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Kinder

Familienhilfe: Wenn ein Kind krank ist

Von Ute F. Wegner (7. November 2012)

Unbelastet spielen: Klettern verlangt vom Kind volle Konzentration. Foto: pa/W. Steinberg

Wenn ein Kind krank oder behindert ist, brauchen auch die Geschwister Zuwendung in der Familie. Wenn Eltern überfordert sind, gibt es verschiedene Hilfsangebote.

Pia grübelt über den Rechenaufgaben. "Mama, ich komme nicht weiter", traut sie sich nach einer Weile zu sagen. "Pia, ich kann jetzt nicht, du siehst doch, dass ich beschäftigt bin." Pias jüngere Schwester ist schwerbehindert. Die Eltern sind viel mit der Jüngeren beschäftigt.

"Wenn ein Kind in der Familie behindert oder krank ist, dann leiden die Geschwister oft erheblich darunter", sagt Prof. Waltraud Hackenberg, Geschwisterforscherin und Psychotherapeutin in Bergisch-Gladbach. "Die Eltern sind anfangs oft überfordert mit der Situation."

Die Auswirkungen auf die gesunden Geschwisterkinder können gravierend sein. "Kleinkinder leiden an der Atmosphäre zu Hause, die häufig mit Angst und Traurigkeit behaftet ist. Wenn sie so wie Pia im Grundschulalter sind, denken sie schon über die Ursachen nach und suchen die Schuld bei sich", so die Psychoanalytikerin. Im Jugendalter spielt das soziale Umfeld eine große Rolle; ältere Kinder schämen sich, wissen sich meist nicht gegen diffamierende Bemerkungen zu wehren.

Angebote für Geschwisterkinder

Die besondere Lebenssituation birgt Chancen und Risiken: Manche Kinder entwickeln eine frühe Reife und soziale Kompetenz im Zusammenleben mit dem behinderten Geschwister. "Andere werden verhaltensauffällig, das heißt aggressiv, ängstlich oder depressiv. Häufig entwickeln sie sich überangepasst, halten ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurück und sichern sich die elterliche Liebe, indem sie besonders brav sind." Kinder leiden innerlich, zeigen weder Schmerz und Enttäuschung darüber, dass die Eltern ihnen Zuwendung entziehen, noch Aggressionen und Wut auf das kranke Kind. "Das schwächt auf Dauer das Selbstwertgefühl der Kinder", erklärt Prof. Hackenberg. "Sie haben es oft schwer, im Leben ihren eigenen Weg zu finden, weil sie immer das Gefühl haben, sie müssten für die Eltern funktionieren."

Wie den Geschwisterkindern geholfen ist

Damit es nicht so weit kommt, haben Ärzte und Pädagogen in Niedersachsen gemeinsam mit dem Land und verschiedenen Stiftungen im vergangenen Jahr das "Geschwisterkinder Netzwerk" gegründet. "Wir helfen und unterstützen gesunde Geschwisterkinder und Jugendliche, damit sie gestärkt ihren eigenen Lebensweg gehen können", sagt Prof. Dirk Reinhardt, Kinder- und Jugendarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover, der das Projekt initiiert hat. Bundesweit vermittelt es Angebote für Kinder, Jugendliche oder die ganze Familie. Die Angebote reichen von Kletterspielen, Schnitzeljagd und anderen Abenteuern in Wald und Flur mit ausgebildeten Waldpädagogen der Landesforsten bis zu Reiten und Übernachten auf Ponyhöfen mit eigens geschulten Pädagogen.

Bei "phaeno", der erlebnispädagogischen Einrichtung in Wolfsburg, können Kinder und Jugendliche forschen und ausprobieren. Die Geschwisterkinder können auch einen Wunsch äußern auf einem dafür vorgesehenen Zettel, den das "Geschwisterkinder Netzwerk" zuschickt. Beliebt ist ein Turn auf dem Segelschiff Alexander von Humboldt II, dem Jugend- und Ausbildungsschiff fürs Segeltraining für Jugendliche ab 14 Jahren. "Auf dem Schiff lernen die Kinder, im Team zu arbeiten", sagt Volker Rinne, Leiter vom "Geschwisterkinder Netzwerk". "Sie lernen eigene Stärken und Schwächen kennen und einschätzen und kommen gestärkt zurück. Wir vermitteln keine Urlaube, sondern pädagogisch wertvolle Angebote, um die Selbsterfahrung und Persönlichkeit der gesunden Geschwisterkinder zu stärken und negativen Stress abzubauen."

Kosten der Hilfe, wenn ein Kind krank ist

Daneben organisiert das Netzwerk auch den Kontakt zu speziellen Pädagogen und, falls notwendig, auch Therapeuten für Kinder oder die Familie. Die Angebote sind nicht kostenfrei. Für Familien, die sich das nicht leisten können, hält das Netzwerk einen Fonds bereit, aus dem sie möglicherweise einen Zuschuss erhalten können. "Das Kriterium für die Finanzierung ist, dass die Familie von der Erkrankung eines Kindes belastet ist", so Rinne. "Wir wollen die gesunden Kinder stärken und damit die Familie entlasten."

Rat und Hilfe: Kontakt

Das "Geschwisterkinder Netzwerk" unter www.geschwisterkinder-netzwerk.de

"Stiftung FamilienBande-Gemeinsam für Geschwister" unter www.stiftung-familienbande.de

 


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Quellen

Gespräch mit Prof. Waltraud Hackenberg, Psychotherapeutin, Bergisch-Gladbach, Okt. 2012
Waltraud Hackenberg: "Geschwister von Menschen mit Behinderung. Entwicklung, Risiken, Chancen", Ernst Reinhardt Verlag, München 2008
Gespräch mit Prof. Dirk Reinhardt, Kinder- und Jugendarzt, Medizinische Hochschule Hannover, Okt. 2012
Gespräch mit Volker Rinne, Leiter "Geschwisterkinder Netzwerk", Okt. 2012






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