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Kinder

Ab in die Teddyklinik

Von Katrin Machowski (10. August 2012)

Teddybär Schnuffel hat einen Bauchriss. Ein Medizinstudent muss nähen. Foto: Machowski

Teddykliniken sind seit einigen Jahren auf der ganzen Welt populär geworden. Der Teddybär "Oskar" besitzt Plüschherz und Organe und bringt den Kindern reale Werte näher.

Es gibt Dinge, auf die einen das Studium der Humanmedizin einfach nicht richtig vorbereitet. Was macht man beispielsweise mit einer Schlange, die Ohrenschmerzen hat, weil sie zuviel gehüpft ist? Oder mit einem Teddybären, dessen rote Gesichtsflecken auf einen Herzinfarkt hindeuten? Zur Aufnahme derartiger Krankheitsbilder geht Sina Gerecke regelmäßig in die Knie, denn das bringt sie auf Augenhöhe mit den Sorgeberechtigten der Patienten: Viele hundert aufgeregte Kindergartenkids sind mit ihren maladen Kuscheltieren zu Besuch im Teddybärkrankenhaus.

Die Idee stammt aus Skandinavien. Dort wurde 1999 die erste Teddyklinik organisiert, und seither hat sich die Idee schnell weltweit verbreitet. Mittlerweile bieten sie Krankenhäuser in fast drei Dutzend Ländern von Brasilien bis Japan an - meistens organisiert von Medizinstudenten. Auf spielerische Art soll Vorschulkindern damit die Angst vor Arzt und Krankenhaus genommen werden.

Gipspfote für den Stoffhasen

In Berlin gibt es die Teddyklinik seit neun Jahren. Mit ihrer Kommilitonin Janna Lendner organisiert Sina Gerecke das jährliche Projekt zur Notfallversorgung von Kuscheltieren. Die beiden jungen Frauen koordinieren den ehrenamtlichen Einsatz von etwa 120 Teddybärdocs, angehende Mediziner, Krankenpfleger, Pharmazeuten und Zahnmediziner. Vier Tage lang arbeiten sie Hand in Hand, untersuchen und versorgen die flauschigen Patienten, gipsen Plüschpfoten ein, begleiten Teddybären zum Röntgen und verteilen Vitamine an Kuschelhasen. 3000 solcher Patienten sind jährlich allein in Berlin zu versorgen.

Nächtelang wurden Oskar Plüsch-Organe eingenäht

Auf dem Charité-Campus Virchow-Klinikum wuselt es. Im Gewimmel aus Kindern, Kuscheltieren, Kita-Erziehern und Teddybärdocs sind Janna Lendner und Sina Gerecke die ruhenden Pole. Fragen schwirren durch den Saal: Wohin mit der Kuscheltier-Spende? Gibt es noch Namensschilder? Kaffee? Zahnbürsten? Rosafarbenen Gips? Gerecke und Lendner haben auf alles eine Antwort. Die beiden Medizinstudentinnen sind im zweiten klinischen Semester und haben ihre knappe Freizeit fast vollständig der Teddyklinik verschrieben. Die Vorbereitungen für die  diesjährige Teddyklinik begannen bereits im Oktober vergangenen Jahres, erinnert sich Janna Lendner. Sie mussten Helfer und Sponsoren finden, Räume und Spenden organisieren. Nächtelang wurde an den Innereien von Organ-Bär Oskar genäht, dessen Plüsch-Lunge und Flausch-Leber den Kindern ganz reale innere Werte näher bringen.

Lendner: "Außerdem musste die Teddybärenakademie organisiert werden, der Vorbereitungskurs für die angehenden Teddydocs." Denn nicht nur die Kinder profitieren von dem Projekt. Auch die angehenden Mediziner und Pfleger lernen einiges dazu, unter anderem über den Umgang mit Patienten. "Wir wissen ja oft gar nicht mehr, wie man bestimmte medizinische Begriffe in normaler Alltagssprache ausdrückt. Und Kinder sind die besten Lehrer, wenn man üben möchte, etwas verständlich zu erklären", sagt Sina Gerecke.

Röntgen-Untersuchung am Kopiergerät

Zu kurz kommt im Studium oft der Umgang mit Nadel und Faden. Selbst, wenn nur Knopfaugen angenäht oder Fellrisse geflickt werden müssen, ist die Näh-Übung sehr wichtig für die Studenten, erklärt Gerecke. Auch die anderen Bereiche der Krankenversorgung werden in der Teddyklinik durchgespielt: vom Rot-Kreuz-Krankenwagen-Transport über die Aufnahme des Patienten - inklusive Wiegen, Messen und Dokumentation der Krankengeschichte - bis hin zum Röntgen am Kopiergerät und zur offenen Operation mit Mundschutz. Wenn am Ende die frisch operierten, eingegipsten und mit Vitamin-Medikamenten versorgten Plüschtiere das Krankenhaus verlassen, haben alle etwas gelernt. Und die Kinder erfahren, wie es beim Arzt und im Krankenhaus ist, ohne selbst als Patient oder Patientin betroffen zu sein.

Die Begeisterung mit der Sina Gerecke und Janna Lendner bei der Sache sind, macht die Frage nach den beruflichen Plänen der angehenden Medizinerinnen fast überflüssig: Sina ist sich schon sicher, und auch Janna liebäugelt mit einer Spezialisierung - Pädiatrie, Kinderheilkunde soll es sein. Schließlich gehen die im Teddybärkrankenhaus gemachten Erfahrungen weit über das hinaus, was der normale Lehrplan bereithält. Wer schon mal eine Stoffschlange mit dem Stethoskop abgehört hat, wird auch den größeren Sorgen der Kleinsten mit viel Geduld und Aufmerksamkeit begegnen.

Zur Person:

Sina Gerecke und Janna LendnerSina Gerecke (links) ist 24 Jahre alt, stammt aus Halle und ging zum Studieren nach Berlin. Bei einem Treffen der "Teddydoc"-AG lernte sie vor zwei Jahren die Berlinerin Janna Lendner (22) kennen. Beide waren so begeistert von dem Projekt, dass sie die Leitung übernahmen und gute Freundinnen wurden. Wenn sie neben dem Studium und dem Engagement für die Teddyklinik Zeit findet, spielt Sina Gitarre, Janna findet Entspannung zwischen den Balkonblumen ihrer Weddinger Studentenbude.


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Quellen

Gespräch mit Janna Lendner und Sina Gerecke, Medizinstudentinnen, Berlin, Mai 2009






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