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Medizin

Ethikkommission: Welche Grenzen für Ärzte gelten

Von Barbara Bückmann (7. Dezember 2012)

Künstliche Befruchtung. Darf man die Eizellen auf Erbkrankheiten untersuchen? Foto: Getty/Stone

Sterbehilfe, Babyklappe, Präimplantationsdiagnostik: Prof. Claudia Wiesemann beantwortet moralische Fragen für Mediziner und Forscher

 Als sie junge Assistenzärztin war, lautete die Devise eines Chefarztes: Krebskranken wird der Tumor verschwiegen. "Um ihn zu schonen wurde dem Patienten erklärt, er habe ?schlechte Zellen'." Sie fand das nicht korrekt. Solche Erfahrungen veranlassten Claudia Wiesemann, über die Grundlagen guten ärztlichen Handelns nachzudenken. Sie begann ein weiteres Studium der Philosophie und ist heute Professorin für Medizinethik an der Universität Göttingen, sitzt in der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer und seit Frühjahr 2012 im Deutschen Ethikrat, der Bundesregierung und Parlament in den moralischen Fragen der Lebenswissenschaften berät.

 In einer Hinsicht kann Wiesemann die Position ihres damaligen Chefs verstehen: Er wollte den Kranken nicht die Hoffnung nehmen. Aber: "Ein Patient, der nicht richtig informiert ist, kann keine gute Entscheidung treffen." Besonders bei schweren Krebserkrankungen ist es manchmal schwer zu sagen, ob eine weitere belastende Therapie überhaupt noch das Richtige ist. Heilen um jeden Preis? "Nein". Im Mittelpunkt der Medizin steht für Wiesemann der Mensch, der Patient und seine Bedürfnisse, nicht das, was technisch möglich ist.

"Der Mensch ist kein Auto"

Drei Jahre arbeitete sie im Krankenhaus und war immer wieder irritiert von der dort praktizierten "Reparaturmedizin". "Ein Mensch ist kein Auto. Der rein instrumentelle Ansatz wird ihm nicht gerecht. Er braucht echte Hilfe." Sie möchte Ärzte ermuntern, sich mehr Zeit für das Patientengespräch zu nehmen. "Das erhöht die Zufriedenheit und den Behandlungserfolg." Der Arzt hat das Fachwissen, aber Experte für sein eigenes Leben ist der Patient. Dieses Selbstbestimmungsrecht will sie gewahrt sehen.

Als angehende Medizinethikerin – vor über 20 Jahren – wurde sie manchmal von ärztlichen Kollegen verständnislos betrachtet. Die fanden ihre Fragestellungen und Forderungen überflüssig. Mittlerweile nimmt die Medizin ethische Fragen sehr viel ernster. "Für die Medizinstudierenden ist es heute selbstverständlich, die Wünsche des Patienten zu respektieren." Andererseits werden die klinischen Ethik-Komitees, die viele Krankenhäuser eingerichtet haben, von den Stationsärzten noch zu selten konsultiert. "Dabei können Ethik-Komitees Rat und Hilfe bieten, wenn Ärzte vor einer schwierigen Entscheidung stehen."

Einfluss über Ethikkommission und Ethikrat nehmen

Mit ihrer Position im Ethikrat kann sie jetzt ein bisschen mehr Einfluss nehmen – und im Idealfall dazu beitragen, neue Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns zu entwickeln. "Das ist für mich eine große Freude. Als junge Wissenschaftlerin hätte ich das nicht zu träumen gewagt." Letztlich kreist alles um die Frage: Was ist gutes Leben? Gerade in jüngster Zeit gab es da in der Politik viel Klärungsbedarf. Geregelt werden mussten Themen wie Beschneidung, Organtransplantation, Stammzellenforschung, Babyklappe oder Präimplantationsdiagnostik (PID).

Zur Person: Prof. Claudia Wiesemann

Prof. Claudia Wiesemann. Foto: privatClaudia Wiesemann (Jahrgang 1958) studierte Medizin, Philosophie und Geschichte. 1985 bis 1988 arbeitete sie als Assistenzärztin in der Kardiologie und Intensivmedizin. 1995 habilitierte sie sich an der Universität Erlangen-Nürnberg für Geschichte und Ethik der Medizin. Die Professorin ist Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen, aktiv in verschiedenen Ethik-Kommissionen und seit 2012 Mitglied des Deutschen Ethikrates. Wiesemann ist verheiratet und pendelt zwischen Göttingen und dem fränkischen Schwabach, wo ihr Mann lebt. In ihrer Freizeit kocht sie gern italienisch, beobachtet Vögel und schwärmt für die Musik des Barock.

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