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Krebstherapie zu Hause mit Tabletten

Von Sabine Abel (4. Dezember 2012)

Die neuen Medikamente zur Krebstherapie müssen genau nach Vorschrift eingenommen werden. Foto: PA/dpa

Statt Infusionen werden heute bei der modernen Krebstherapie in einigen Fällen Tabletten verordnet. Der Patient kann sie zu Hause einnehmen, doch das kann auch problematisch sein.

Neue Substanzen zur Behandlung von Krebserkrankungen werden heute häufig nicht mehr als Infusion gegeben wie die herkömmliche Chemotherapie, sondern als Tabletten. Das heißt, der Patient kann sie zu Hause einnehmen, ist nicht mehr an Termine im Krankenhaus oder in der Praxis gebunden. Aber diese neuen Krebstherapien bringen auch mögliche Probleme mit sich, auf die sich Ärzte, Pflegepersonal, Apotheker und Patienten einstellen müssen.

"Es gibt inzwischen einige Chemotherapeutika als Tabletten, die sonst als Infusionen gegeben werden", sagt Prof. Henning Schulze-Bergkamen vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen am Universitätsklinikum Heidelberg, "aber diese können nur bei einem kleinen Teil der Patienten eingesetzt werden." Als Tabletten eingenommen werden vor allem die neuen, zielgerichteten Tumormedikamente, die Kinasehemmer (siehe Kasten). "Wir haben drei verschiedene Einsatzmöglichkeiten dieser Arzneimittel", erläutert der Krebsspezialist: "Orale Tumortherapeutika können die Chemotherapie ersetzen, sie können sie ergänzen und sie können dann eingesetzt werden, wenn andere Behandlungen versagen."

Gute Erfolge der neuen Krebstherapie bei einigen Tumorarten

Bei einigen Tumorerkrankungen haben die Mittel bereits zu einer erheblichen Verbesserung der Krebstherapie beigetragen. Prof. Schulze-Bergkamen: "Bei der chronisch myeloischen Leukämie kann mit einer Tablette pro Tag eine zusätzliche Überlebenszeit von fünf bis zehn Jahren erreicht werden." Nierentumore, schwarzer Hautkrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, bestimmte Lungentumore, metastasierter Brustkrebs oder Enddarmtumore sind ebenfalls Erkrankungen, bei denen in Studien nachgewiesen wurde, dass durch eine Behandlung mit oralen Tumortherapeutika der Verlauf der Krankheit gestoppt oder verlangsamt werden kann. Zahlreiche weitere der neuen Substanzen befinden sich bereits im Zulassungsprozess.

"Einige Zulassungsstudien für diese Medikamente haben gute Ergebnisse gebracht, aber die Praxis kann diese im Moment nicht immer widerspiegeln, weil zum Beispiel die korrekte Einnahme der Mittel nicht gewährleistet ist", gibt Anja Beylich, onkologische Fachpflegekraft und Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin zu bedenken. Sie betreut Krebspatienten in einer hämatologisch-onkologischen Praxis und setzt sich für ein spezielles Pflegekonzept für Patienten ein, die mit einer oralen Krebstherapie behandelt werden.

Patienten sind mit Problemen erst einmal allein

Diese Patienten müssen nicht regelmäßig in die Klinik oder Praxis zur Infusion kommen, sie sind flexibler, können z. B. auch einmal verreisen. Andererseits heißt das aber auch, dass sie nicht immer regelmäßig einen fachkundigen Ansprechpartner haben. Sie müssen selbst darauf achten, die Tabletten zu den vorgeschriebenen Zeiten und in der richtigen Art und Weise (z. B. vor, zum oder nach dem Essen) einzunehmen, damit eine ausreichende und gleichmäßige Wirkung gewährleistet ist. Mit Problemen und Nebenwirkungen der Krebstherapie sind sie erst einmal auf sich allein gestellt.

Anja Beylich plädiert deshalb für eine institutionalisierte, regelmäßige Sprechstunde, in der spezialisierte Pflegekräfte die Patienten auf Grundlage der ärztlichen Diagnose und Therapie-Verordnung informieren und beraten können. Auf dem 10. Gesundheitspflegekongress im Oktober in Hamburg stellte sie ihre Überlegungen für ein entsprechendes Projekt vor.

Sie arbeitet an einem Konzept, das auf den Ergebnissen einer Arbeitsgruppe von Schweizer Medizinern und Pflegefachkräften beruht. Diese haben einen Leitfaden für Ärzte, Pflegekräfte und Apotheker entwickelt. Das Ziel ist, dass der Behandlungsplan, den der Arzt aufgestellt hat, möglichst konsequent umgesetzt wird. Dafür müssen nicht nur die ärztliche Verordnung sondern auch die persönliche Situation des Patienten und eventuelle Komplikationen, die auftreten können, berücksichtigt werden.

Wechselwirkungen mit Medikamenten und Lebensmitteln

"In der Pflegesprechstunde kann man zum Beispiel besprechen, wie motiviert der Patient ist, was ihm helfen kann, dass er seine Medikamente regelmäßig einnimmt", sagt Anja Beylich. Wichtig sei auch die Information über mögliche Nebenwirkungen der Krebstherapie, was der Patient dann selber zur Linderung unternehmen kann und in welchen Fällen er unbedingt den Arzt oder eine Klinik aufsuchen sollte. Patienten und ihre Angehörigen sollten auch die Möglichkeit haben, sich zwischendurch telefonischen Rat zu holen, so Anja Beylich.

Die Nebenwirkungen der Kinasehemmer unterscheiden sich von denen, die bei einer Infusions-Chemotherapie auftreten können. "Insgesamt sind die Kinasehemmer nebenwirkungsärmer, aber es kann unter anderem zu akneähnlichen Hautveränderungen kommen oder zu Veränderungen im Blutbild, die Haut an den Fingern kann rissig, die Schilddrüse angegriffen werden", sagt Prof. Schulze-Bergkamen. Wie Infusionen können die Tabletten aber auch Übelkeit und Durchfälle auslösen.

Zudem gebe es bei den oralen Tumortherapeutika eine erhebliche Anzahl von Wechselwirkungen, auch mit pflanzlichen Präparaten und Nahrungsmitteln, betont der Mediziner. Zum Beispiel Johanniskraut- oder Gingko-Präparate, aber auch Lebensmittel wie Grapefruitsaft können die Wirksamkeit der Krebsmedikamente stark beeinträchtigen. "Deshalb ist es ganz wichtig, mit dem Patienten einen vollständigen Medikamentenplan aufzustellen, auf dem alle verordneten und selbst gekauften Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel aufgeführt sind", ergänzt Anja Beylich, "damit kann der Patient auch in die Apotheke gehen und sich beraten lassen."

Vorbildliche Merkblätter

Die Pharmafirmen geben für ihre Arzneimittel ausführliche Patientenbroschüren heraus. Doch die Erfahrung von Anja Beylich ist, dass viele Krebs-Patienten in dieser für sie sehr belastenden Situation damit überfordert sind. Vorbildlich sind für die Pflegewissenschaftlerin die von der Schweizer Arbeitsgruppe entworfenen Merkblätter. Auf zwei Seiten werden die wichtigsten Informationen zu dem jeweiligen Mittel aufgelistet, z. B wann und wie man es einnehmen soll. Es gibt praktische Tipps, wie man bei Einnahmefehlern oder bestimmten Nebenwirkungen vorgehen sollte. Außerdem werden hier die Telefonnummern von Arzt, Pflegesprechstunde und Apotheke vermerkt. In der Rubrik Notizen kann der Patient eigene Fragen oder Anmerkungen für den nächsten Arzt- oder Sprechstundenbesuch festhalten.

Medikamente:

Chemotherapie Die Mittel greifen in den Stoffwechsel oder die Teilungsvorgänge von Zellen ein und sollen dadurch Krebszellen zerstören. Allerdings wirken sie auch auf gesunde Zellen, die sich schnell teilen, zum Beispiel in der Darmschleimhaut, in der Mundschleimhaut, an den Haarwurzeln. Dadurch entstehen die typischen Nebenwirkungen der Chemotherapie.

Kinasehemmer Diese modernen Medikamente zur Krebstherapie greifen die Signalwege in den Tumorzellen an. Sie richten sich gegen bestimmte Enzyme, die auf die Zellteilung und das Zellwachstum wirken. Auch diese Mittel können teils gravierende Nebenwirkungen haben, zum Beispiel an der Haut.

Quellen

Gespräch mit Prof. Henning Schulze-Bergkamen vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen am Universitätsklinikum Heidelberg, November 2012
Gespräch mit Anja Beylich, onkologische Fachpflegekraft und Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin in Hamburg, November 2012
Arbeitsgruppe «Adhärenz bei oraler Tumortherapie», www.oraletumortherapie.ch


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