Helmtherapie für den Babykopf

Von Christian Seel (17. November 2008)

Der leichte Helm soll die Schädelform des Kindes richten. Fotos: Sanitätshaus Kraft

Bei der Helmtherapie prüfen Kassen jeden Einzelfall. Wann ein schiefer Kinderkopf korrigiert werden muss, ist oft schwer zu entscheiden.

Sie sehen aus wie kleine Rennfahrer. Wenn Babys mit bunten Helmen im Buggy durch die Straßen kutschiert werden, dreht sich mancher verwundert um und fragt sich, ob hier die nächste Generation der Formel-1-Piloten herangezogen werde. Doch der seltsame Kopfschmuck hat einen medizinischen Grund. Weil ein schiefer Schädel später zu Funktionsstörungen im Kiefer und Nackengelenk führen kann, soll eine  Helmtherapie den wachsenden Kopf in die richtigen Bahnen lenken.

Erst in den letzten Jahren ist das Phänomen der schiefen Köpfe verstärkt zu beobachten. Häufige Ursache, so sagen Kinderärzte, sei der Rat an Eltern, das Baby zum Schlafen auf den Rücken zu legen. Diese Haltung reduziert zwar das Risiko für den plötzlichen Kindstod erheblich, verstärkt aber andererseits die sogenannten Schädeldeformitäten, die mit der Helmtherapie ausgeglichen werden sollen. Ist ein Kopf erst durchs Liegen abgeflacht, kann ihn das Kind noch schwerer aus der Position herausdrehen. Verhindern ließe sich das, indem man das Baby in Wachphasen konsequent auf den Bauch dreht.

Die gesetzlichen Krankenkassen begegnen dem Symptom Flachkopf mit einer gewissen Ratlosigkeit. Während die Zahl der Eltern, die für ihr Kind eine Helmtherapie beantragen, ständig zunimmt (Kosten: ab ca. 1500 Euro), gilt der therapeutische Nutzen als ungeklärt. Andererseits will man keine Versicherten an konkurrierende Kassen verlieren, und es drängt die Zeit. Denn die Form des Kinderkopfes härtet gewissermaßen mit dem achten Monat aus. Spätere Korrekturen sind dann kaum noch möglich. So wird bei der Helmtherapie jeder Einzelfall geprüft. Und mache Eltern zahlen den Helm privat in der Hoffnung, das Geld später ersetzt zu bekommen.

Schädelvermessung mit einem LaserBild: Kopfvermessung mit einem Lasergerät. Fotos: Sanitätshaus Kraft

Zu den Kinderärzten, die positive Erfahrung mit den sogenannten Kopforthesen gesammelt haben, gehört Dr. Jörg Hohendahl, Leiter der Entwicklungsneurologie an der Ruhr-Universität Bochum. Hohendahl weist aber auch darauf hin, dass unerwünschte Veränderungen der Kopfform bei nicht einmal zwei von 100 Kindern vorkommen. Und bei diesen betroffenen Babys würde sich das Problem in 80 Prozent der Fälle von allein oder mit manualmedizinischer oder physiotherapeutischer Begleitung zufriedenstellend verbessern. Im kommenden Jahr will der Kinderneurologe eine Studie mit 300 Babys abschließen, die die Helmtherapie mit anderen Therapien vergleicht.

Solche Studien hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) schon vor vier Jahren angemahnt. In einer umfangreichen Bewertung für die Kassen werteten die Prüfer 89 wissenschaftliche Veröffentlichungen über die Helmtherapie aus und kamen zum Ergebnis, dass der therapeutische Nutzen "nicht ausreichend belegt" sei. Die bisherigen Untersuchungen seien "mit erheblichen Schwächen behaftet".

Jeder Helm ein Einzelstück

Derweilen haben eine Reihe von Herstellern den Markt der Babyhelme entdeckt. Jede Kopforthese ist eine Maßanfertigung, die in einem aufwendigen Verfahren hergestellt wird. Dazu wird zunächst der Kinderkopf vermessen. Das Dortmunder Sanitätshaus Emil Kraft beispielsweise, mit dem Hohendahls Klinik kooperiert, scant den Schädel mit einem Lasersystem. Anschließend wird aus den Daten ein Modell in Kopfform gefertigt und darauf die Kopforthese in Handarbeit hergestellt. Durch eine besondere Formung des Helms werden dem Kopf Wachstumsmöglichkeiten in die entsprechende Richtung gegeben. Drei bis vier Monate lang muss das Baby den Kopfschmuck tragen – 23 Stunden am Tag. Die Helmtherapie erschrecke die  Eltern oft mehr als das Kind, so Hohendahl. "Die Säuglinge nehmen die Kopforthese durchweg ohne Probleme an."

Gleichwohl empfiehlt der Arzt Zurückhaltung und setzt die Helmtherapie nur bei jedem zehnten Baby ein, das in seiner Klinik wegen eines schiefen Kopfes vorgestellt wird. Den meisten helfen die herkömmlichen Methoden. Oft würden auch die Eltern den Kinderkopf für schiefer halten, als er tatsächlich sei: "Das menschliche Auge hat eben ein starkes Harmoniebedürfnis."

Infos: Kopforthese

SchädelscanBild: Scanner-Abbild eines schiefen Baby-Schädels.

Vermessung Der Schädel wird vor, während und nach der Therapie mit dem Laser gescannt. Rechts die Formen vor (rot) und nach der Therapie (grün). Die Daten dienen zur Anfertigung des Helms, zum Nachweis eines Therapiebedarfs bei der Kasse und zur Kontrolle.

Hersteller (Auswahl) Sanitätshaus Kraft, Dortmund: www.san-kraft.de, Tel.: 0231-577970. Cranioform, Berlin: www.cranioform.de, Tel.: 0271-4057555. ICP, München: www.icpmuenchen.de, Tel.:089-71007341. Star-Band, Egelsbach: www.star-band.de, Tel.: 06103-706420

Quellen

Gespräch mit Dr. Jörg Hohendahl, Leiter Entwicklungsneurologie an der Ruhr-Universität Bochum, Okt. 2009
"Das Köpfchen in Form bringen – Mögliche Therapieansätze bei Schädelasymmetrie", A. Sinai, physiopraxis 11-12/08
"Eltern-Merkblatt Schädelasymmetrie", :Dr. Heiner Biedermann, Chirurg, Köln, 2008
Herstellerinformationen Sanitätshaus Kraft, Dortmund, und Cranioform, Berlin, 2009


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