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Medizin

Magenbypass-OP statt Insulin-Spritze

Von Klaus Fleck (5. Juli 2012)

Viele Diabetiker können nach der Magenbypass-Operation auf das Spritzen von Insulin verzichten. Foto: GETTY IMAGES/ballyscanlon

Bei Adipositas kann ein Magenbypass helfen, das Gewicht und damit Gesundheitsrisiken drastisch zu senken. Studien geben Hoffnung, dass sich mit dem Eingriff auch Diabetes Typ2 heilen lässt.

"Sie müssen unbedingt abnehmen!" Wenn alle Bemühungen erfolglos bleiben, dieser ärztlichen Aufforderung zu folgen, kann stark Übergewichtigen seit einigen Jahren eine Magenoperation helfen. Damit verschwinden nicht nur überzählige Pfunde, sondern oft ebenfalls eine bestehende Zuckerkrankheit. Mediziner untersuchen nun, inwieweit auch weniger schwergewichtige Diabetiker von einem solchen Eingriff, speziell einem Magenbypass, profitieren – und möglicherweise langfristig von ihrem Diabetes geheilt werden könnten.

Starkes Übergewicht bleibt selten allein. Oft geht es einher mit erhöhtem Blutdruck, krankhaft veränderten Blutfettwerten und Diabetes mellitus Typ 2. Zusammen werden diese Risikofaktoren als metabolisches Syndrom oder auch "tödliches Quartett" bezeichnet, da sie weitere Krankheiten nach sich ziehen und das Leben verkürzen können. Diabetes etwa attackiert die Blutgefäße und Nerven, kann zu Augen- und Nierenschäden führen und sogar Fußamputationen erforderlich machen. Medikamente bzw. das Spritzen von Insulin sollen die Zuckerkrankheit in Schach halten, heilen lässt sie sich damit aber nicht.

Magenbypass: Diabetes oft schon bald verschwunden

Idealerweise wird Übergewicht abgebaut, in dem man seine Essgewohnheiten verändert und sich mehr bewegt. Doch das gelingt leider längst nicht allen, insbesondere wenn sie sehr stark übergewichtig sind. Solche Patienten können sich am Magen operieren lassen. "Übergewichtschirurgie gibt es seit rund zwei Jahrzehnten – mit guten Erfolgen", sagt Prof. Markus W. Büchler, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und chirurgischer Chefarzt an der Universität Heidelberg. Zu den gängigsten Methoden gehört dabei der Magenbypass, eine Form der Magenverkleinerung.

Bei der Magenbypass-OP wird ein Teil des Magens stillgelegt. Die Nahrung gelangt dann unter Umgehung des Zwölffingerdarms direkt in den Dünndarm (s. Grafik). Eine andere Methode ist der Schlauchmagen, bei dem ein Teil des Magens entfernt und der Rest zu einem "Schlauch" zusammengenäht wird. Die Folge einer solchen Operation ist, dass der Patient weniger Nahrung aufnimmt – und sein Gewicht abnimmt.

Grafik: So funktioniert der Magenbypass. Grafik: Henriette Anders

"Es ist klar belegt, dass ein solcher Eingriff extrem Übergewichtigen hilft, dauerhaft abzunehmen. Gleichzeitig bewirkt er, dass Risikofaktoren des metabolischen Syndroms günstig beeinflusst werden, die Patienten seltener an Krebs erkranken und länger leben", erklärt Prof. Büchler mit Verweis auf Langzeitdaten einer schwedischen Studie. Was die Mediziner bei den derart operierten Diabetikern allerdings überraschte, war das Tempo, mit dem ihre Zuckerkrankheit nach der Operation zurückging – noch bevor es überhaupt zu einer Gewichtsabnahme kam. "Bei der Mehrzahl der Patienten", so der Chirurg, "war der Diabetes bereits nach Tagen verschwunden, bei den anderen zumindest deutlich gemildert". Das ist ein Hinweis darauf, dass sich die Magenbypass-Operation auch unabhängig von der späteren Gewichtsabnahme günstig auf einen Diabetes auswirkt.

Magenbypass-OP wirkt besser als Medikamente

Den Nutzen einer Magenbypass-Operation bei schwer Übergewichtigen zeigen ebenso zwei kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studien. Dabei wurde die Operation direkt mit einer medikamentösen Therapie verglichen. "In beiden Studien", erläutert Prof. Büchler, "erzielte der Magenbypass die bessere Wirkung: Zwei Jahre nach der Operation hatten in der einen Studie 42 Prozent der Diabetiker einen normalen Langzeit-Blutzuckerwert. In der anderen Studie erzielten sogar 75 Prozent eine Normalisierung des Blutzuckerstoffwechsels und konnten damit auf Insulinspritzen verzichten. Medikamente hingegen ließen den Diabetes erwartungsgemäß nicht verschwinden."

Die Magenbypass-Operation beeinflusst den Diabetes über unterschiedliche Mechanismen, die derzeit weiter erforscht werden. Den von der Gewichtsabnahme unabhängigen Effekt erklären die Forscher unter anderem mit der Wechselwirkung verschiedener Hormone.

"Uns interessierte nun, ob der Magenbypass auch nur leicht übergewichtigen Diabetikern Vorteile bringt", so Prof. Büchler. Das Ergebnis einer jetzt abgeschlossenen zweijährigen Studie mit 20 Patienten an der Universität Heidelberg zeigte: Alle Patienten konnten ihren Insulinbedarf um mindestens die Hälfte reduzieren, 70 Prozent der Patienten waren nach einem halben Jahr vom Diabetes befreit.

Komplikationen und spätere Mangelerscheinungen möglich

"Dennoch sollten sich leicht übergewichtige Diabetiker momentan höchstens im Rahmen klinischer Studien einer Magenbypass-OP unterziehen, da für diese Patientengruppe noch keine Langzeiterfahrungen vorliegen", betont der Chirurg. Vor kurzem startete unter Federführung der Heidelberger Klinik deshalb eine bundesweite Studie, bei der 200 Patienten mit Magenbypass 200 Patienten mit Insulintherapie gegenübergestellt werden. Sie soll zeigen, ob die Operierten langfristig besser, komplikationsärmer und länger leben.

Dass extrem übergewichtige Diabetiker sehr gut von einem Magenbypass profitieren können, davon ist auch der Internist Prof. Andreas Pfeiffer überzeugt, der die Abteilung für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin an der Berliner Charité leitet: "Bei den meisten von ihnen bessert oder normalisiert sich der Zuckerstoffwechsel. Allerdings müssen die Patienten wissen, dass eine solche Operation ein erheblicher Eingriff in den natürlichen Ablauf der Verdauung ist und verschiedene Mangelerscheinungen und Komplikationen zur Folge haben kann."

So ist nach der Magenbypass-Operation die Aufnahme von Vitaminen und Spurenelementen eingeschränkt, weil der obere Dünndarm fehlt. Ein Mangel an Vitamin B12 etwa kann Blutarmut verursachen, ein Mangel an Vitamin D und Kalzium stört den Knochenstoffwechsel und kann möglicherweise zu einer Osteoporose führen. Operierte müssten deshalb intensiv ernährungsmedizinisch beraten und dauerhaft internistisch betreut werden.

Prof. Pfeiffer empfiehlt seinen Patienten, für die eine Magenbypass-Operation in Frage kommt, außerdem, sich vorab bei einer Selbsthilfegruppe bzw. anderen Magenbypass-Operierten zu informieren. Auch er sieht Chancen, dass der Eingriff weniger übergewichtigen Diabetikern das Leben erleichtern könnte. "An einen breiteren Einsatz der Methode wird man bei ihnen aber erst denken können, wenn positive Langzeiterfahrungen vorliegen."

Informationen:

Übergewicht Laut Definition der Weltgesundheits- organisation (WHO) beginnt Übergewicht bei einem Body Mass Index (BMI) von 25. BMI = Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat (kg/m2). Ab einem BMI von 30 spricht man von Adipositas (Fettleibigkeit), ab einem BMI von 35 von extremer Fettleibigkeit. Stark übergewichtig (BMI > 30) ist in Deutschland etwa jeder Fünfte.

Diabetes Von Diabetes mellitus Typ 2 sind hierzulande etwa 9 Prozent der Bevölkerung betroffen, davon sind rund 40 Prozent insulinpflichtig. Damit gehört Deutschland in Europa zu den Ländern mit der höchsten Diabeteshäufigkeit. Übergewicht und Diabetes Typ 2 hängen eng zusammen. "Wer vier Kilogramm an Gewicht zunimmt, verdoppelt damit sein Diabetesrisiko", sagt der Berliner Ernährungs- und Diabetes-Experte Prof. Andreas Pfeiffer. Bei einem BMI von 35 sei das Diabetesrisiko im Vergleich zu einem Normalgewichtigen um das 30- bis 50fache erhöht. Rund 90 Prozent der Typ-2-Diabetiker seien übergewichtig.


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Quellen

Gespräch mit Prof. Markus W. Büchler, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, chirurgischer Chefarzt an der Universitätsklinik Heidelberg, Juni 2012
Gespräch mit Prof. Andreas Pfeiffer, Leiter der Abteilung für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin an der Berliner Charité, Juni 2012
Philip R. Schauer et al.: "Bariatric Surgery versus Intensive Medical Therapy in Obese Patients with Diabetes", N Engl J Med 2012, online first 26. März 2012, DOI: 10.1056/NEJMoa1200225.
Geltrude Mingrone, M.D., et al.: "Bariatric Surgery versus Conventional Medical Therapy for Type 2 Diabetes", N Engl J Med 2012, online first 26. März 2012, DOI: 10.1056/NEJMoa1200111.






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