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Kinder

Wie kranke Eltern sich dem Kind erklären

Von Ute F. Wegner (13. April 2012)

Wenn ein Elternteil in die Klinik muss, ist das für Kinder meist sehr beängstigend. Foto: Getty/Jupiterimages

Die richtigen Worte fürs Kind zu finden, ist für kranke Eltern schwierig. Besonders wenn es sich um eine sehr schwere Erkrankung wie Krebs handelt.

"Wie sagen wir es den Kindern?", fragen sich kranke Eltern, wenn einer von ihnen an einem schweren Leiden erkrankt. Besonders die Diagnose "Krebs" erschüttert von einem Moment auf den anderen das Leben in seinen Grundfesten. Je nach Diagnose und Prognose stürzt eine emotionale Lawine auf kranke Eltern ein.

Der Alltag der Familie muss vollkommen umgestaltet werden. Dazu kommt: "Schwere Behandlungen wie zum Beispiel Chemotherapie, Operation und Bestrahlung sind enorm belastend, nicht nur für den Kranken, sondern für die ganze Familie", sagt Sabine Brütting, die in ihrer Praxis als Gestalttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie krebskranke Eltern berät, vor allem aber die Kinder der Patienten unterstützt.

Kranke Eltern halten die Wahrheit lange zurück

In dieser Situation, unsicher und überfordert, vermeiden es kranke Eltern meist, das offene Gespräch mit ihren Kindern zu suchen. Kranke Eltern wollen ihnen so lange wie möglich die mitunter grausame Wahrheit vorenthalten. "Es ist fatal, wenn Eltern ihren Kindern vorspielen, dass ja alles nicht so schlimm ist", sagt Brütting, die über das Thema Kinder und kranke Eltern ein Buch geschrieben hat.

Sabine Brütting rät Eltern, von Anfang an so ehrlich wie möglich zu sein. Die Kinder haben feine Antennen, sie spüren, dass etwas nicht stimmt. "Viele Kinder beziehen es dann auf sich selbst, dass die Eltern plötzlich so anders sind, denken, dass etwas mit ihnen selbst nicht stimmt." Manche zeigen Schlafprobleme, Essstörungen, Unruhe und weinen bei kleinsten Anlässen, wenn kranke Eltern sich nich äußern.

Im ersten Gespräch müssen kranke Eltern nicht alles erzählen

Am besten sei es, sagt die Therapeutin, wenn beide Eltern sich mit den Kindern Zeit nehmen und zusammensetzen und sie möglichst sachlich über die schwere Erkrankung informieren. Im ersten Gespräch müssen kranke Eltern ihren Kindern aber nicht immer alles erzählen.

Für Kleinkinder ist besonders wichtig, zu wissen, was sich für sie im Alltag ändert. Dass sie zum Beispiel die Oma in den Kindergarten bringt und die Tante sie abholt. Sie sollten erfahren, wer für sie Mittag kocht, die Wäsche wäscht und hilft, ihren Geburtstag vorzubereiten. Es ist sinnvoll, die Kinder zu fragen, ob sie sich noch um etwas anderes Sorgen machen. Oft sind es für Erwachsene selbstverständliche Dinge, die Kinder bekümmern.

Kinder nicht mit finanziellen Sorgen belasten

"Kinder müssen Verlässlichkeiten haben", sagt Sabine Brütting, die für den "Verein Hilfe für Kinder krebskranke Eltern e. V." in Frankfurt/Main arbeitet. "Sie sollten in dieser unsicheren Zeit auch ihren Interessen nachgehen dürfen, also zum Flötenunterricht gehen oder mit Freunden spielen. Die Struktur gibt ihnen Halt in einer Zeit, in der der Boden ins Wanken gerät." Können aus finanziellen Gründen, weil ein Elternteil nicht mehr arbeiten kann, bestimmte Dinge für die Kinder nicht mehr bezahlt werden, sollten kranke Eltern ihren Kindern das zwar ruhig erklären, dabei aber nicht zu sehr ins Detail gehen. Mit finanziellen Sorgen solle man Kinder nicht belasten.

Werden kranke Eltern behandelt, sollten Kinder immer über anstehende oder erfolgte Arzttermine und Untersuchungsergebnisse informiert werden. "Ein achtjähriger Junge, dessen Mutter Krebs hatte, bekam mit, dass seine Eltern einen Termin in einer weit entfernten Klinik hatten", erzählt die Therapeutin. "Er war sehr besorgt, was die Ärzte gesagt hatten, traute sich aber nicht zu fragen."

Kranke Eltern bedenken nicht immer, dass Kinder alle Termine in diesem Zusammenhang genau registrieren. "Fast alle Kinder schonen ihre Eltern und wollen sie nicht belasten." Deswegen solle man auch kleine Kinder relativ schnell nach der Diagnose mit einbeziehen, spätesten aber zum Zeitpunkt, an dem sich in der Familie etwas ändert.

Tränen fließen lassen

Auch ihre Gefühle können kranke Eltern ihren Kindern zeigen, offen gestehen, dass sie Angst haben oder traurig sind. "Tränen sollten Eltern nicht verbergen, sondern ihnen freien Lauf lassen." Wichtig ist, auf Fragen einzugehen. ",Ich weiß es auch nicht!' kann ebenfalls eine Antwort sein!" Wenn kranke Eltern Probleme haben, mit den Kindern darüber zu sprechen, sollten sie sich das eingestehen und Hilfe in Anspruch nehmen. Ansprechpartner finden sie unter anderem in Erziehungsberatungsstellen, bei Psychoonkologen und Psychotherapeuten.

Extrem ist der Abschied, der Tod. "Auch das sollte man auf keinen Fall verschweigen", sagt Sabine Brütting, "oder behaupten, Mama oder Papa wird wieder gesund, wenn die Diagnose dagegen spricht." Man könne erst einmal sagen: "Mama oder Papa ist sehr krank und wird wahrscheinlich nicht gesund."

Spätestens aber, wenn das Ende naht, sollten Kinder informiert werden, und zwar konkret, auch wenn sie noch klein sind und es noch so schmerzt. "Kinder sollten die Möglichkeit haben, Abschied nehmen zu können; das erleichtert dann die Trauer."

Beratung: Adressen

Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (dapo), Ludwigstrasse 65, 67059 Ludwigshafen, Tel.: 0700/20006666 (Mo.-Fr. 09:00-18:00 Uhr 12,4 Cent pro Minute, sonst 6,2 Cent), Mail: info@dapo-ev.de, Internet: www.dapo-ev.de Hilfe für Kinder krebskranker Eltern, Güntherstaße 4a, 60528 Frankfurt/M., Tel./Fax: 069/677 24 504, Mail: hkke@hilfe-fuer-kinder-krebskranker.de, Internet: www.hilfe-fuer-kinder-krebskranker.de. Kostenlose Broschüre "Mit Kindern über Krebs sprechen" erhältlich.

Buchtipp:

"Was macht der Krebs mit uns? Kindern die Krankheit ihrer Eltern erklären", Sabine Brütting, Balance buch+medien verlag Bonn, 14,95 €


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Quellen

Gespräch mit Sabine Brütting, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Frankfurt/M., Apr. 2012






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