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Kinder

Schulpause: Kinder in Bewegung bringen

Von Sylke Heun (6. Februar 2009)

Holger Laurisch mit Carolin (12), Jakob (8) und Isabel (10, v. li.) in einer Hamburger Turnhalle Foto: Michael Zapf

Holger Laurisch bietet mit "Aktive Pause" Angebote zum Austoben. Der pensionierte Lehrer tourt mit seinem Spielparcours von Schule zu Schule.

Holger Laurisch wohnt in Kampen auf Sylt. Dort kann man am Strand spazieren gehen, Tee trinken und ein gutes Buch lesen. Macht er aber nicht. Wie jeden Donnerstag nimmt der pensionierte Lehrer den Zug nach Hamburg. Der 68-Jährige baut in einer Turnhalle einen Spielparcours auf, schaut den Kindern zwei Stunden lang beim Toben zu, baut dann alles wieder ab und nimmt am nächsten Morgen den ersten Zug zurück auf die Insel.

Er macht das auf seine Kosten und aus Überzeugung. Die lautet: Kinder in Bewegung zu bringen ist wichtig, aber sie bekommen nicht genügend Angebote. Sein Projekt heißt  "Aktive Pause".

Trampolins und Fahrgeräte mit sechs Rädern

Diesmal sind drei Geburtstagsgruppen in die Turnhalle am Tessenowweg in der City Nord in Hamburg gekommen. Die Kinder wissen gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollen. Zwei große Trampolins und Schaukeln wurden aufgebaut, überall liegen Bälle. Es gibt eine Rennstrecke und dazu abenteuerliche Fahrgeräte mit ein bis sechs Rädern, die so spannende Namen haben wie Swing Racer und Starwheeler. Schnell die Sportsachen anziehen und los. Holger Laurisch schaut den Kindern in Bewegung zufrieden hinterher.

Aktive Pause statt Rumhängen auf dem Schulhof

1995 gründete er noch als Lehrer für Sport und Politik an der Staatlichen Handelsschule City Nord die "Aktive Pause", um Kinder in Bewegung zu bringen. Seitdem ist er donnerstags mit Kindergruppen in der Turnhalle und zwischen Ende März und Oktober mit einem Spielmobil voller Geräte auf Schulhöfen unterwegs. Möglichst viele Schüler, Lehrer und Eltern will er von seiner Idee begeistern, dass die Pause zum Austoben und nicht zum Rumhängen da ist.

"Für Kinder ist ein Mal Bewegung pro Woche viel zu wenig, sagt Laurisch". Erst recht, wenn die Sportstunde diesen Namen kaum verdient. In einer dieser Stunden hatte er während des Studiums vor vielen Jahren sein Aha-Erlebnis. Laurisch und seine Kommilitonen bekamen Stoppuhren. Sie sollten ermitteln, wie lange sich Kinder in einer 45-minütigen Sportstunde wirklich bewegen. "Es waren zwischen zwei und vier Minuten", sagt der drahtige Pensionär.

Mehr Zeit, mehr Raum, mehr Material

Laurisch zog seine Schlüsse daraus: Wir brauchen mehr Zeit, mehr Raum, mehr Material und eine bessere Ausbildung der Pädagogen. Und so entstand schließlich die "Aktive Pause" - Kinder in Bewegung.

Jakob feiert bei Holger Laurisch schon zum zweiten Mal Geburtstag. Der Achtjährige pendelt zwischen Fußball, dem Trampolin und den Schaukeln hin und her. Was am schönsten ist? "Alles". Das findet seine Mutter auch. "Das ist eine Supersache, gerade im Winter. Viel besser als Geburtstag mit den Kindern zu Hause", sagt Svenja Petersdorf (36) aus Fuhlsbüttel.

Wettrennen auf dem Rollschlitten

In den Materialräumen neben der Halle bekommt jede Gruppe eine Ecke für Getränke, Essen und den obligatorischen Geburtstagskuchen. Der kann mit den Attraktionen in der Halle allerdings kaum mithalten. Nicht nur die Kinder sind in Bewegung , selbst die Eltern zieht es schnell auf den Parcours. Einmal einen Rollstuhl ausprobieren und feststellen, wie schwierig das Fahren damit ist. Oder wie früher an einem Seil über einen gefährlichen Fluss voller Krokodile schwingen. Oder zu einem Wettrennen auf Rollschlitten starten.

"Meine Zielgruppe sind eigentlich alle", sagt Holger Laurisch. Dass sein besonderes Engagement trotzdem den Kindern gilt, hat einen Grund. Nach seiner Erfahrung bauen Erwachsene beim Sport auf den Bewegungen auf, die sie als Kinder erlernt haben. Je bunter das Angebot zu Beginn ist, umso breiter gefächert sind die Möglichkeiten später.

Schon 500 Schulen besucht

Deshalb ist Holger Laurisch auch kein großer Fan vom Leistungssport. Lieber von allem ein bisschen können, als das Kugelstoßen in Perfektion beherrschen. Und lieber mehrmals täglich eine aktive Pause als sich einmal pro Woche bis zur Erschöpfung auspowern.

Etwa 500 Schulen vor allem in Norddeutschland hat Holger Laurisch seit 1995 mit seinem Spielmobil besucht, um Kinder in Bewegung zu bringen, zwei Drittel davon waren Grundschulen. Viele davon haben seine Ideen aufgegriffen und bieten nun in den Pausen Pedalos, Stelzen und andere Spielgeräte an.

Rutschen, rennen, rechnen

Um seine Idee weiter zu tragen, ist er zudem in der Lehrerfortbildung tätig. "Für die Bewegung der Kinder sind doch nicht allein die Sportlehrer zuständig, diese Kompetenz sollte jeder Kollege haben", sagt er. Und wer erst einmal gute Ideen hat, wie Kinder sich zum Sport animieren lassen, der kann damit auch den bewegungsarmen Unterricht auflockern. Rutschen, rennen, rechnen - für den Mann mit dem weißen Rauschebart gehört das zusammen.

Info-Box: Zur Person

Er hat kein Handy und keinen Fernseher, reist mit dem Zug, schätzt Spieleabende, Spaziergänge und Bücher. Der gebürtige Berliner Holger Laurisch mag die Stille. Nur eines schätzt der 68-Jährige noch mehr: Kommunikation. Der Teamplayer spielte als Kind schon lieber Fußball als Tennis. In Wien und Hamburg studierte er Sport, Geschichte und Geografie. Von 1967 bis 2003 lehrte er an der Staatlichen Handelsschule mit Wirtschaftsgymnasium City Nord in Hamburg.

Auch privat engagiert er sich seit Jahrzehnten für den Sport, findet dadurch Zugang zu Migranten und Behinderten, zu jungen und alten Menschen. Eine seiner Turngruppen nannte er offensiv Sport für Unsportliche. Mit seiner Lebensgefährtin Ulrike Soehring (68) wohnt Laurisch seit fünf Jahren in Kampen auf Sylt. Der Vater einer Tochter und Opa von vier Enkeln genießt die Nordsee. Zum Schwimmen zieht er allerdings das Hallenbad vor.


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Quellen

Gespräch mit Holger Laurisch, pensionierter Lehrer für Sport und Politik, Hamburg, Feb. 2009






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