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Kinder

Plötzlicher Kindstod: Serotonin unter Verdacht

Von Christian Seel (12. September 2008)

Für Neugeborene im ersten Lebenshalbjahr gelten besondere Vorsichtsregeln, die Eltern beachten sollten. Foto: pa/dpa

Davor haben viele Eltern Angst: plötzlicher Kindstod. Molekularbiologen sind der Ursache des Phänomens auf der Spur und haben bereits einen Verdächtigen

Das Thema macht vielen jungen Eltern Angst, und für betroffene Familien ist es ein traumatisches Erlebnis: plötzlicher Kindstod. In Deutschland sterben noch immer jährlich etwa fünf von 10.000 kerngesunden Babys im Schlaf, ohne dass die Medizin dafür eine Erklärung hätte. Plötzlicher Kindstod ist die häufigste Todesursache im ersten Lebensjahr, und lange tappte die Forschung im Dunkeln über die Hintergründe. Nun sind Biologen des Europäischen Molekularbiologischen Labors auf eine Spur gestoßen, die Erklärungen liefern und eine Risiko-Diagnose bei Neugeborenen möglich machen könnte.

Die Fährte der Forscher führt zum Botenstoff Serotonin. Er steuert im Körper wichtige Systeme wie Atmung, Blutdruck und Temperatur. Gerät dieser Regel-Mechanismus etwa durch einen Gen-Defekt aus dem Takt, so die These der Wissenschaftler im Fachmagazin "Science", kommt es vor allem in den ersten Lebensmonaten zu bedrohlichen Situationen. Sowohl bei zu hoher wie bei zu niedriger Serotonin-Ausschüttung könnten Körpertemperatur, Herzschlag und Atmung offenbar nicht mehr den äußeren Bedingungen angepasst werden.

Untersuchung an Mäusen

Nachweisen konnten sie den Effekt jetzt in einem Mäuse-Experiment mit aufwendig genmanipulierten Tieren. Ursprünglich habe man die Wirkung des Serotonins auf Angstgefühle und depressives Verhalten erforschen wollen, erzählt Studienleiter Cornelius Gross. Die Mäuse waren so manipuliert, dass man die Serotonin-Regelung mit einem Antibiotikum stören konnte. Wurde die Störung im frühen Lebensalter "eingeschaltet", starb ein großer Teil der Tiere. Je älter die Mäuse allerdings waren, desto unempfindlicher reagierten sie. Dadurch kamen die Wissenschaftler auf die Verbindung zum plötzlichen Kindstod - zum sogenannten Sudden Infant Death Syndrom (SIDS). Bei Kindern besteht das Risiko vor allem zwischen dem zweiten und fünften Lebensmonat.

Unter Medizinern steht das Serotonin schon länger im Verdacht, den plötzlichen Kindstod zu bewirken. Bei einigen Dutzend untersuchten SIDS-Fällen in San Diego waren überproportional viele Serotonin produzierende Zellen im Gehirn gefunden worden. Doch die Zahl der untersuchten Todesfälle war viel zu gering, um die Zusammenhänge zu enträtseln.

Plötzlicher Kindstod: Test zur Risiko-Einschätzung möglich

Im Mäuseexperiment scheint dies eher möglich, auch wenn nur zögernd Parallelen zu SIDS ziehen. Bei den Tieren etwa war der Serotonin-Spiegel durch Manipulationen an den entsprechenden Rezeptoren im Gehirn nicht so hoch wie bei den untersuchten Kindern, sondern zu niedrig eingestellt. Und erstaunlicherweise führte im Mäuse-Experiment eine vollständige Blockade des Stoffes nicht zum frühen Tod. Die Forschung steht mithin noch am Anfang. "Ein Medikament gegen den plötzlichen Kindstod wird es nach meiner Einschätzung niemals geben", sagt Gross, "möglich aber scheint ein Test, der das Risiko eines Säuglings bewertet."

Bis das Phänomen plötzlicher Kindstod abschließend aufgeklärt ist, gibt es für Elern Verhaltensregeln, um das Risiko fürs Kind so klein wie möglich zu halten. Die SIDS-Rate ist zwar seit 1992 stark zurückgegangen, aber immer noch vier Mal so hoch wie etwa in den Niederlanden. Säuglingsstationen geben sogar selbst ein schlechtes Beispiel ab, wie vor einiger Zeit eine Umfrage des bayrischen Gesundheitsministeriums ergab. In 40 Prozent der bayrischen Kliniken werden die Neugeborenen auf die Seite oder auf den Bauch gelegt, obwohl dies als höchstes Risiko für den plötzlichen Kindstod gilt.

Vorsichtsregeln:

Rückenlage: Das Risiko des plötzlichen Kindstodes kann nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin verringert werden: Das Kind sollte bis zum ersten Lebensjahr zum Schlafen nachts wie tagsüber auf den Rücken gelegt werden. In wachem Zustand die Bauchlage üben

Nicht Rauchen: Keine Zigaretten während der Schwangerschaft, kein Zigarettenrauch in der Umgebung des Kindes

Stillen: Gestillte Kinder (4 bis 6 Monate) sind nur selten vom plötzlichen Kindstod betroffen

Schlafsack: Keine Decke benutzen, die über den Kopf des Kindes geraten kann. Kein Kissen oder große Kuscheltiere. Möglichst nur Schlafsack benutzen

Bett: Schlafen im eigenen Bettchen im Elternschlafzimmer. Nicht gemeinsam mit Erwachsenen, vor allem nicht gemeinsam auf dem Sofa

Klima: Schlafen bei 16 - 18 Grad Celsius. Die Decke sollte so gewählt werden, dass es dem Kind nicht zu heiß oder kalt wird


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Quellen

Gespräch mit Cornelius Gross, Molekularbiologe und Studienleiter am Europäischen Molekularbiologischen Laboratorium (EMBL) in Heidelberg, Sept. 2008






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