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Besser lernen durch Bewegung

Von Angelika Sylvia Friedl (19. Juni 2015)

Besser lernen Schüler im Unterricht, wenn sie sich mehr bewegen als meist üblich. Foto: Getty/Marc Romanelli

Besser lernen vor allem junge Schüler im Unterricht, wenn sie nicht immer nur stillsitzen. Schon einfache Körperübungen helfen, besser zu lernen, besser zu rechnen.

  • Fünf- bis Neunjährige können höchstens zehn Minuten stillsitzen, Zehn- bis Zwölfjährige etwa 15 Minuten. Da reicht die Sportstunde nicht aus, um mangelnde Bewegung auszugleichen
  • Kleine Bewegungspausen helfen wenn: die Konzentration nachlässt
  • sich Unruhe und Unlust breitmachen
  • eine große Menge Lernstoff Stress verursacht
  • Vor den Bewegungsspielen sollten sich die Kinder immer kurz räkeln, dehnen und strecken

Kinder die sich bewegen, spielen und herumtoben können, lernen besser. Aber nur etwa ein Viertel der Jugendlichen und Kinder in Deutschland erreichen die Empfehlung der UN-Gesundheitsorganisation (WHO) und sind täglich mindestens 60 Minuten körperlich aktiv. Das ergab 2014 der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts. Auch an manchen deutschen Schulen kommen Sport und Bewegung zu kurz.

Pausen und Bewegung helfen sehr

Zuweilen können schon kleine Veränderungen große Wirkung erzielen, damit Schüler besser lernen, ohne dass Lehrpläne geändert werden müssen. "In der Grundschule ist es noch möglich, den Unterricht flexibel zu gestalten und zu Beginn oder zwischendurch Bewegungspausen zu machen oder einmal zehn Minuten auf den Pausenhof zu gehen", schlägt Laura Walk vor, Sportwissenschaftlerin am ZNL, dem TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm.

Bewegungsspiele im Unterricht

Eine andere Möglichkeit: Gezielte Bewegungsspiele in den Unterricht einbauen, die den Puls ankurbeln und eine gute Koordination erfordern. "Regelmäßige Bewegung und Bewegungspausen verbessern die sogenannten exekutiven Funktionen, die eine Basis für erfolgreiches Lernen sind", sagt Walk. Exekutive Funktion ist die Fähigkeit zur Selbstregulation, um unser Denken und Verhalten bewusst zu steuern sowie kontrolliert mit Gefühlen umzugehen. "Kleine Kinder lernen das erst. Sie sind noch nicht in der Lage, sich bei einem Streit zum Beispiel um eine Schaufel auf ein Gespräch mit der Erzieherin einzulassen. Sie schauen nur auf die Schaufel, und der Reiz ist zu groß, als dass sie sich auf ein Konfliktgespräch konzentrieren könnten", erklärt die Wissenschaftlerin. Lesen Sie auch im GESUND-Magazin: Bloß nicht stillsitzen!

Bewegung soll Arbeitsgedächtnis stärken

Walk hat mit einem Team des TransferZentrums das Konzept "EMIL-Emotionen regulieren lernen" entwickelt, das in 30 Kindergärten in Baden-Württemberg erfolgreich getestet wurde und auf das ganze Bundesland ausgeweitet werden soll. EMIL ist ein Qualifizierungskonzept für pädagogische Fachkräfte, um die Selbstregulation von Kindern im Kindergartenalltag zu fördern. Verschiedene Übungen sollen Bewegung und Impulskontrolle stärken, die Perspektivenübernahme sowie das Arbeitsgedächtnis der Kinder.

Hüpfspiele für rechenschwache Kinder

Bei einem Test werden zum Beispiel auf einer Platte neun Bausteine angebracht. Das Kind tippt die Steine in der Reihenfolge an, die der Testleiter vorgegeben hat. Wenn das fehlerlos gelingt, erhöht man die Anzahl der Steine, die angetippt werden sollen. Die Übung schult das Arbeitsgedächtnis, dem wir mathematisches Denken verdanken und die Fähigkeit, Sprachen zu erlernen. Studien haben bereits gezeigt, dass Ausdauerbelastungen wie Joggen oder Radfahren die Fähigkeit zur Selbstregulation günstig beeinflussen.

Wie Bewegung beim Rechnen lernen hilft, haben Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen untersucht. Die Erkenntnisse können helfen, Kindern mit Rechenschwäche die Angst vor Zahlen zu nehmen. Auf einer digitalen Tanzmatte mit drei mal drei Feldern hüpften die Kinder die Lösung von einfachen numerischen Aufgaben, also beispielsweise welche Summe drei mal fünf ergibt. Die hüpfenden Kinder hatten bessere Ergebnisse als die Teilnehmer einer Vergleichsgruppe, die an einem PC die Aufgaben lösen mussten. Hüpfspiele stärken die Verbindung zwischen Zahlen und Raum, den sogenannten mentalen Zahlenstrahl. Mit gezielten Bewegungen im Raum können rechenschwache Kinder, so die Hoffnung der Forscher, ihr Zahlenverständnis verbessern. Lesen Sie im GESUND-Magazin: Lernen mit allen Sinnen

Besser Vokabeln lernen

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig wollten wissen, wie Menschen Vokabeln einer fremden Sprache besser lernen. Es stellte sich heraus, dass sich die Probanden am besten an die Wörter erinnerten, die sie beim Lernen zusätzlich mit Gesten verbunden hatten. Bei dem Wort für Baum könnte man also zum Beispiel das Bild eines Baumes in der Luft nachzeichnen.

Für den Schulunterricht empfiehlt die Sportwissenschaftlerin Walk ebenfalls, in Unterrichtspausen Bewegungsspiele mit kognitiven Übungen zu kombinieren. Solche Spiele fördern besonders die exekutiven Funktionen, zum Beispiel bei dem Spiel "Alle Vögel fliegen hoch". Hier sollen die Kinder nur die Arme heben, wenn das Bild eines Vogels und nicht, wenn eine Forelle gezeigt wird.

"Bei Grundschulkindern ist ein solches Training meist kein Problem, da sie mit großer Begeisterung dabei sind", sagt Laura Walk. "Bei älteren Schülern stellt sich die Frage, wie wecke ich ihr Interesse und wie passe ich die Schwierigkeit einer Aufgabe der Altersstufe an."

Lesen Sie auch im GESUND-Magazin: Der beste Sportunterricht fürs Kind


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Quellen

Gespräch mit Laura Walk, Sportwissenschaftlerin am TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL), Universität Ulm, Juni 2015
LegaKids Stiftung, www.alphaprof.de/2015/03/bewegtes-lernen
Kinder- und Jugendgesundheitssurvey, Robert Koch-Institut, 2014


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