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Säuglingsbotulismus: Kein Honig für Babys!

Von Angela Stoll (10. September 2014)

Im ersten Lebensjahr sollten Eltern keinen Honig in die Babynahrung geben. Foto: Getty/Three Images

Säuglingsbotulismus, eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, gefährdet Kinder unter einem Jahr. Was Eltern beachten sollten.

Als die Urgroßmutter den Schnuller in Honig tauchte und dem Baby in den Mund schob, dachte sie sich nichts Schlimmes dabei. "Das haben wir früher immer so gemacht!", verteidigte sie sich, als ihre Enkelin ihr arge Vorwürfe machte. Diese wusste nämlich, dass Säuglinge von Honig Säuglingsbotulismus bekommen und schwer krank werden können. Sie war in heller Aufregung. Mehrere Tage lang achtete die Mutter auf jede Regung ihres fünf Monate alten Babys: War es schläfriger als sonst? Wollte es weniger trinken? Zum Glück passierte nichts.

In der Tat rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) davon ab, Kindern im ersten Lebensjahr Bienenhonig zu geben. Dadurch können Sporen des Bakteriums Clostridium botulinum in den Darm kommen, sich dort vermehren und Gifte bilden. Die Toxine bewirken eine Muskellähmung, die schlimmstenfalls mit einer lebensbedrohlichen Atemlähmung einhergehen kann. Die Infektionskrankheit ist in Deutschland allerdings selten: Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden hier von 2001 bis 2014 insgesamt acht Fälle von Säuglingsbotulismus gemeldet.

Keime sind weltweit im Boden verbreitet

Dabei ist der Keim überall in Böden und im Staub zu finden, wie Dr. Brigitte Dorner, Botulismus-Expertin am RKI, erklärt. Ein Naturprodukt wie Honig kann mit Sporen des Bakteriums verunreinigt sein: "Bis zu fünf Prozent aller Honigproben sind belastet", sagt die Expertin.

Im Darm junger Säuglinge können sich die Erreger ansiedeln, weil ihre Darmflora noch nicht weit genug entwickelt ist: "Wenn ein Baby auf die Welt kommt, ist sein Darm noch steril", erklärt Dorner. Erst mit der Zeit baut sich dort eine Bakterienflora auf, die Clostridien abwehren kann. Erkranken Babys an Säuglingsbotulismus, sind sie meistens um die drei, vier Monate alt, wie die Wissenschaftlerin berichtet. Um jedes Risiko auszuschließen, gilt die Empfehlung, auf Honig zu verzichten, fürs gesamte erste Lebensjahr. Älteren Kindern und Erwachsenen können die Sporen nichts mehr anhaben – höchstens chronisch kranken Menschen, etwa Morbus-Crohn-Patienten, deren Darmflora stark gestört ist.

Brustwarzen nicht mit Honig bestreichen

Schnuller und Brustwarzen darf man also nicht mit Honig bestreichen, um Säuglinge zum Saugen anzuregen. "Man sollte Babys auch keinen Tee geben, den man mit Honig gesüßt hat", sagt Dr. Juliane Bräunig, Lebensmittelmikrobiologin beim BfR. Welche Folgen das haben kann, zeigte der Fall eines sechs Wochen alten Babys, das mit schweren Säuglingsbotulismus-Symptomen in eine Münchner Klinik eingeliefert worden war. Auf Nachfrage gaben die Eltern an, dem Kind zur Beruhigung wiederholt mit Honig gesüßten Fencheltee gegeben zu haben. Kein Problem sind dagegen industriell gefertigte Lebensmittel, die Honig als Zutat enthalten. Prof. Dr. Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund gibt hier Entwarnung: "Die Hersteller von Säuglingsnahrungsmitteln sichern zu, dass von derlei Produkten keine Gefahr ausgeht."

Nicht nur Honig, sondern auch Ahornsirup könnte nach BfR-Angaben durch Sporen verunreinigt sein. "Deshalb sollte man Säuglingen im ersten Lebensjahr auch vorsichtshalber keinen Ahornsirup geben", rät Bräunig. Anders als in Nordamerika spielt derlei Sirup in Deutschland aber für Säuglingsbotulismus keine große Rolle.

Die Sporen von Clostridium botulinum sind sehr hitzebeständig und können den normalen Kochvorgang überstehen. In selbst eingekochten Gemüse- und Fleischkonserven können daher Sporen enthalten sein (siehe Info-Kasten) - da diese Lebensmittel aber nicht auf dem Speiseplan von Babys stehen, spielen sie als Auslöser des Säuglingsbotulismus auch keine Rolle.

Verstopfung als erstes Zeichen von Säuglingsbotulismus

Aber woran erkennt man Botulismus beim Baby? "Das erste, was bei den meisten Kindern auffällt, ist Verstopfung", sagt Kinderarzt Stefan Schlicht vom Klinikum Starnberg. Außerdem möchten die Säuglinge nicht mehr trinken, wirken schlapp, haben Probleme beim Schlucken und zeigen Lähmungen. Oft können sie ihren Kopf nicht mehr halten. Diese Symptome treten mehrere Tage, nachdem die Sporen geschluckt wurden, auf – mitunter erst nach 30 Tagen.

Weil die Inkubationszeit lang sein kann, lässt sich der Auslöser oft nur schwer finden. "Man weiß ja nicht genau, was das Baby in all dieser Zeit in den Mund gesteckt hat", sagt Bräunig. Auch Brigitte Dorner erinnert sich an einen infizierten Säugling, dessen Eltern versicherten, ihm niemals Honig gegeben zu haben. Dorner und ihr Team begaben sich in der Wohnung auf Spurensuche und untersuchten sogar den Staubsaugerbeutel. Vergeblich.

Eines ist immerhin beruhigend: Wird ein Baby rechtzeitig behandelt, sind die Aussichten, dass es wieder ganz gesund wird, sehr gut.

Infos: Lebensmittel-Vergiftung

Der Keim Clostridium botulinum kann auch Erwachsenen gefährlich werden. Da beim Selbsteinwecken von Gemüse-, Fleisch- oder Fisch 100 Grad nicht überschritten werden, können Sporen überleben und Gifte in größeren Mengen bilden. Auch Rauchwaren (Fleisch oder Fisch) können belastet sein. Im Kühlschrank wird die Keim-Vermehrung gebremst. Nahrungsmittel-Botulismus ist aber mit zehn Fällen pro Jahr selten. Meist kommt es zwölf bis 36 Stunden nach der Mahlzeit zu Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Seh- und Schluckstörungen oder Lähmungserscheinungen.

Quellen

Gespräch mit Dr. Juliane Bräunig, Fachgruppenleiterin Mikrobielle Toxine am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin, Juli 2014
Gespräch mit Dr. Brigitte Dorner, Konsiliarlabor für Clostridium botulinum
am Robert-Koch-Institut in Berlin, Juli 2014
Gespräch mit Prof. Dr. Mathilde Kersting, Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund, Juli 2014
Gespräch mit Stefan Schlicht, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Starnberg, Juli 2014

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