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Risiko Schütteltrauma: Lieber schreien lassen!

Von Ela Dobrinkat (26. Mai 2015)

Schütteltrauma-Fortbildung: Wiebke Siska zeigt Babylotsin Nurina Nazmy an der Puppe, welche Hirnregionen durchs Schütteln geschädigt werden. Foto: Dobrinkat

Wenn sich Säuglinge nicht beruhigen, verlieren manche Eltern die Nerven und werden rabiat. Die Folgen eines Schütteltraumas sind dramatisch.

In einer Berliner Kinderklinik wurde vor einiger Zeit ein Vater vernommen, weil die Ärzte am Körper seines Babys blaue Flecken entdeckt hatten. Außer den Hämatomen wurden jedoch keine weiteren Verletzungen gefunden. Nach langem Leugnen gab der Mann zu, das schreiende Kind grob aus dem Bett gezerrt zu haben. Wegen des anhaltenden Kindergeschreis sei er außer sich geraten. "Aber ich habe es nicht geschüttelt", beteuerte er. Er wisse, wie gefährlich ein Schütteltrauma sei. Als er das Baby packte, habe er sich plötzlich daran erinnert, dass er es nicht schütteln darf. Er habe es dann wieder ins Bettchen zurückgelegt und sich die Ohren zugehalten.

Folgen des Schüttelns häufig unbekannt

Sozialpädagogin Wiebke Siska von der interdisziplinären Kinderschutzgruppe der Charité Berlin - zu der Kinderärzte, -Psychologen, -Psychiater, Rechtsmediziner, Sozialarbeiter und Pflegepersonal gehören – ist diese Begebenheit eindrücklich in Erinnerung. Denn der Vater war einige Monate zuvor in der Geburtsklinik über die fatalen Folgen eines Schütteltraumas aufgeklärt worden. Offenbar hatte dieses Informationsgespräch das Schlimmste verhindern können, auch wenn das Jugendamt dennoch zum Schutz des Kindes einschreiten musste, um mit den Eltern zu arbeiten. Siska glaubt, dass Aufklärung und konkrete Hilfe für Mütter und Väter Leben retten und die Unversehrtheit der Säuglinge fördern können. "Wir müssen die Prävention aber noch verstärken", sagt die Sozialpädagogin. "Es wissen viel zu wenige, welche Folgen das Schütteln hat. Wir wollen, dass Kinderschutzfälle gar nicht erst passieren."

Schütteltrauma in allen sozialen Schichten

Das Schütteltrauma gilt als eine der häufigsten Todesursachen im Säuglingsalter. Es kommt in allen sozialen Schichten vor. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie erleiden alljährlich in Deutschland geschätzte 100 bis 200 Säuglinge ein Schütteltrauma. Die Dunkelziffer ist hoch. Von den überlebenden Kindern werden nur 10 Prozent vollständig wieder gesund, 20 Prozent sterben, viele bleiben schwerbehindert. Die Täter sind Lebensgefährten der Mütter, es sind die eigenen Väter oder Mütter, aber auch Betreuer wie Babysitter oder Großeltern. Das Babyschütteln passiert meist, wenn die Kinder zwischen zwei und sechs Monate alt sind und besonders viel schreien. Pro Jahr werden etwa 20 bis 30 Kinder aus Berlin und Brandenburg in die Charité eingeliefert, bei denen Misshandlungs-Verdacht besteht. Bei etwa fünf von ihnen wird ein Schütteltrauma diagnostiziert, bis Anfang Mai 2015 waren es bereits drei.

Kopf schleudert ungebremst hin und her

Warum ist das Schütteln eines Babys oder Kleinkindes so gefährlich? Der Kopf schleudert ungebremst hin und her, weil der Hals ihn noch nicht stabil halten kann. Gehirn, Hirnhaut und Schädelknochen werden durch das Schütteln in Bewegung gesetzt. Das Gehirn schwimmt in Gehirnwasser. Kleine und große Blutgefäße verlaufen zwischen Hirnhaut und Hirn. Durch die schnellen, ruckartigen Bewegungen wird das Gehirn aber vom Schädelknochen und der Hirnhaut abgelöst. Es reißen kleine und größere Blutgefäße. Blut läuft in den Spalt zwischen Hirnhaut und Hirn. Es entsteht eine sogenannte subdurale Blutung. Das Gehirn schwillt stark an. Häufig sieht man beim Schütteltrauma Einblutungen im Augenhintergrund. Kinder, die geschüttelt worden sind, verhalten sich auffällig: Sie trinken schlecht, erbrechen, haben Krampfanfälle, sind apathisch oder fallen ins Koma und müssen beatmet werden.

Eltern über Schütteltrauma aufklären

Damit es erst gar nicht dazu kommt, werden in der Charité seit vier Jahren alle Eltern der Säuglinge, die in den Häusern der Charité zur Welt kommen, darüber aufgeklärt. Die Beratung finden im Rahmen der "U2-Untersuchung", einige Tage nach der Geburt statt. Die Kinderschutzgruppe der Charité ist froh darüber, dass keines dieser Kinder seit Beginn der obligatorischen Beratung ein Schütteltrauma erlitten hat. Gewalt gegen Babys will zusätzlich auch das "Babylotsen-Projekt" verhindern. Die Babylotsen lernen die Mütter auf der Neugeborenen-Station kennen und loten im Gespräch und per Fragebogen aus, in welcher Umgebung und Situation das Kind aufwachsen wird. Falls Mutter und Kind Unterstützung brauchen, wird diese vermittelt. Werden junge Eltern mit auftretenden Problemen allein gelassen, ist das Kind gefährdeter.

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