Soll man Lispeln behandeln?

Von Anja Mannhard (9. Juli 2012)

Das Lispeln lässt sich mit regelmäßigen Zungenübungen überwinden. Foto: Mannhard

Lispeln kann sich in der Schule und im Beruf nachteilig auswirken. Logopädin Anja Mannhard plädiert deshalb für eine Therapie der Störung im Kindesalter

Ist Lispeln therapiebedürftig? Wo sogar ehemalige Bundeskanzler, Fernsehmoderatorinnen oder Literaturkritiker lispeln? In der Logopädie ist das Lispeln (Sigmatismus) eine Abweichung von der sprachlichen Norm und somit behandlungsbedürftig. Mit dem Schuleintritt sollten keine Aussprachefehler mehr vorliegen. Wenn jedoch gerade dann große Zahnlücken prangen, würde man meist zunächst den Zahnwechsel abwarten. Letzten Endes ist es immer eine persönliche Entscheidung, ob man mit dem Lispeln leben möchte oder nicht, beziehungsweise bei Kindern eine Entscheidung der Eltern.

Lispeln kann sich in Schule und Beruf nachteilig sein

Der Kinderarzt wird meist zur Behebung raten. Denn Lispeln kann sich in Schule und Beruf nachteilig auswirken. Bei Präsentationen und Referaten leidet die Verständlichkeit, und bestimmte Berufe sind ausgeschlossen: Logopäde, Rundfunk- und Fernsehsprecher, Synchronsprecher, Sänger, Schauspieler (ein Mikrofon verstärkt den Sprachfehler), und eigentlich auch pädagogische Fachkräfte in Kita und Schule, wo das Sprechmodell für die Sprachbildung von Kindern eine Rolle spielt.

Gerade im Kindesalter weiß man noch nicht, ob man einen solchen Beruf ergreifen will. Auch in anderen Berufen und im Privatleben kann Lispeln stören. Kundenberatung durch einen lispelnden Anwalt oder eine lispelnde Apothekerin? Sofort stellt mancher die Inhalte innerlich in Abrede, zweifelt an der Kompetenz.

Nun, ich bin Logopädin. Mancher sieht das anders. Hört man sich in der Gesellschaft um, scheint Lispeln zu einer allgemein akzeptierten Sprechstörung gelangt zu sein.

Wie entsteht Lispeln? "S"-Laut wird nicht korrekt gebildet

Für die Fähigkeit, Laute korrekt zu bilden, ist eine gut entwickelte Mundmotorik wichtig. Mund- und Gesamtentwicklung eines Kindes stehen im Zusammenhang. Im Mund- und Rachenraum müssen viele Muskeln zusammenspielen – beim "S"-Laut besonders präzise, weshalb es hierbei häufiger zu Störungen kommt. Allein die Zunge verfügt über 17 Muskeln, die eine gezielte Spannungseinstellung beim "S" vollführen.

Wir haben zwei Möglichkeiten, den "S"-Laut zu bilden: Die Zungenspitze und das vordere Drittel der Zunge richten sich entweder eher in Richtung des oberen Gaumens (apikales "S") oder in Richtung des unteren Gaumens (dorsales "S") aus. Durch die Spannung der Zunge und die gespreizten Lippen wird eine Enge im Mundraum hergestellt, die für die korrekte Lautbildung erforderlich ist. In der Zungenmitte bildet sich eine minimale flache Längsrille, über die der Luftstrom gebündelt aus dem Mund austritt. Die Lippen sind in die Breite gezogen, wie bei einem Lächeln, die Zahnreihen locker geschlossen.

Zischlaute beim Lispeln durch zu wenig Spannung in der Zunge

Bei der häufigsten Form des Lispelns drückt die Zungenspitze sichtbar zwischen die Frontzähne, ähnlich dem englischen "th". Meist fehlt die präzise Spannung der Zunge und Lippen, die Längsrille wird nicht gebildet, der an sich hochfrequente Zischlaut hört sich unscharf und stumpf an. Oder die Zunge drückt gegen die Innenseite der oberen oder unteren Frontzähne. Seltenere und schwerer behandelbare Störungen sind Fehlbildungen, bei denen die Luft in die Wangentaschen entweicht oder "schlürfende" Geräusche entstehen.

Kleine Zungenübung gegen das Lispeln

Material: Holzmundspatel aus der Apotheke oder stabiles Holzeisstäbchen. Die Zunge wird gerade heraus gestreckt, während eine zweite Person den Spatel gegen die Spitze drückt. Das Kind versucht, durch Spannung in der Zungenspitze gegen den Spatel zu drücken, um die Zungenmuskeln zu trainieren. Dann wird der Spatel von oben flach auf die Zungenspitze gedrückt, dabei versucht die Zunge mit der Spitze dagegen zu halten, sodass sie nicht auf dem Mundboden landet.

Danach wird der Spatel unter die Zungenspitze gelegt und nach oben gedrückt. Auch hier soll die Zunge entsprechenden Gegendruck aufbauen. Nun kommen die Seitenränder an die Reihe: Die Zunge wird gerade heraus gestreckt, der Spatel wird längs und flach gegen den linken Seitenrand der Zunge gedrückt, wobei versucht wird, die Zunge zur Seite zu schieben. Die Zunge hält dagegen, sodass sie in der Mitte bleibt. Dasselbe mit dem rechten Seitenrand. Zähne und Kiefer bleiben unbeteiligt, der Rest des Körpers entspannt. Achtung! Besonders mit Kindern sollten die Übungen spielerisch und vorsichtig mit nicht zu viel Druck durchgeführt werden, sonst besteht Verletzungsgefahr!

Anja Mannhard  arbeitet als Lehrlogopädin und Fachautorin in Lörrach. Sie unterhält die Webseite anjalingua.de und hat den "Ratgeber Sigmatismus" geschrieben.

Quellen

Anja Mannhard, Lehrlogopädin und Fachautorin, Lörrach, Juli 2012
"Ratgeber Sigmatismus", Schulz-Kirchner Verlag, Idstein, 2012


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