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CMD: Zahnschmerzen im Rücken

Von Kerstin Walker (28. Mai 2010)

Das DIR-System kann über einen Sensor im Mund Bewegungen und Kaukraft erfassen. Foto: T. Steinmeier

Eine cranio-mandibuläre Dysfunktion (CMD), also ein gestörter Biss, kann sich auf den ganzen Körper auswirken und die Ursache z. B. für Schmerzen aber auch Schwindelgefühle sein.

Es gibt Zahnärzte, die ihre Patienten fragen, ob sie unter Gelenkknacken oder Kopfschmerzen leiden. Typische Symptome, die durch einen gestörten Biss oder nächtliches Zähneknirschen hervorgerufen werden können. Solche Zahnmediziner erkennen in den Beschwerden mögliche Auswirkungen einer sogenannten cranio-mandibulären Dysfunktion (CMD), einem gestörten Zusammenspiel von Ober- und Unterkiefer, den Zähnen, Kiefergelenken und der Kiefermuskulatur.

Einige leiden deshalb unter Schmerzen im Kiefer- und Gesichtsbereich, doch auch starke Rückenschmerzen können durch Störungen zwischen den Zähnen, Kiefergelenken oder durch Muskelverspannungen hervorgerufen werden. Das Gleiche gilt für Schwindelgefühle und depressive Verstimmungen.

Diagnose CMD ist vielen Ärzten noch unbekannt

"Bei CMD kommt es zu unterschiedlichen Symptomen. Kaum ein Patient weiß, an welchen Facharzt er sich wenden soll", sagt Experte Rainer Schöttl aus Erlangen. "Unser Unterkiefer hängt lose wie eine Schaukel am Schädel, gehalten von einem Scharniergelenk und filigraner Muskulatur. Der obere Kiefer dagegen ist fest mit dem Schädel verbunden.", erklärt Schöttl.

"Im Idealzustand ist diese Schaukel völlig entspannt. Kaut der Patient, kommen die Kauflächen kurz in Kontakt. Schon das Fehlen eines einzelnen Zahnes, oder eine neue Zahnfüllung, kann dieses Gleichgewicht empfindlich stören." Ist der Biss bei einer CMD verändert, führen die Verspannungen wie in einer Kettenreaktion zu einer Dysfunktion des Kauorgans.

Überraschend bleibt, dass die Diagnose CMD auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entdeckung relativ unbekannt ist. "Nach wie vor gehen viele Zahnmediziner davon aus, dass Schmerzen im Kauorgan in erster Linie durch Karies oder Parodontalerkrankungen entstehen", sagt Dr. Oliver Ahlers vom CMD-Centrum Hamburg-Eppendorf.

Stress wirkt bei CMD wie ein Verstärker

Dass schon kleinste Eingriffe im Kiefer-Zahn-Gefüge gravierende Folgen haben könnten, schien lange undenkbar. Viele Menschen kompensieren diese körperlichen Dysharmonien ein Leben lang. Kommt ein körperliches oder seelisches Trauma, Krankheit oder Stress hinzu, kann das Gleichgewicht aus den Fugen geraten. "Stress wirkt wie ein Verstärker", sagt Schöttl. In solchen Lebenssituationen, in denen man buchstäblich die Zähne zusammenbeißt, kann möglicherweise auch ein Experte für psychosomatische Erkrankungen helfen.

Mittlerweile gibt es moderne CMD-Diagnoseverfahren. Bestätigt sich der Verdacht, ist eine umfangreiche Untersuchung der Kaumuskeln und Kiefergelenke nötig. Getestet wird die Beweglichkeit, die eine Mundöffnung von 3-4 cm ermöglichen sollte. Anschließend wird geklärt, ob zusätzliche Haltungsschäden vorliegen. Schließlich wird die tatsächliche Kieferposition mit der eigentlich richtigen verglichen.

Kasse zahlt nicht alle Untersuchungen bei CMD

"Die moderne Funktionsdiagnostik ist ein relativ junges Forschungsgebiet, aber ein seriöses. Liegen akute Beschwerden vor, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen eine Basisbehandlung der CMD", sagt Dr. Reiner Kern, Sprecher der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). Bezahlt wird die Anfertigung einer sogenannten Aufbissschiene, die den Druck im Kiefer verteilt und bei "Knirschen" die Zähne schützt.

Zusätzliche funktionsdiagnostische Untersuchungen, die mehrere hundert Euro kosten können, übernimmt die Kasse laut Kern aber nicht. Weil oft mehrere Faktoren an der CMD beteiligt sind, werden mitunter Physiotherapeuten und Osteopathen in die Therapie einbezogen Kern: "Eine begleitende Physiotherapie kann meist über die Kasse abgerechnet werden."

Informationen:

Adressen CMD-Dachverband, Tel. 02104-43565, www.cmd-dachverband.de mit Adressen ganzheitlich orientierter Ärzte.
Netzwerk "Cranioconcept" an der Medizinischen Hochschule Hannover,  www.cranioconcept.de mit bundesweiter Therapeutenliste.
CMD Centrum im INI Hannover, Tel. 0511-5442444, www.cmd-hannover.de.
Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und –therapie: www.funktionsdiagnostik.de.
Gesellschaft für Funktionsdiagnostik (Hersteller des Diagnose-Systems DIR): www.dir-system.de mit Zahnarztliste

Selbsttest Ein Patienten-Selbsttest wird im Internet unter www.cmdcheck.de angeboten. Dazu muss ein Programm installiert werden (nur Windows)


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Quellen

Gespräch mit Rainer Schöttl, Experte für CMD, Erlangen, Mai 2010
Gespräch mit Dr. Oliver Ahlers, CMD-Centrum, Hamburg-Eppendorf, Mai 2010
Gespräch mit Dr. Reiner Kern, Sprecher der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), Mai 2010


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