Haarausfall schon bei Kindern

Von Angela Stoll (10. Mai 2015)

Haarausfall-Test: Wie viele Haare bleiben in der Bürste hängen? Foto: Getty Images/Flickr

Glatze im Vorschulalter? Haarausfall bei Kindern ist nicht selten. Manchmal stecken Erkrankungen dahinter. Was Eltern tun können.

Schütteres Haar, kahle Stellen am Kopf oder gar eine richtige Glatze – all dies bringt man mit älteren Menschen in Verbindung. Können schon einem Kind die Haare ausgehen? "Das kommt keineswegs selten vor", sagt der Dermatologe Prof. Henning Hamm vom Universitätsklinikum Würzburg.

Die Bandbreite bei diesem Phänomen ist groß. In einigen Fällen geben sich die Probleme mit der Zeit, andere dagegen lassen sich nur schwer behandeln. Gesundes Haar wird gemeinhin als Zeichen von Vitalität gesehen. "Daher wird Haarausfall immer als etwas Bedrohliches erlebt", sagt die Haarexpertin Priv.-Doz. Dr. Natalie Garcia Bartels von der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

Kreisrunder Haarausfall bei Kindern

Eltern sind oft sehr beunruhigt, wenn sie merken, dass ihr Kind Haare verliert. "Sie leiden darunter meistens stärker als die Kinder", sagt die Dermatologin. Diese Erfahrung hat auch Prof. Hamm gemacht. "Wahrscheinlich blicken Erwachsene stärker in die Zukunft und machen sich daher mehr Sorgen. Kinder kommen dagegen oft ganz gut mit der Situation zurecht", sagt der Dermatologe. Wichtig sei, offen mit dem Problem umzugehen. Hat ein Kind unübersehbare kahle Stellen, sollte auch in der Klasse darüber gesprochen werden. "Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass man das verheimlicht und dem Kind dann eines Tages die Perücke vom Kopf gezogen wird", sagt Hamm.

Die häufigste Form ist bei Kindern der kreisrunde Haarausfall (Alopecia areata), der sich meist recht schnell erkennen lässt. Dabei fallen plötzlich viele Haare aus, sodass sich am Kopf runde kahle Stellen bilden. An deren Rand finden sich kürzere, abgebrochene Haare – sogenannte Ausrufungszeichen-Haare. "Kreisrunder Haarausfall ist eine Autoimmunkrankheit, die genetisch bedingt ist", erklärt Dr. Garcia Bartels. Aus unbekannten Gründen richtet sich das Abwehrsystem des Körpers also gegen sich selbst. "Heilen kann man die Krankheit nicht, man kann nur versuchen, das Immunsystem zu bremsen", sagt sie. Menschen, die zu Allergien neigen, sind deutlich häufiger betroffen.

Haarausfall nicht nur am Kopf

Bei etwa der Hälfte der Fälle verschwinden die kahlen Stellen innerhalb eines Jahres von selbst, allerdings können die Probleme später erneut auftauchen. Es gibt schwere Fälle, in denen Kinder nicht nur sämtliche Haare am Kopf, sondern auch am Körper verlieren, sogar Augenbrauen und Wimpern. "Prinzipiell gilt: Je früher der kreisrunde Haarausfall einsetzt und je größer die Ausdehnung ist, desto schlechter ist die Prognose", sagt Prof. Hamm.

Kreisrunder Haarausfall schwierig zu behandeln

Auch wer zusätzlich zu Allergien neigt und Nagelveränderungen wie Rillen oder Grübchen hat, ist oft schwerer betroffen. Für Ärzte sind solche Fälle eine Herausforderung: "Eine Behandlung der Alopecia areata im Kindesalter ist schwierig bis unmöglich", sagt Hamm. Es gebe zwar Immunsuppressiva, die relativ gut wirkten, aber auch erhebliche Nebenwirkungen hätten. "Da es sich um eine eigentlich harmlose Erkrankung handelt, muss man sich fragen, welche Therapie gerechtfertigt ist", sagt der Dermatologe. Inwieweit psychische Faktoren eine Rolle spielen, ist noch unklar. "Meistens beginnen die Probleme aus völliger Gesundheit heraus", sagt Hamm.

Ausreißen der Haare

Ein rein psychisches Problem ist dagegen die sogenannte Trichotillomanie, nämlich das krankhafte Ziehen, Drehen und Ausreißen der Haare. Offenbar reagieren Kinder und Jugendliche damit auf Anspannung. Das Phänomen, das Psychiater als Impulsstörung einordnen, ist ziemlich häufig – Schätzungen zufolge sind bis zu ein Prozent der Kinder betroffen.

"Die Eltern der betroffenen Kinder sind oft erstaunt, wenn sie diese Diagnose hören", sagt Natalie Garcia Bartels. Bei jüngeren Kindern ist das Reißen an den Haaren häufig eher eine schlechte Angewohnheit, die von selbst verschwindet. Anders ist das bei Jugendlichen, bei denen meist ernste psychische Probleme, etwa Konfliktsituationen, dahinterstecken. Ihnen wird meist eine Verhaltenstherapie empfohlen.

Diffuser Haarausfall verbreitet

Auch der diffuse Haarausfall, bei dem über den ganzen Kopf hinweg vermehrt Haare ausfallen, kommt bei Kindern relativ häufig vor. In solchen Fällen müssen Dermatologen Detektivarbeit leisten, um die Ursache herauszufinden.

Nicht selten kommt es drei Monate nach einem fieberhaften Infekt, einem Unfall mit Blutverlust oder einer längeren Narkose zu Haarausfall – die Probleme geben sich dann von selbst.

Haarausfall durch Mangelzustände oder Medikamente

Es können aber auch Mangelzustände, etwa eine starke Unterversorgung mit Eisen, dahinterstecken.

Auch Medikamente oder Schilddrüsenprobleme können zu diffusem Haarausfall führen. "Man muss in solchen Fällen die Ursache herausfinden und behandeln, dann reguliert sich der Haarwuchs wieder", sagt Garcia Bartels.

Wann bei Haarausfall zum Arzt gehen?

Auch bei Kindern gilt:

  • Bis zu hundert Haare am Tag zu verlieren, ist normal. Wird diese Grenze überschritten, kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt.
  • Deshalb ist es im Zweifelsfall sinnvoll, die ausgefallenen Haare zu zählen – also zum Beispiel die Bürste zu untersuchen.
  • Man sollte aber aufpassen, dass man vollständige Haare erwischt und nicht einzelne Bruchstücke. Sonst erhält man eine falsche Zahl.
  • Sicherer ist das Ergebnis, wenn man mehrere Tage lang zählt.
  • Erste Anlaufstelle bei Fragen ist der Kinderarzt.
  • Wenn sich größere Probleme abzeichnen oder Haaruntersuchungen notwendig sind, wird er in der Regel einen Hautarzt zu Rate ziehen.

Wenn die Haare nicht wachsen wollen

Manchmal wundern sich die Eltern auch darüber, dass die Haare ihrer Kinder einfach nicht wachsen: so etwa beim "losen Anagenhaar", das man vor allem bei blonden Mädchen im Kindergartenalter beobachtet. Bei ihnen wirken die Haare stumpf und lassen sich leicht ausziehen, ohne dass es Schmerzen bereitet. "Die Ursache dieses Phänomens kennt man nicht", sagt die Ärztin. "Aber man kann die Eltern beruhigen. Meistens verwächst sich das Problem."

Quellen

Gespräch mit Dermatologe Prof. Henning Hamm, Universitätsklinikum Würzburg, Mai 2015
Gespräch mit Priv.-Doz. Dr. Natalie Garcia Bartels, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Mai 2015


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