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Cannabis: Hanf auf Rezept

Von Barbara Bückmann (29. Januar 2012)

Als Droge ist Cannabis umstritten, der Handel verboten. Doch die Medizin entdeckt die Pflanze als Arznei. Ein erstes Medikament ist auf dem Markt, weitere sollen folgen.

Cannabis ist die in Deutschland nach wie vor am häufigsten konsumierte illegale Substanz. Sie wird aus den weiblichen Blütenständen, den Blättern oder dem Harz der Hanfpflanze gewonnen. Meist werden die Pflanzenteile geraucht. Deren Hauptwirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) kann berauschen und süchtig machen. Der Besitz von Cannabis ist verboten. Dennoch hat sich der Hanf einen Platz im Arzneimittelregal erobert: Seit dem Sommer 2011 sind cannabishaltige Medikamente erlaubt, eine Arznei ist jetzt zugelassen.

So schillernd wie die Wirkungsbreite von Cannabis, so breit gefächert sind die Einsatzmöglichkeiten der Pflanze, das schildern Studien und Fallbeispiele. In Kalifornien behandeln Aids-Kranke damit ihre Appetitlosigkeit. Krebspatienten dämpfen die Übelkeit bei einer Chemotherapie. Cannabis kann Tics beim Tourette-Syndrom, die Symptome entzündlicher Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa oder des posttraumatischen Belastungssyndroms bekämpfen oder Schmerzen bei Endometriose, rheumatischer Arthritis und Krebserkrankungen lindern.

Ein Kassenrezept gibt es bisher nur für MS-Patienten

In Deutschland wurde das Betäubungsmittelgesetz geändert, weil Cannabis in bestimmten Fällen als Schmerzstiller, Krampflöser oder Appetitförderer wirken kann. Zugelassen ist bislang nur das THC-Medikament Sativex. Die Zulassung bedeutet, dass der Arzt es verschreiben darf und die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Das Kassenrezept gibt es aber nur für eine Indikation: bei schmerzhaften Muskelkrämpfen in Folge von Multipler Sklerose.

Anlaufpunkt für Patienten

Für Frank Grotenhermen ist die vorsichtige Öffnung für Cannabis-Medikamente über die Sativex-Zulassung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Mediziner leitet die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente und ist Anlaufpunkt für Patienten, für die der Wirkstoff die letzte Hoffnung darstellt, sie ihn aber auf legale Weise nicht erhalten können.

Schwerkranke sind doch keine Kriminellen

Einige finden keinen Arzt, der ihnen Cannabis als Medikament verschreibt. Mit einem Privatrezept sind die Probleme nicht gelöst: Ein Großteil der Kranken ist erwerbsunfähig und kann sich Dronabinol, das je nach nötiger Dosis mehrere hundert Euro im Monat kostet, nicht leisten. Wer die Cannabispflanze anbaut oder in einer holländischen Apotheke eine größere Menge Blüten erwirbt und damit aufgegriffen wird, landet vor Gericht. Schwerkranke sind doch keine Kriminellen, so Grotenhermen.

Er fordert, den Zugang zu der Ausnahmegenehmigung zu erleichtern: Bislang haben 60 Patienten eine solche Erlaubnis durch die Bundesopiumstelle. Sie dürfen aus Holland importierte Cannabis-Blüten oder Extrakt in der Apotheke einkaufen und unter ärztlicher Aufsicht verwenden. Solch einen Antrag zu unterstützen, ist für den Arzt mit erheblichem, unbezahlten Aufwand verbunden. Er muss er darlegen, welche anderen Therapieformen ausprobiert wurden und warum diese ohne Erfolg blieben.

Oral-Spray gegen Spastiken

Ein Wundermittel ist Cannabis nicht, dämpft dagegen der Neurologe Dr. Walter Raffauf die Erwartungen. Eine Patientin von ihm profitiert aber mittlerweile von der gesetzlichen Neuregelung. Er hat ihr das Oral-Spray gegen die kaum therapierbaren Spastiken verschrieben. Es bewirke in ihrem Fall eine Schmerzlinderung, weil sich die Muskulatur entspanne.

Risiko der Abhängigkeit halten Experten für gering

Das Risiko einer Abhängigkeit schätzt Raffauf bei dem THC-Spray gering ein. Die Patienten sind schon abhängig von ihren Schmerzen. Das Mittel schafft ein Stück Erleichterung. Andere Schmerzmittel wie Opioide haben ein höheres Abhängigkeitspotential. Bei Sativex geht der Cannabis-Wirkstoff THC über die Mundschleimhaut langsam ins Blut über. Das verhindert den Rausch-Effekt, der beim Rauchen eintreten kann, wenn der Wirkstoff über die große Lungenoberfläche schnell in den Körper gelangt. Als Nebenwirkung berichtete die Berliner Patientin von übermäßigem Lachen. Um solche psychotropen Nebenwirkungen des THC abzuschwächen ist Sativex ein weiterer Bestandteil der Hanfpflanze beigemischt: Cannabidiol (CBD), das den Effekten von THC entgegenarbeitet.

Cannabinoide docken an Hirn-Rezeptoren an

Die Cannabinoide THC und CBD wirken, indem sie an Rezeptoren im Gehirn andocken. Diese Rezeptoren, die in Nerven- und Immunzellen und einigen Organen sitzen, gehören zu einem körpereigenen Steuerungssystem, das korrigierende Funktionen hat, so bei Schmerzen. Es arbeitet mit THC-ähnlichen Substanzen, die der Körper selbst herstellt (Endocannabinoide). Der Konsum von Cannabis jenseits der medizinischen Dosis kann paradoxe Effekte erzeugen, von Euphorie bis Angst.

Kassen übernehmen Kosten nur im Einzelfall

In Deutschland darf der Cannabis-Wirkstoff THC in Tropfen oder Kapselform (Dronabinol) zwar seit 1998 verordnet werden, Dronabinol hat aber keine Zulassung. Die Kassen übernehmen nur im Einzelfall die Kosten. Verschreibt der Arzt es ohne Bewilligung, muss er dafür aufkommen.

Manche leiden unter den Nebenwirkungen

Unabhängig von der Kostenfrage ist Cannabis nicht Mittel erster Wahl, sondern kommt zum Einsatz, wenn Standard-Therapien nicht anschlagen. Denn es zeigte sich: Vielen hilft THC nicht, andere leiden unter den Nebenwirkungen, vor allem Benommenheit, und setzen es ab. Prof. Matthias Karst, Leiter der Schmerzambulanz an der Medizinischen Hochschule Hannover, sieht es eher als Reservemittel, zum Beispiel bei Nervenschmerzen. Zugleich räumt er ein, dass er Dronabinol verschreiben würde, wenn es zugelassen wäre. Ein Teil unserer Patienten kann bislang nicht therapiert werden.

Cannabis noch nicht genug erforscht

Generell sei Cannabis noch nicht genug erforscht. Es gibt nach wie vor Vorbehalte durch die Tabuisierung als Droge, meint der Hochschulmediziner. Die entzündungshemmende Wirkung und der positive Einfluss auf Autoimmunerkrankungen werde noch zu wenig beachtet. Denkbar wäre es, Cannabinoide synthetisch herzustellen, die nicht an den Rezeptoren im Gehirn andocken und so keine psychotropen Effekte auslösen. Ein großes Potenzial sieht Karst auch in den 70 weiteren Wirkstoffen der Cannabis-Pflanze.

Zulassungsverfahren sind teuer

Mit einem Boom weiterer offiziell zugelassener Cannabis-Medikamente ist indes wohl nicht zu rechnen. Die Zulassungsanträge sind für die Hersteller teuer, die Arznei muss sich in großen klinischen Studien in einem klar begrenzten Anwendungsbereich bewähren. Das Arzneimittelgesetz ist da sehr streng, auch im Sinne der Patienten. Derzeit werden Zulassungsstudien für ein THC-Medikament durchgeführt, das bei Gewichtsverlust, Übelkeit und Erbrechen bei Aids, Krebs und Chemotherapie helfen soll.

Meinung: Zwischen Rausch und Heilung

Von Christian Seel

Als Heilpflanze ist Cannabis seit Jahrtausenden bekannt, erst die Drogenpolitik Mitte des letzten Jahrhunderts hat den vergleichsweise schwach berauschenden Hanf auf den Index befördert. Im Zuge weltweiter Handels- und Anbau-Verbote geriet seither leider auch die Verwendung in der Medizin ins Abseits. Klauseln in den internationalen Drogenabkommen, die eine Anwendung von Cannabis als Arznei von den Verboten ausdrücklich ausnehmen, haben das nicht verhindern können

Hohe Hürden für Hersteller

Dabei geht es beim Nutzen von Cannabis-Präparaten um die Versorgung schwerer Erkrankungen. Seit den 90er-Jahren ist der Wert der Pflanze bei einigen Autoimmunstörungen und in der Schmerzmedizin wissenschaftlich belegt. Doch die Hürden für Hersteller, solche Produkte in den Markt und durch die Instanzen der Zulassung zu bringen, waren lange unüberwindlich. Nun dürfen Betroffene hoffen. Nach einer gesetzlichen Neuregelung ist ein erstes Cannabis-Produkt auf dem Markt, weitere werden folgen.

Legalisierung im Kampf gegen Drogenkriminalität

Dagegen steht die Diskussion um Hanf als Rauschmittel. Dass Cannabis legalisiert werden sollte, fordern sowohl die Grünen in ihrem Grundsatzprogramm, wie auch die Linken-Fraktion im Bundestag. Es geht ihnen um den Kampf gegen Drogenkriminalität, nicht um Gesundheit. Der Preis dafür könnte aber ähnlich hoch sein wie bei Nikotin und Alkohol. Viele Studien deuten darauf hin, dass der Wirkstoff im Haschisch bei Heranwachsenden die Hirnstrukturen schädigt.

 


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Quellen

Gespräch mit Frank Grotenhermen, Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente, Nov. 2011
Gespräch mit Dr. Walter Raffauf, Neurologe, Berlin, Nov. 2011
Gespräch mit Prof. Matthias Karst, Schmerzambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover, Nov. 2011
Zulassungsstudie Sativex: "A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols (Sativex®), as add-on therapy, in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis", European Journal of Neurology, März 2011, DOI: 10.1111/j.1468-1331.2010.03328.x
Anhörung im Bundestags-Ausschuss für Gesundheit, 25. Jan. 2012


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