Arzt

Von Susanne Wächter (8. November 2012)

Die Furcht vor Risiken und Nebenwirkungen einer Behandlung behindert oft die Heilung. Ein falsches Wort vom Arzt kann Patienten sogar krank machen.

"Ihr Rücken ist ein Trümmerfeld", oder: "dann machen wir sie jetzt fertig", solche Aussagen von Medizinern, können für Patienten fatale Folgen haben. Während Tabletten ohne jeglichen Wirkstoff heilen können, kann im Umkehrschluss eine bloße Erwartung bei der Einnahme von pharmazeutischen Mitteln oder einer ärztlichen Behandlung krank machen. Nocebo, was übersetzt so viel heißt wie "ich werde schaden", gilt als das Gegenteil des bekannteren Placebo-Effektes.

Genetik könnte beim Nocebo eine Rolle spielen

"Seit ungefähr zehn Jahren ist der Nocebo-Effekt stärker in den Fokus der Forschung geraten", sagt Prof. Manfred Schedlowski vom Institut für Medizinische Psychologie an der Uniklinik in Essen. Warum einige Menschen stärker auf Nocebo-Effekte ansprechen als andere, ist jedoch noch nicht erforscht. "Das ist die 100.000 Euro-Frage", sagt Schedlowski und lacht. "Die Genetik könnte eine Rolle spielen, dies ist aber eine reine Hypothese und noch nicht bestätigt worden." Fest steht dagegen, dass allein Gedanken krank machen können.

Schedlowski führt die Wirkung von Gedanken auf neuropsychologische Mechanismen zurück. "Wenn ein Arzt seinem Patienten vermittelt, dass das Medikament, das er ihm verabreicht, eine schmerzlindernde Wirkung erzeugt, wird es besser wirken, als wenn er ihm mögliche negative Folgen der Medikamentenabgabe erklärt", sagt Schedlowski. Im Körper können allein die Gedanken Mechanismen in Gang setzen. Der Körper setzt Botenstoffe frei, die im Gehirn entsprechende Symptome auslösen können.

Nocebo-Effekte beim Medikamenten-Wechsel

In Hamburg hat die Neurologin Dr. Ulrike Bingel, die als Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätsklinikums arbeitet, Placebo- und Nocebo-Effekte getestet. In ihrem jüngsten Versuch zeigte sie, dass die Erwartung der Patienten auch beim Wechsel von Medikamenten die Wirksamkeit der Mittel entscheidend beeinflusst. Ihre Probanden erhielten eine vermeintlich schmerzlindernde Salbe an verschiedenen Stellen der Haut. Was die Versuchspersonen nicht wussten: Die Schmerzreize, die ihnen mittels Hitze gegeben wurden, waren unterschiedlich stark, sodass eine Gruppe gute Erfahrungen, die andere aber eher schlechte Erfahrungen mit dem Mittel machte. Einen Tag später erhielten die Patienten ein Schmerzpflaster, das Schmerzreize um 30 Prozent heruntersetzte.

 Diejenigen, die zuvor schlechte Erfahrungen mit der Salbe gemacht haben, bescheinigten nun auch dem Pflaster eine nur geringe Wirkung. Für Bingel ein Indiz, dass das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Stufenschema zur Schmerzbehandlung fragwürdig ist. Es sieht vor, mit einem schwachen Medikament zu beginnen, um das Ganze im Verlauf der Therapie steigern zu können. "Da offenbar Lernvorgänge bei pharmakologischen Behandlungen eine Rolle spielen, ist es wichtig, ein Therapieversagen zu vermeiden", sagt Bingel. Patienten würden oft wochenlang unter wirkungslosen Arzneien leiden, bevor sie auf andere Präparate umgestellt werden. In dieser Zeit aber hätte sich die schlechte Erfahrung festgesetzt und könnte die Wirkung des neuen Mittels einschränken.

Meinung: Mehr reden

GESUND-Redakteur Christian Seel

Von Christian Seel

Wer durch die Flure einer modernen Großstadtklinik irrt, den überkommen unwillkürlich Zweifel, ob man zwischen hastendem Personal, nackten Wänden und Neonlicht wirklich gut genesen kann. Sicher: Krankenhäuser sollen keine Wellnesstempel sein. Aber müssen sich nicht trotzdem Patienten in ihnen gut aufgehoben fühlen? Inzwischen fragen sich das auch manche Ärzte.

Wie negative Erwartungen entstehen und den Heilungsverlauf behindern, das beschäftigt die sogenannte Nocebo-Forschung. Sie steht noch am Anfang. Aber sie weist Ärzten und Pflegekräften den Weg zu einer anderen Medizin, die das Gespräch mit dem Patienten als wesentlichen Teil der Behandlung begreift. Von den Krankenkassen wird das bislang nicht angemessen vergütet, im Studium kaum gelehrt. Ärzte, die es können, sind Autodidakten oder Naturtalente.

Im Klinikalltag und vielen Praxen fehlt zum Gespräch die Zeit. Stattdessen wird schonungslos aufgeklärt über Risiken und Nebenwirkungen, um später Regresse zu vermeiden. Das schürt Angst und behindert bei sensiblen Patienten den Heilungsverlauf.

Bis die Nocebo-Erkenntnisse zum Umdenken im Medizinbetrieb führen, werden trotzdem wohl Jahre vergehen. Immerhin hat das Deutsche Ärzteblatt seine Leser schon mal darüber aufgeklärt, was Klinikärzte nie zu Patienten sagen sollten. Beispiel: "Das tut immer höllisch weh". Oder vor der Narkose: "Jetzt schläfern wir Sie ein."

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