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Beschneidung ohne Not?

Von Christian Seel (18. Juli 2014)

Die Beschneidung erfolgt nach Leitlinien in Vollnarkose. Der Eingriff gilt unter Kinderchirurgen als gute Übung für Operationstechniken beim Kleinkind. Foto: pa

Ein Ulmer Kinderarzt rechnet vor, dass jährlich Zehntausenden von kleinen Jungen hierzulande die Vorhaut ohne medizinischen oder religiösen Grund entfernt wird. Krankenkassen zahlen für die Beschneidungen.

In Deutschland gibt es pro Jahr etwa 28.000 nutzlose Beschneidungen, die weder einen triftigen medizinischen Grund, noch einen religiösen Anlass haben. Das behauptet der Ulmer Kinderarzt Dr. Christoph Kupferschmid in der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift für Kinder- und Jugendärzte. Jede Beschneidung koste die Kassen zwischen 150 und 300 Euro, wodurch die gesetzliche Krankenversicherung jährlich um bis zu 8,4 Millionen Euro belastet werde. Das Engagement der Kinderärzte gegen rituelle Beschneidungen sei angesichts dieser "riesigen Zahl von unnötigen Beschneidungen im medizinischen Bereich" kaum glaubwürdig, meint der Kinderarzt.

Zahl ambulanter Beschneidungen steigt dramatisch

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung muss feststellen, dass binnen vier Jahren die ambulanten sogenannten Zirkumzisionen um 34 Prozent ansteigen, obwohl die Zahl der Jungen in Deutschland insgesamt zurückgeht. Eine bundesweit verlässliche Statistik  gibt es allerdings nicht. Die Kiggs-Studie des Robert-Koch-Instituts zählte 2007 insgesamt 670.000 beschnittene Jungen unter 18 Jahren in Deutschland. Bei Kindern ohne Migrationshintergrund waren bereits fast zehn Prozent beschnitten, bei Migrantenkindern 15,3 Prozent.

Die hohen Beschneidungszahlen ohne rituellen Anlass hält Kupferschmid vor allem für ein Problem der Medizin. Weil eine verengte Vorhaut bei Neugeborenen völlig normal ist und bei 96 Prozent aller Jungen vorkommt, dreht sich die ärztliche Diskussion darum, bis wann sich diese sogenannte Phimose zurückgebildet haben und ab wann behandelt werden sollte. Früher waren sich Ärzte einig, dass es da nicht so drauf ankommt, weil die Vorhaut ein mehr oder weniger nutzloser Hautlappen sei, den man getrost entfernen könne. Inzwischen weiß man, dass damit sexuelle Reizpunkte zerstört werden, und es in jedem 20. Fall zu Komplikationen wie etwa Nachblutungen kommt.

Mediziner folgen kulturellen Beschneidungs-Vorgaben

So hat sich in Europa die Ansicht zur Behandlung einer verengten Vorhaut erheblich gewandelt (siehe GESUND-Beitrag "Soll man eine Phimose operieren?"). Weltweit folgen ärztliche Meinungen dagegen oft den kulturellen oder religiösen Vorgaben ihres Landes. In den USA beispielsweise, wo fast 70 Prozent der Männer beschnitten sind, sieht die American Academy of Pediatrics (AAP) eine Zirkumzision noch immer als Vorsorge gegen Harnwegsinfekte, AIDS und Peniskrebs. Führende europäische Kinderärzte halten das schlicht für Blödsinn, wie sie die AAP-Autoren im letzten Jahr wissen ließen. Im August 2013 wurde die deutsche Leitlinie für die Phimosenbehandlung (PDF) entsprechend angepasst, von einer Beschneidung als Vorsorgemaßnahme wird dort explizit abgeraten. Eine Therapie sollte erst im Vorschulalter erfolgen, wenn die Phimose tatsächlich Probleme bereitet. Eine Operation ist auch nicht die einzige Möglichkeit. Zuvor kann versucht werden, die enge Vorhaut mit Salbe zu behandeln.

Kinderarzt Kupferschmid beklagt nicht nur die unnötigen Eingriffe und Kosten, sondern auch das darauf folgende Leid der Behandelten. Bei einer durchschnittlichen OP-Komplikationsrate von fünf Prozent rechnet er jährlich mit 1400 Kindern, die überflüssigerweise an den Folgen des Eingriffs leiden. Sein Fazit: "Die Forschung und Lehre in der Medizin hat sich bislang viel zu wenig um die Vorhaut von kleinen Jungen gekümmert."


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Quellen

C. Kupferschmid: "Beschneidung - in erster Linie ein medizinisches Problem", Kinder- und Jugendarzt, Juli 2014
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie: Phimose und Paraphimose, Aug. 2013
American Academy of Pediatrics: Technical Report - Male Circumcision, Pediatrics, Aug. 2012


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