Was Kinderzeichnungen verraten

Von Angela Stoll (14. August 2014)

Eltern sind oft besorgt, wenn ein Kind im Vorschulalter noch Kopffüßler malt. Foto: Getty/Tetra

Experten warnen davor, aus Kinderzeichnungen vorschnell auf die Entwicklung zu schließen. Nicht alle Kinder malen gut und gern.

An einem großen Eierkopf mit Strubbelfrisur hängen vier Striche. Der fünfjährige Daniel zeigt sein Bild stolz der Mutter: "Schau mal, das bist du!" Die ist weniger begeistert. Kinderbilder mit  "Kopffüßlern" sollten Vorschulkinder nicht mehr malen. Solche käferartigen Wesen, bei denen der Körper fehlt, sind oft die ersten Versuche von drei- und vierjährigen Kindern. Muss man befürchten, dass Daniel in seiner Entwicklung hinten dran ist?

Mit vier Jahren werden Kinderzeichnungen gegenständlich

Die Kinderzeichnungen verändern sich mit ihrem Alter. Es gibt typische Entwicklungsstufen, anhand derer ein erfahrener Betrachter das Alter ungefähr einschätzen kann: Kinder bis drei Jahren befinden sich meist in der Kritzelphase, ab zwei fangen die ersten an, Formen wie Kreise und Ovale zu malen. Später entwickeln sich aus Kreisen und Strichen die ersten Kopffüßler. Ab etwa vier Jahren beginnen Kinder, gegenständlich zu malen – Blumen, Häuser und Tiere.

Auch wenn sie oft bizarr wirken, sind derlei Kinderzeichnungen eine große Leistung kleiner Künstler: Wie sie gestaltet sind, ist von vielen Fähigkeiten abhängig, unter anderem von feinmotorischem Geschick, visueller Wahrnehmung, Raumorientierung und Konzentration. Dennoch sind Experten bei der Interpretation der Bilder vorsichtig: "Ich kann nur davor warnen, von einzelnen freien Kinderzeichnungen Rückschlüsse auf die Entwicklung zu ziehen", sagt die Psychologin Prof. Dr. Elfriede Billmann-Mahecha von der Universität Hannover. Insbesondere sei es nicht seriös, daraus auf die Intelligenz zu schließen. "Wie Kinder zeichnen, ist sehr unstet. Am nächsten Tag sieht das Resultat oft ganz anders aus", betont sie. Außerdem sind die Unterschiede von Kind zu Kind extrem groß. "Wir hatten hier zum Beispiel einen Fünfjährigen, der nur Kopffüßler gemalt hat, aber richtige Geschichten mit den Zeichnungen erzählt hat. Eine tolle Leistung", erzählt sie. "Dieser Junge war gut entwickelt."

Keine Normerwartungen an Kinderzeichnungen

Auch der Entwicklungspädiater Prof. Dr. Oskar Jenni, der am Züricher Kinderspital Hunderte Bilder von Vier- bis Achtjährigen untersucht hat, warnt vor "Normerwartungen an die zeichnerischen Fähigkeiten". Bei zwei Sechsjährigen lag das Entwicklungsalter beim Zeichnen zum Beispiel dreieinhalb Jahre auseinander: Der eine schaffte nur ein Strichmännchen ohne Füße, der andere versah seinen Menschen sogar mit Schuhbändeln – beide waren gesund und normal entwickelt. Wie ein Kind zeichnet, so Jenni, hängt neben seinen Fähigkeiten auch von der Förderung und vom Bildungsstand der Bezugspersonen ab.

Dass das soziale Milieu eine Rolle spielt, bestätigt der Entwicklungsdiagnostiker Dr. Thorsten Macha von der Universität Bremen. "Je geringer der Bildungsstand, desto größer ist die Neigung der Eltern, Kinder von elektronischen Medien betreuen zu lassen", sagt er. Und das geht zu Lasten der kreativen Fähigkeiten. Außerdem hat der Psychologe große Unterschiede zwischen den Geschlechtern beobachtet. Eine Befragung der Eltern von rund 120 Vorschulkindern bestätigte, dass Mädchen in der Regel öfter und lieber malen: So gaben 70 Prozent der Mädchen-Eltern an, dass ihre Kinder oft zeichnen – 50 Prozent sogar "sehr gerne". Bei den Jungen waren es nur 30 Prozent, die oft malten, nur neun Prozent "sehr gerne". Daher, so Macha, müsse man bei der Beurteilung der Bilder auch das Geschlecht berücksichtigen.

Hinweise auf die feinmotorische Entwicklung

Dennoch liefern Kinderzeichnungen durchaus Hinweise auf die feinmotorische und kognitive Entwicklung, sagt Macha. "Es ist aber wichtig zu sehen, wie das Bild zustande gekommen ist." Dabei kann man nämlich beobachten, ob das Kind Probleme mit der Stifthaltung hat oder sich beim Zeichnen verkrampft. "Wenn man nur das fertige Bild sieht, sind Aussagen schwierig", betont er.
Diese Erfahrung machte auch Billmann-Mahecha: Im Rahmen einer Studie lieferte ein Vierjähriger ein Bild ab, auf dem nur "Krikelkrakel" zu sehen war. Ein Video zeigte jedoch, was der Junge wirklich geleistet hatte: Er hatte einen Apfel mit Stiel gemalt, dann die Kerne hinzugefügt. Da man aber "die Kerne eigentlich nicht sieht", wie das Kind sagte, hat es den Apfel übermalt– vor lauter Gekrakel war am Ende nichts mehr vom Apfel zu sehen. "Hinter Bildern, die man oft achtlos wegwirft, kann also viel mehr stecken", sagt die Psychologin.

Wenn Kinder insgesamt "fit" sind, weder sprachlich, motorisch, noch vom Verhalten her auffällig , kann man meist gelassen bleiben, wenn Kinderzeichnungen nicht altersgemäß erscheinen. In extremen Fällen sollten sich Eltern aber an den Kinderarzt wenden. Macha: "Fünfjährige, die noch nicht mal Kopffüßler malen, haben ein hohes Risiko für eine kognitive Störung."

Infos: Tipps für Malmuffel

Kritik vermeiden Sie nimmt Kindern die Lust .

Gemeinsam malen Wenn andere mitmachen, macht das Werkeln mehr Spaß. Anderes ausprobieren, z.B. T-Shirts oder Blumentöpfe bemalen.

An den Stift gewöhnen Spiele, bei denen ein Stift zum Einsatz kommt (z.B. Käsekästchen), schulen das Zeichnen.

Bauen und Legen Puzzle und Modellbauten nach Vorlagen schulen das Erkennen von Raum-Lage-Beziehungen.

Quellen

Gespräch mit Prof. Dr. Elfriede Billmann-Mahecha, Institut für Pädagogische Psychologie der Universität Hannover, Juli 2014
Gespräch mit Dr. Thorsten Macha, Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen, Juli 2014
Gespräch mit Sabine Pauli, Ergotherapeutin in Ravensburg, Juli 2014
Gespräch mit Dr. Elisabeth Riegger-Walker, Kinder- und Jugendärztin in Waiblingen, Juli 2014
Oskar Jenni: Wie Kinder die Welt abbilden - und was man daraus folgern kann, Pädiatrie up2date 2013


Wie lange wurde Ihr Kind gestillt?