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Medizin

Diabetes Typ 2: Auch Schlanke gefährdet

Von Stella Cornelius-Koch (8. November 2012)

Auch die schlanke US_Schauspielerin Halle Berry leidet an Diabetes Typ 2. Foto: PA/dpa

Viele glauben, Diabetes Typ 2 trifft nur Übergewichtige. Doch das stimmt nicht. Die Krankheit kann für normalgewichtige Patienten sogar gefährlicher sein.

Kaum eine andere Erkrankung ist in der Öffentlichkeit so stark mit Übergewicht assoziiert wie Diabetes. Ist jemand normalgewichtig, kann er auch keinen Diabetes Typ 2 ("Altersdiabetes") haben oder ist geheilt – so die landläufige Meinung. Ein Irrtum: Übergewicht ist zwar – neben Vererbung, Bewegungsmangel oder dem Metabolischen Syndrom – ein wichtiger Risikofaktor, aber nicht die alleinige Ursache für Diabetes Typ 2, sagt Prof. Andreas Fritsche, Leiter der Abteilung für Ernährungsmedizin und Prävention der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen. "Tatsache ist, dass unterschiedliche Wege zum Diabetes führen und es somit auch den schlanken Diabetiker gibt. Das Erkrankungs-Risiko hängt nicht allein vom Körpergewicht ab."

Wie gefährlich Normalgewicht bei Diabetes Typ 2 sein kann, verdeutlicht eine im US-Ärzteblatt JAMA veröffentlichte aktuelle Studie. Die Forscher um Dr. Mercedes Carnethon von der Northwestern University in Chicago hatten fünf Langzeitstudien ausgewertet und insgesamt 2565 neu diagnostizierte Typ-2-Diabetiker zehn bis 15 Jahre lang beobachtet.

Die Studienteilnehmer im Alter zwischen 41 und 76 Jahren wiesen keinerlei Herzgefäßerkrankungen auf. Zum Zeitpunkt der Diagnose waren elf Prozent der Patienten normalgewichtig mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 18,5 und 25. Im Beobachtungszeitraum kam es zu 449 Todesfällen. Anders als erwartet war jedoch das Sterberisiko bei den schlanken Typ-2-Diabetikern nicht verringert, sondern doppelt so hoch wie bei den Zuckerkranken mit zu vielen Pfunden. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren wie Geschlecht, Alter sowie Herzgefäß-Risikofaktoren inklusive Raucherstatus und Taillenumfang bestehen.

Wer länger an Diabetes Typ 2 erkrankt ist, nimmt oft ab

Auch hier sind schlanke Typ-2-Diabetiker nicht selten. "Wir sehen in unserer Praxis häufig normalgewichtige Typ-2-Diabetes-Patienten. Vermutlich liegt ihr Anteil sogar höher als die in der aktuellen Studie beobachteten zehn bis 20 Prozent", so Diabetologe Fritsche, der auch Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist.

Je länger der Diabetes Typ 2 besteht, desto häufiger sind die Patienten normalgewichtig. Doch dafür ist nicht ein gesünderer Lebensstil verantwortlich. "Gerade am Anfang der Erkrankung versucht man, die Patienten zum Abnehmen zu bewegen. Leider oft ohne Erfolg." Dafür werden viele Typ-2-Diabetiker mit der Zeit automatisch schlanker, weil sie lange krank sind und der Stoffwechsel sich allmählich auf Abbau einstellt.

Plötzlicher Gewichtsverlust ist ein Alarmzeichen

Bei langjährigen, betagten Patienten mit Diabetes Typ 2 beobachtet der Mediziner oft sogar Untergewicht. Problematisch ist dies vor allem, wenn der Gewichtsverlust plötzlich erfolgt. "Hat jemand zehn oder 15 Kilogramm nicht willentlich – also mit Ernährungsumstellung und Sport – abgenommen, ist dies immer ein Alarmzeichen. Das zeigt, dass es dem Patienten schlecht geht. Man muss dann nach den Ursachen dieser Gewichtsabnahme suchen, zum Beispiel kann sich auch eine Krebserkrankung dahinter verstecken."

Doch auch bei konstant normalem Körpergewicht lohnt es sich, bei Zuckerkranken genauer hinzusehen. In diesem Fall könne mitunter eine "versteckte Fettleibigkeit" vorliegen, erläutert Prof. Stephan Matthaei, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft in einer Stellungnahme zu den neuen Erkenntnissen: "Ausgeprägter Bewegungsmangel führt bei einigen Menschen zu einem Rückgang der Muskelmasse, die dann durch Fettgewebe ersetzt wird – auch Sarkopenie genannt." Das Tückische: Das Körpergewicht liegt hier oft im oberen Bereich des Normalgewichts oder sogar darunter, ist also als Fettleibigkeit auf den ersten Blick nicht erkennbar und wird häufig unterschätzt.

Fett an den inneren Organen kann gefährlich sein

Ein gutes Beispiel hierfür sind Fritsche zufolge schlanke Frauen, die sehr dünne Beine und wenig Fett an den Oberschenkeln haben. Keiner würde vermuten, dass sie besonders gefährdet sind. Doch selbst ein leichtes Bäuchlein kann es im wahrsten Sinne des Wortes in sich haben: So weiß man inzwischen aus zahlreichen Studien, dass das viszerale Fett, das sich um die inneren Organe herum ablagert, die Blutfettwerte ungünstig beeinflusst sowie den Blutdruck und den Blutzuckerspiegel erhöhen kann. "Auch wenn es sich nur um drei bis vier Kilogramm handelt, ist das sehr gefährlich", warnt der Diabetologe. Auch in Asien und Indien beobachten Mediziner seit einigen Jahren einen starken Anstieg an schlanken Typ-2-Diabetikern. Ähnliches gilt für einige Menschen mit afro-amerikanischem Hintergrund. Prominentes Beispiel für einen "versteckten" Typ-2-Diabetes ist die äußerst schlanke US-Schauspielerin Halle Berry, bei der zuerst fälschlicherweise Typ-1-Diabetes diagnostiziert wurde.

Bei Schlanken wird Diabetes Typ 2 oft erst spät erkannt

Das Phänomen "Adipositas-Paradox" – die Tatsache, dass Übergewicht manchmal günstiger ist als Normalgewicht, ist von anderen Erkrankungen schon länger bekannt. So gibt es z. B. Hinweise darauf, dass normalgewichtige Nierenkranke, die sich einer Blutwäsche (Dialyse) unterziehen müssen, ein höheres Sterberisiko haben als übergewichtige Patienten. Die Gründe dafür sind – wie auch im Falle einem Diabetes Typ 2 – noch unklar.

"Aus epidemiologischen Studien wie der vorliegenden können solche Fragen meist nicht beantwortet werden", sagt Professor Fritsche. Er vermutet, dass Diabetes Typ 2 bei Normalgewichtigen später erkannt und die Therapie weniger konsequent durchgeführt wird. "Viele sehen sich auf der sicheren Seite, und auch ihre Ärzte verzichten möglicherweise im falschen Vertrauen auf das Normalgewicht auf Ernährungsumstellung, körperliche Bewegung und Medikamente", so Fritsche. Möglicherweise schreitet dadurch bei ihnen der Diabetes schneller voran als bei Übergewichtigen, die ihr Gewicht zu normalisieren versuchen.

Nach Auffassung der DDG könnten die neuen Erkenntnisse die Früherkennung dahingehend verändern, zukünftig vermehrtes Augenmerk auf Personen mit ungünstiger Fettverteilung zu legen. "Die Kunst besteht jedoch darin, diese Personen herauszufinden, weil sich die Fettverteilung nur mit einer teuren Kernspinuntersuchung feststellen lässt. Eine Alternative könnte ein regelmäßiger Check-Up auf Diabetes Typ 2 sein – besonders für schlanke Menschen, bei denen mehrere Diabetes-Fälle in der Familie bekannt sind. "Eine starke erbliche Diabetes-Belastung ist und bleibt unabhängig vom Körpergewicht ein wichtiger Risikofaktor."


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Quellen

Prof. Andreas Fritsche, Leiter der Abteilung für Ernährungsmedizin und Prävention der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen, Oktober 2012
JAMA, 2012; 308: 581-590
Pressemitteilung der DDG v. 4.10.2012






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