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Erektionsprobleme: Das Schweigen der Männer

Von Barbara Dötsch (7. Oktober 2014)

Männer sind tief erschüttert, wenn sie unter Erektionsproblemen leiden. Foto: pa/image source

Vielen fällt es schwer, mit dem Partner darüber zu reden. Erektionsprobleme sind eine psychische Belastung. Was man dagegen tun kann. Mit Fragebogen.

Rund jeder fünfte deutsche Mann hat Erektionsprobleme, so lauten Schätzungen. Ursache kann eine Blockade im Kopf sein. Stress, Depressionen, Beziehungsprobleme sind Auslöser für die sogenannte erektile Dysfunktion und führen Betroffene in einen Teufelskreis. Doch es gibt auch organische Ursachen, vor allem Durchblutungsstörungen.

Das Problem wird von Männern oft verschwiegen, Hilfe abgelehnt. Dabei gibt es inzwischen eine Reihe von Behandlungsmethoden, mit denen sich die Potenz wiederherstellen lässt.

Erektionsprobleme: Penis im Querschnitt

Zu den Betroffenen gehört Bernhard aus Berlin. Er betreut die bundesweite Telefonberatung der Selbsthilfegruppe "Erektile Dysfunktion". Dort melden sich Männer in allen Altersgruppen, der jüngste war 15. Ein Anrufer berichtet, dass bei einer Prostata-Operation Nervenstränge beschädigt wurden. Nun ist er zerrissen zwischen Wut auf die Ärzte, die angeblich über das Risiko nicht aufgeklärt hätten, und Verzweiflung.

Ein anderer Mann hat seine neue Beziehung mit einem Zettel auf dem Küchentisch beendet, bevor es zu Intimitäten kam. Zu groß sei die Scham, kein "richtiger" Mann zu sein. "Eine Erektionsstörung ist für Männer eine Katastrophe", sagt Bernhard. Sie würden schweigen, um nicht als "Schlappschwanz" dazustehen, und hätten Angst, die Partnerin an einen Potenteren zu verlieren.

Hoher Leidensdruck schon bei geringen Erektionsproblemen

"Bei der Sexualität hängen Körper und Seele eng zusammen", sagt Prof. Udo Engelmann von der Universität Köln, der die Häufigkeit von Erektionsstörungen bei 4.489 Männern in Köln untersucht hat. Bei manchen erzeuge schon eine geringe Erektionsschwäche einen hohen Leidensdruck, "gegen den leider viel zu wenige Männer etwas unternehmen". Nicht einmal jeder dritte Betroffene sucht Hilfe bei einem Facharzt für Urologie oder bei einem Psychotherapeuten.

Erektionsprobleme mit psychischen Ursachen

Dr. Fritz Reinecke ist einer der wenigen deutschen Ärzte, die sowohl Urologe als auch Psychotherapeut sind. Bei zwei Dritteln seiner Patienten findet er keine organische Ursache für die Erektionsstörung. "Der beste Beweis für eine körperliche Unversehrtheit ist eine nächtliche Spontanerektion. Viele meiner Patienten haben so etwas, aber nur wenn sie schlafen und nicht unter Druck stehen", sagt Reinecke.

Stress dagegen aktiviere das vegetative System im Körper so, als drohe Gefahr. "Botenstoffe wie Adrenalin und Noradrenalin sorgen dann dafür, dass die für Flucht oder Verteidigung wichtigsten Körperfunktionen in Alarmbereitschaft sind. Gleichzeitig werden weniger wichtige Funktionen eingeschränkt, und dazu gehört die Erektion", beschreibt Reinecke.

 

Erektionsprobleme: Wie Stress und Angst abgebaut werden

Oft bekommt das Problem eine verhängnisvolle Eigendynamik, in der die Angst vor dem Versagen das nächste Versagen auslöst. Reinecke versucht den Teufelskreis mit Medikamenten zu durchbrechen, die eine Erektion unterstützen. Wirkungsvoll seien auch Psychotherapien, vor allem mit beiden Partnern. Dabei könne es sowohl um die Beziehungsstörung gehen als auch um Wege zum beiderseitigen Orgasmus selbst ganz ohne Erektion.

Erektionsprobleme: Blutdruck-Medikamente bremsen Libido

Prof. Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, hält hingegen 80 Prozent der Impotenz-Fälle für organisch bedingt. In mehr als der Hälfte davon seien Gefäßleiden wie Bluthochdruck, koronare Herzerkrankungen und Fettstoffwechselstörungen die Ursache. Manche erfordern die Einnahme von Medikamenten, die mit dem Blutdruck auch die Erregbarkeit dämpfen können, einige Präparate bremsen zudem die Libido.

Bernhard von der Selbsthilfegruppe "Erektile Dysfunktion" kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Auch bei ihm wurden die Erektionsprobleme durch Blutdrucksenker ausgelöst, waren aber durch ein späteres Absetzen nicht rückgängig zu machen. Auswirkungen auf die Potenz haben meist auch Operationen im kleinen Becken, vor allem bei Prostatakrebs.

Erektionsprobleme durch Durchblutungsstörungen

Zu Risikofaktoren zählen Übergewicht, Rauchen, Diabetes und arteriosklerotische Veränderungen, die eine Durchblutung vermindern. So werden die glatten Muskelzellen weniger gut mit Sauerstoff versorgt, um bei einer Erektion das Blut im Penis zu halten. "Er wird zwar länger, aber nicht hart genug, um eine Penetration durchzuführen", sagt Männerarzt Sommer.

In manchen Fällen ist die Erektionsstörung das Frühsymptom einer Krankheit wie Arteriosklerose. "Bei 40 Prozent der Patienten, die sich mit einer erektilen Dysfunktion bei ihrem Urologen vorstellten, fand man signifikante Verengungen der Arterien", sagt der Kölner Spezialist Engelmann. Die Erektionsprobleme können auch als Warnsignal für eine drohende altersbedingte Makula-Degeneration (AMD) verstanden werden, so Sommer.

Erektionsprobleme mit Statinen behandeln

Ausgelöst wird die Arteriosklerose (Arterienverkalkung) durch einen gestörten Fettstoffwechsel im Blut. Dagegen werden oft Statine (Fettsenker) verschrieben. Einer US-Studie zufolge konnte die Einnahme von Statinen Potenzstörungen deutlich bessern. Sie wirkten fast halb so gut wie PDE 5-Hemmer, die auch gegen Potenzstörungen eingenommen werden. Zu den PDE 5-Hemmern gehört der Viagra-Wirkstoff Sildenafil.

Erektionsprobleme durch Testosteronmangel

Prof. Eberhard Nieschlag, ehemaliger Direktor des heutigen Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Universitätsklinikum Münster, rät Männern mit verminderter Libido und erektiler Dysfunktion zum Labortest. Denn es könnte auch ein Testosteronmangel dahinterstecken. Trotz vieler Berichte über schädliche Nebenwirkungen sei die Testosteron-Gabe bei nachgewiesenem Hormonmangel begründet, betont er: "Eine Begleitbehandlung mit Testosteron kann eine Potenzstörung lindern."

Viagra-Wirkstoff Sildenafil gegen Erektionsprobleme

Das bekannteste Medikament zur Behandlung von Erektionsproblemen ist Viagra. Es fördert die Blutzufuhr in den Penis und drosselt den Blutabfluss. Lange Zeit war die rautenförmige, blaue Pille alleiniger Marktführer, seit 2013 gibt es preiswertere Nachahmer-Produkte, die den gleichen Wirkstoff enthalten: Sidenafil.

Sommer betont aber, dass Sildenafil nur bei Durchblutungsstörungen und psychologischen Problemen helfe. Bei Hormonmangel oder Beckenbodenschwäche sei es Unsinn, solche Mittel zu nehmen. Um durch die muskuläre Schwächung bedingte Erektionsprobleme zu behandeln, hat Sommer am UKE eine Form der Elektrotherapie entwickelt und getestet. Schwellkörper und Becken wurden elektrisch stimuliert. Dies habe sich als wirksamer erwiesen als das Medikament.

Wie Frauen auf Erektionsprobleme reagieren

Unterdessen leiden nicht nur die Männer, sondern in der Regel auch die Partnerinnen. Ein Drittel aller Hilfesuchenden, die sich bei der "Impotenz Selbsthilfe" melden, sind Frauen. Sie suchen die Schuld oft bei sich selbst und erleben, wie ihre Männer sich jeder Chance von Körperkontakt entziehen: sei es durch Überstunden im Büro, angebliche Migräne oder ein späteres Zubettgehen.

"Vermeidungstaktik" nennt Werner von der Selbsthilfegruppe "Erektile Dysfunktion" dieses Verhalten. Er selbst hat einst zwei Jahre lang gebraucht, um offen mit seinem Erektionsproblem umgehen zu können. Das ist inzwischen fast zehn Jahre her. Heute ist er sich sicher, dass seine Ehe auch an seinem Schweigen kaputt gegangen ist.

Betroffene können mit dem Fragebogen Potenzprobleme mehr über sich herausfinden.

Meinung: Fundamental verunsichert

Von Christian Seel

Hart, erfolgreich, leistungsstark: So sehen immer noch sehr viele Männer die Rolle ihres Geschlechts. Versagen ist im Selbstbild nicht vorgesehen und, wenn es im Bett eintritt, besonders bedrohlich. Der Betroffene fragt sich, ob er im Alltag noch seinen Mann stehen wird, wenn auf die Manneskraft ansonsten kein Verlass mehr ist. Plötzlich erscheint alles gefährdet: die Partnerschaft wie der Erfolg im Beruf.

Psychologen sehen Männer in einer Selbstinszenierungskrise. Im Miteinander mit dem weiblichen Geschlecht seien sie oft fundamental verunsichert, glaubt das Kölner Institut Rheingold in über tausend tiefenpsychologischen Interviews herausgefunden zu haben.

Viele Männer wüssten nicht mehr, welche Rolle sie geben sollen: harter Kerl oder verständnisvoller Partner? Moderne Frauen wollen angeblich beides zugleich. Sie machen vor, wie man in vielen Rollen erfolgreich sein kann, im Beruf, im Haushalt, in der Erziehung im sozialen Miteinander.
So kommt es, dass Männer über 40 offenbar immer weniger Lust auf Sex haben, sich zurückziehen und schweigen. Laut Umfragen hat sich die Zahl der durchschnittlichen monatlichen Liebesakte in den letzten Jahrzehnten mehr als halbiert, während die Ausgaben für Potenzmittel seit Jahren steigen. Lösen jedoch lässt sich das Problem in der Regel nur durch offene Gespräche in der Partnerschaft. Damit auch Männern klar wird, dass Liebe mehr ist als Leistung auf dem Laken.

Therapie: Kosten

Impotenz Misslingen innerhalb von mindestens sechs Monaten 70 Prozent der Versuche, einen Geschlechtsverkehr zu vollziehen, spricht man von erektiler Dysfunktion. Die Stärke der Störung kann mit einem standardisierten Fragebogen ermittelt werden.

Kosten Eine erektile Dysfunktion gilt als Krankheit. Die körperliche Untersuchung, Ermittlung des Hormonstatus, Ultraschalluntersuchung, Sonographie und Schwellkörperinjektionstest werden von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen.

Medikamente  Sogenannte Phosphodiesterase-Hemmer Typ 5 (PDE 5-Hemmer) wie Sildenafil hemmen ein Enzym, das zum Erliegen der Erektion führt. Die erhältlichen Präparate müssen privat bezahlt werden und sind verschreibungspflichtig. Sie unterscheiden sich in der Zeit bis zur Wirksamkeit, in der Wirkungsdauer und der Verträglichkeit. Die Mittel erzeugen keine Erektion, sie unterstützen nur Stärke und Dauer. Sie werden 30 bis 60 Minuten vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen. Dabei kann es zu Nebenwirkungen kommen, auch mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind zu beachten. Bei Naturpräparaten wird Yohimbin verordnet, ein aphrodisierender Wirkstoff aus der Rinde des afrikanischen Yohimbe-Baumes.

Psyche Versagensangst und Depressionen können die Störung hervorrufen oder bei organischen Ursachen verstärken und aufrechterhalten. Dann kann eine Selbsthilfegruppe, Sexualtherapie oder Paarberatung helfen. Kosten für notwendige psychosomatische und psychotherapeutische Behandlungen können von den Kassen übernommen werden.

Injektion Bei der sogenannten Schwellkörper-Auto-Injektions-Therapie (Skat) spritzt sich der Patient den Wirkstoff mit einer sehr dünnen Nadel direkt in den Penis. Die Anwendung muss beim Arzt geübt werden, der auch die Dosierung festlegt. Alternativ kann der Wirkstoff mit einem Applikator in die Harnröhre eingeführt werden.

Vakuumpumpen Der Penis wird in einen Plastikzylinder eingeführt und darin ein Unterdruck erzeugt. Dadurch fließt Blut in die Schwellkörper. Wenn der Penis steif genug ist, verhindert ein Penisring den Rückfluss des Blutes. Bei ärztlicher Verordnung übernehmen die Kassen die Kosten.

Operationen Gefäßoperationen bei mangelndem Blutzufluss in die Schwellkörper oder zu schnellem Abfluss sind wegen der ungewissen Erfolgsaussichten selten. Das Einsetzen von Implantaten zerstört große Teile der Schwellkörper. Es können biegsame und aufpumpbare Modelle eingesetzt werden. Bei einer medizinischen Indikation zahlen die Kassen.

Selbsthilfe Die Selbsthilfegruppe "Erektile Dysfunktion" unter www.impotenz-selbsthilfe.de

Quellen

Gespräch mit Bernhard, Betreuer der bundesweiten Telefonberatung der Selbsthilfegruppe "Erektile Dysfunktion", Apr. 2010
Gespräch mit Prof. Udo Engelmann, Universität Köln, Apr. 2010
Gespräch mit Dr. Fritz Reinecke, Urologe, Apr. 2010
Gespräch mit Prof. Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, Apr. 2010
PharmNet.Bund.de, Arzneimittel Informationen für alle, Juni 2013
Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG), Bad Homburg, Feb. 2014
Kostis JB and Dobrzynski JM. The effect of statins on erectile dysfunction: A meta-analysis of randomized trials. J Sex Med, 29 Mar 2014, DOI: 10.1111/jsm.12521
Prof. Eberhard Nieschlag, ehemaliger Direktor des heutigen Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Universitätsklinikum Münster, August 2014


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