Anzeige

Anzeige

Die Generation Zahnspange

Von Barbara Bückmann (30. September 2011)

Rund 60 Prozent der Jugendlichen bekommen eine Zahnspange zur Gebisskorrektur Foto:pa/beyond

Jugendlichen und immer mehr Erwachsene lassen sich ihr Gebiss mit einer Zahnspange richten. Mit welchen Kosten man rechnen muss, was die Kasse zahlt und welche Extras sinnvoll sind

In zwei Wochen ist es so weit: Der zwölfjährige Laurids bekommt eine Bracket-Spange. Diagnose: Engstand. Mit Hänseleien muss der Berliner Siebtklässler nicht rechnen, denn eine Zahnspange ist hierzulande fast die Regel. Rund 60 Prozent der Kinder tragen eine lose oder feste Klammer. Die Zahl blieb in den vergangenen Jahren konstant, der Anteil der festsitzenden Behandlungen mit Brackets (Multiband) hat zugenommen. Zwei Drittel der jungen Patienten werden damit therapiert. Manche finden die Zahnspange regelrecht cool. Und auch die Zahl der erwachsenen Bracketträger nimmt zu trotz Kosten von 4000 bis 6000 Euro. Die Kasse zahlt die Zahnspange bei Erwachsenen nur als Ergänzung zu einer Operation.

Bei Kindern werden Brackets eingesetzt, wenn fast alle bleibenden Zähne durchgebrochen sind (13 bis 15 Jahre). Die Zähne werden mit Riegeln (Brackets) beklebt, durch die ein Drahtbogen führt. Der wird durch Kunststoffringe oder eine Drahtschlaufe gehalten (Ligatur). Der Bogen übt Druck oder Zug auf die Zähne aus und lenkt sie so in die gewünschte Richtung. Alle paar Wochen werden kräftigere Bögen eingesetzt. Ganzheitlich orientierte Kieferorthopäden lehnen diese Therapie ab, von außen wirken die Drahtgestelle der Zahnspange ziemlich martialisch.

Zahnspange mit hoher Erfolgsquote

Dennoch sind sie auf dem Vormarsch. Ein Grund: Die Erfolgsquote ist höher, denn diese Zahnspange bleibt zwangsläufig rund um die Uhr im Mund. In der DDR haben wir hauptsächlich mit herausnehmbaren Klammern therapiert. Wir verzeichneten damals eine Abbruchquote von 30 bis 40 Prozent, berichtet Prof. Winfried Harzer von der Poliklinik für Kieferorthopädie am Uniklinikum Dresden, Jahrespräsident der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie. Die losen Klammern würden heutzutage nicht mehr so gut akzeptiert, da die Behandlung länger dauert.

Fehlstellungen werden im jüngeren Alter vorbehandelt

Das heißt nicht, dass eine lose Zahnspange verzichtbar wäre: Viele Fehlstellungen werden im jüngeren Alter vorbehandelt, damit sie sich nicht weiter ausprägen. Lose Klammern bestehen aus einem Kunststoffkörper und/oder Metallbügeln, die auf der Zahnreihe sitzen (Platten) oder den Mundraum ausfüllen (Aktivator, Fränkel). Die Geräte geben Kraft durch Schrauben oder Federn ab oder nutzen den körpereigenen Muskeldruck. Die Zahnspange bremst oder fördert das Kiefer-Wachstum, bringen Zähne an der richtigen Stelle zum Durchbruch oder richten schiefe Zähne auf.

Bracket-Spange setzt Zähne in Bewegung

Die aktive Behandlung mit losen Klammern dauert im Schnitt drei Jahre. Bei Brackets geht der Umformungsprozess schneller. Wolfgang Schmiedel, Fachzahnarzt für Kieferorthopädie und Präsident der Berliner Zahnärztekammer, rechnet je nach Befund mit anderthalb bis zwei Jahren aktiver Behandlungszeit. Auch mit Bracket-Spangen lassen sich laut Schmiedel Kieferfehllagen korrigieren. Allerdings wird dann zusätzliches Gerät eingesetzt: Gummibänder, die zwischen Ober- und Unterkiefer gespannt und ständig ausgewechselt werden müssen oder feste Scharniere, Federn oder Schrauben. Nötig ist die Bracket-Spange für Zahnbewegungen, die die lose Zahnspange nicht bewirken kann: Zähne seitlich auf dem Kieferbogen verschieben, Zähne drehen, Zähne in den Kiefer hineinschieben oder falsch gelagerte Zähne herausziehen.

Risiken für Karies und Verletzungen

Die Behandlung mit dem festen Gerät birgt Risiken: Die Zähne schmerzen nach dem Einspannen des Drahtes. Wird ein neuer Draht eingesetzt, tut es wieder weh. Befestigungsdrähte (Drahtligaturen) können in die Mundschleimhaut pieksen. Gummis oder Scharniere erschweren die Mundöffnung. Die Gefahr, beim Abnehmen der Brackets den Schmelz zu beschädigen, sei vernachlässigbar, meint Harzer. Auch Zahnwurzel-Schäden durch zu große Kraftwirkung kommen in weit geringerem Ausmaß vor: Die  Drähte einer modernen Zahnspange wirkt mit geringeren Kräften.

Mit Zahnspange muss gut geputzt werden

Bracketspangen-Träger müssen ihre Zähne extrem gut putzen, denn rund um die Brackets und unter die Drähte kommt die Bürste nicht so gut hin. Ein Kind mit schlechter Mundhygiene behandele ich nicht, das Kariesrisiko ist zu groß, so Harzer kategorisch. Klebrige Süßigkeiten und harte Nahrung sind verboten, sie könnten sich an der Zahnspange  festsetzen oder sie beschädigen.

Nachbehandlung mit loser Klammer

Nach dem Ende der Bracket-Behandlung müssen die Zähne mit einer losen Klammer an ihrem Platz gehalten werden, sonst droht ein Rückfall. Die Halteklammer wird nur nachts getragen (Retention) und nach und nach abgesetzt. Harzer empfiehlt den Einsatz bis zum Durchbruch der Weisheitszähne.

Kassen rechnen auf den Millimeter genau

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Zahnspange erst ab einem gewissen Schweregrad und haben die Fehlstände in fünf Kieferorthopädische Indikationsgruppen eingeteilt. KIG 1 und KIG 2 sind Privatsache, KIG 3 bis KIG 5 zahlt die Kasse. Vorstehende Frontzähne etwa müssen bei einem Abstand von sechs Millimetern auf eigene Kosten korrigiert werden, sind zwischen unteren und oberen Frontzähnen aber 6,1 Millimeter Zwischenraum, erstattet die Kasse. Medizinisch macht das keinen Sinn.

Eltern schießen 20 Prozent der Kosten für die Zahnspange vor

Auch wenn die Kasse zahlt, müssen die Eltern 20 Prozent der Behandlungskosten für die Zahnspange übernehmen, beim zweiten Kind 10 Prozent. Bescheinigt der Kieferorthopäde den erfolgreichen Abschluss der Therapie, bekommen sie den Anteil zurück. Bei der Bracket-Behandlung müssen die Eltern oft privat zuzahlen: Die meisten Kieferorthopäden bieten Sonderleistungen an, um die Behandlung komfortabler zu machen (siehe Tabelle). Das kann bis zu 1500 Euro kosten. Aber auch mit Kassengerät lässt sich erfolgreich behandeln. Kassenärzte sind verpflichtet, das anzubieten.

Belastung für junge Patienten

Unstrittig ist die Bracket-Behandlung für die jungen Patienten eine Belastung. Andererseits liegt der vorbeugende Nutzen der Zahnspange auf der Hand. Gerade Zähne lassen sich besser reinigen als schiefe und sind daher weniger anfällig für Karies und Parodontitis. Diese Krankheiten entstehen nur da, wo Zahnbeläge sitzen.

Behandelte Kinder haben ein gesünderes Gebiss

Beißen Ober- und Unterkiefer falsch aufeinander, kann das schädliche Folgen haben: Zähne, die falsch belastet werden, kippen. Zähne, auf denen zu starker Druck lastet, fallen vorzeitig aus. Zähne, denen der Gegenpart fehlt, wachsen aus dem Kiefer heraus und lockern sich. Statistisch haben 17-Jährige, die kieferorthopädisch behandelt wurden, einen gesunden, füllungsfreien Zahn mehr als unbehandelte Kinder, berichtet Harzer. Das kann allerdings auch daran liegen, dass sie sich eine bessere Mundhygiene angewöhnt haben. Das bleibt, hat Kieferorthopädin Margareta Sliwinski beobachtet. Nicht jede kleine Fehlstellung (KIG 1 und 2) sollte ihrer Ansicht nach mit einer Zahnspange korrigiert werden. Wir machen keine Schönheitszahnheilkunde, sagt die Berliner Ärztin. Sie behandelt wenn die Funktion nicht stimmt.

Schönes Gebiss trägt zum Wohlbefinden bei

Doch wenn eine Zahn-Korrektur das subjektive Wohlbefinden des Patienten verbessert, so sollte auch das für die Indikation der Zahnspange eine Rolle spielen, das fordert Kliniker Harzer. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen bedeutet ein Stück Lebensqualität und Lebensqualität bedeutet Gesundheit.
 

AUTORIN Barbara Bückmann hat für Stiftung Warentest den Ratgeber Kieferorthopädie verfasst, 160 Seiten, 14,90 Euro, ISBN: 978-3-86851-103-1

Meinung: Das Beste für den Biss

Manfred Pantförder

Von Manfred Pantförder

Das Tragen einer  Zahnspange ist heute weit verbreitet. Damit einher geht eine Verfeinerung der Methoden. Die signalisiert zweierlei: Zum einen passt nicht jede Zahnspange in jeden Mund, die kieferorthopädischen Erfordernisse können sehr unterschiedlich sein. Zum anderen signalisieren die Versuche mit transparenten, unauffälligeren Konstruktionen, dass eine Zahnspange eben doch nicht völlig normal ist, schon gar nicht, wenn es in der Pubertät um die Entwicklung des Selbstbildes geht, das anfällig ist für jede noch so kleine Störung.

Dies erfordert daher einen sensiblen Umgang mit jenen Jungen und vor allem jenen Mädchen, die ihre Zahnstellung aus medizinischen Gründen korrigieren lassen. Manche Kinder sehen ihre Zahnspange auch eher als Accessoire, das sie interessant machen könnte, wie Mediziner und Eltern berichten. Bis die Spange so normal sein wird wie eine Brille, muss indes vermutlich noch intensiv argumentiert werden.

Etwa dass ein richtiger Biss nicht nur für die Zähne und für ein gewinnendes Lächeln wichtig ist. Damit kann vielmehr verhindert werden, dass weitere, teils schwere Beschwerden folgen, wenn Fehlstellungen der Zähne über Kiefer in den Nacken und Rückenbereich das Wohlbefinden massiv beeinträchtigen. Es muss also gelingen, die Korrektur mittels Zahnspange als rein medizinische zu betrachten.

So können letzte Zweifel am Nutzen ausgeräumt werden. Und wer dann noch wegen einer Zahnspange hänselt, steht als Ignorant alleine da.


Lesen Sie auch

Weitere Beiträge zum Thema Zähne

Quellen

Gespräch mit Prof. Winfried Harzer, Poliklinik für Kieferorthopädie am Uniklinikum Dresden, Sept. 2011
Gespräch mit Margareta Sliwinski, Kieferorthopädin, Berlin, Sept. 2011
Ratgeber "Kieferorthopädie" von B. Bückmann, Stiftung Warentest, 2009


Apotheken-Notdienst

Anzeige