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Kinder

Kopfball – Risiko fürs Kinderhirn?

Von Torsten Wendlandt (27. April 2012)

Ein Kopfball kann kaum schaden – wenn man richtig köpft. Foto: pa/asa

Auch Fußball-Amateure erleiden beim Kopfball Verletzungen, wie Studien zeigen. Sollte man deshalb Kindern vom Kopfballspiel abraten?

Fußball ist ohne Zweifel das Spiel Nummer eins der Deutschen. Und er bleibt es vorerst auch, denn inzwischen betreiben 2,3 Millionen Kinder und Jugendliche in Vereinen die angeblich schönste Nebensache der Welt, Tendenz steigend. Dabei  wächst aber auch die Zahl derer, die sich darüber den Kopf zerbrechen, ob Fußball denn überhaupt gesund ist. Insbesondere im Kopfball haben manche eine Gefahr für die Häupter und Halswirbelsäulen des Nachwuchses ausgemacht.

Häufiges Kicken mit dem Kopf berge ein erhöhtes Risiko für Schädel-Hirn-Verletzungen, meint etwa das Forum Schmerz im Deutschen Grünen Kreuz. Der niederländische Gesundheitsrat will erkannt haben, dass schon jeder zweite Profifußballer wegen der Kopfbälle an Gedächtnislücken und visuellen Störungen leide. Deshalb müsste der Kopfball erst recht köpfende Kinder gefärden. In den Niederlanden wird deshalb Kindern unter 16 Jahren empfohlen, beim Spiel auf den Kopfball zu verzichten.

Hirnverletzungen nach Kopfball-Einsatz

Im Profi-Fußball erleidet nach Angaben der Schweizer Sportmedizinerin Dr. Nicola Biasca jeder Zweite in seiner Laufbahn durch einen Kopfball ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, zwei von elf Spielern gehen jährlich K.o.. Dass solche Verletzungen nicht nur Profis widerfahren, zeigten Ende 2011 Wissenschaftler des  Albert Einstein College of Medicine in New York, die eine kleine Gruppe von 38  Amateur-Spieler untersuchten. Ergebnis: Spieler mit häufigem Kopfball-Einsatz zeigen demnach öfter Hirnverletzungen, wie sie nach Gehirnerschütterungen zu finden sind. Nach solchen Erkenntnissen denkt sogar Frank Wormuth, Chef der Fußballlehrer-Ausbildung beim DFB, öffentlich darüber nach, die Profis zum Schutz vor Kopfverletzungen mit Hauben auszustatten. Immerhin absolviert ein Spieler im Schnitt rund 1000 Kopfbälle pro Jahr.

Aber ist ein Kopfball auch gefährlich für die Jugend? "Nicht wirklich", sagt Dr. Hans-Jürgen Tritschoks, der früher den Nachwuchs des 1. FC Köln trainierte und 2008 die Frankfurter Frauen zum Deutschen Meistertitel und Pokalsieg führte. "Es gibt keine einzige Langzeitstudie, die eine derartige Gefahr durch das Kopfballspiel belegt", so der Mediziner. Tritschoks Kollege im Institut für Sportspiele an der Deutschen Sporthochschule Köln, der Biomechaniker Dr. Erich Kollath, untersucht seit 20 Jahren Kopfbälle auch aus präventologischer Sicht. "Vieles, was an Bedenken geäußert wird, sind Meinungen von Wissenschaftlern, die keine Ahnung vom Fußball haben", sagt er.

Ball fliegt bis zu 90 Stundenkilometer schnell

Naturgemäß ist die mechanische Belastbarkeit des Bewegungsapparates bei Heranwachsenden geringer als bei Erwachsenen, das Kraft-Last-Verhältnis ungünstiger. Fliegt ein Ball mit einem Maximalwert (90 Stundenkilometer Geschwindigkeit bei 1 Atmosphäre Balldruck ergibt eine Kraft von 300 bis 400 Kilogramm) an den Kopf, ist die Belastung enorm, das Verletzungsrisiko steigt. Besonders dann, wenn beim Kopfball der Aufprallwinkel (Kopfseite, Schläfe) ungünstig ist. So gab es zwei Todesfälle in den letzten 50 Jahren Fußball – weltweit. "Bei einer ernsthaften Verletzung müssen allerdings alle negativen Faktoren zusammentreffen", erklärt Kollath, "aber wer mit Köpfchen köpft, minimiert das Risiko erheblich. Das bedeutet Training der Technik, der Koordination und der Muskelkraft." Außerdem entstünden die meisten Verletzungen ohnehin im Zweikampf oder beim Zusammenprall, die wenigsten beim Kopfball.

Ballanflug beim Kopfball genau fixieren

Technik heißt für den Fußball-Doktor, erst einmal den Ballanflug genau zu fixieren, um so den optimalen Treffpunkt des Balles (nämlich die stabile Stirn) zu erreichen. Also: Augen auf beim Köpfen! Kollath: "Selbst ein Weltklasse-Stürmer hat beim Kopfball die Augen geschlossen, das ist ein natürlicher Reflex. Doch er macht sie nur eine Millisekunde vorher zu, der Amateur eine Zehntel." Schließlich spielt der Luftdruck (laut Regelwerk 0,6 bis 1,1 Atmospärendruck) eine Rolle. "Ein weicherer Ball wie ihn zum Beispiel die Brasilianer bevorzugen, mindert die Aufprallkraft bis zu 20 Prozent", sagt Dr. Kollath. Auch das Gewicht des runden Kunstleders hat darauf Einfluss, deswegen lässt der DFB die Jugend mit 300-Gramm-Bällen üben (Profis 410 bis 450 Gramm).

Infos: Kopfball mit dem richtigen Ball

Ball Kinder sollten mit altersgerechten Bällen spielen. Bis zu 7 Jahren ist die Größe 4 (290 g) zu empfehlen, Größe 4-5 (290 bis 350 g) ab 10 Jahren, erst ab 15 sollte die Profigröße (410 bis 450 g) zum Einsatz kommen. Die Bälle nicht zu hart aufpumpen. Für Minderjährige sollte der Luftdruck unter 1 at (Atmosphäre) liegen. Das ist nicht nur beim Kopfball wichtig.

Training Ratsam ist immer, sich beim Kopfball mit geöffneten Augen, aktiv und unerschrocken auf den Ball zuzubewegen. Eine starke Nackenmuskulatur hilft, den Druck gut abzuleiten. "Wenn man technisch sauberes Kopfball-Spiel erlernen will, sollte man ganz einfach mit Volleybällen beginnen", rät Dr. Erich Kollath.


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Quellen

"Frequent Heading in Soccer Can Lead to Brain Injury and Congenitive Impairement", Bericht des Albert Einstein College of Medicine, Nov. 2011
Gespräch mit Dr. Erich Kollath, Biomechaniker am Institut für Sportspiele an der Deutschen Sporthochschule Köln, Mai 2009
"Die unerkannte Hirnverletzung im Sport: das leichte Schädel-Hirn-Trauma und seine Folgen", N. Biasca et al., Schweizer MedForum Nr. 6/2006






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