Wann Sportsucht anfängt

Von Torsten Wendlandt (8. Oktober 2015)

Wer in seinem Leben nur noch den Sport im Blick hat, schwebt in Gesundheitsgefahr. Foto: pa/beyond

Eine Abhängigkeit von exzessiver körperlicher Aktivität kann fatale Folgen für die Gesundheit haben. Wie riskant ist Sportsucht?

Am Anfang waren es gelegentlich zehn Minuten in der Mittagspause. Aber aus irgendeinem Grund begann Sven Weise, sogar jede Nacht aufzustehen, um 15 Kilometer durch den Park zu rennen. Er joggte trotz stechender Schmerzen im Meniskus. Als es wegen des Knies eine Woche gar nicht ging, wurde er immer nervöser, missgelaunt und jähzornig, die Arbeitskollegen erkannten ihn nicht wieder.

Irgendwann lief seine langjährige Freundin weg, aber auch das war ihm ziemlich egal. Weil er nur noch an eines dachte: Laufen. "Ich hatte keine Chance, irgendeine Macht zog mich ständig da raus. Aber hinterher war es immer ein geiles Gefühl. Davon wollte ich natürlich immer mehr", sagt der 26-Jährige.

Die Fersen bis auf die Knochen durchgelaufen

Sven Weise war vermutlich sportsüchtig. Die Sucht nach körperlicher Aktivität ist ein wenig bekanntes Krankheitsbild, kaum ein Dutzend Wissenschaftler hat sich bislang in Deutschland mit dieser Verhaltenssucht beschäftigt. Ihr Beginn und Verlauf haben sehr komplexe Ursachen, allein deswegen ist eine präzise, klinische Diagnose schwierig.

Oft wird die Ausschüttung körpereigener Endorphine als hormonelle Ursache für das so genannte Runner's High (Läuferhoch) genannt. Mannheimer und Hamburger Wissenschaftler um Johannes Fuß vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf und Peter Gass vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim haben indes andere körpereigene Stoffe, die sogenannten Endocannabinoide, stärker ins Spiel gebracht.

Nach ihren Angaben können die im Blut ausgeschütteten Endorphine die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren und damit auch nicht die Effekte auslösen. Anders sehe es aber bei den lipophilen Endocannabinoiden aus, deren Werte im Blut von Läufern ebenfalls ansteigen. In Experimenten sei es erstmals gelungen nachzuweisen, dass das Läuferhoch bei Mäusen mit den Cannabinoid-Rezeptoren zusammenhänge, so Fuß.

"Primäre Sportsucht", sagt der Sportpsychologe Dr. Heiko Ziemainz, "bedeutet einen unkontrollierbaren, das Leben bestimmenden Drang nach exzessivem Sporttreiben." Der sei verbunden mit einer Steigerung der Dosis, fehlenden Erholungszeiten, sozialen Alltagskonflikten in Familie und Beruf, dem Tolerieren von Verletzungen sowie großen körperlichen Leiden. "Ein Sportsüchtiger zögerte einmal bei einer Untersuchung lange bis er die Schuhe auszog", berichtet Ziemainz, "weil seine Fersen bis auf die Knochen durchgelaufen waren."

Exzessives Training verbirgt eigentliche Störung

Eine derartige Konstellation ist indes höchst selten. Die jüngste Studie (2013), an der Ziemainz und sein Kollege Prof. Oliver Stoll beteiligt waren, untersuchte knapp 1100 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren. Alle betrieben Ausdauersportarten (Laufen, Radfahren oder Triathlon), die nach Meinung der Experten das höchste Erkrankungsrisiko aufweisen. Nur rund 50 Athleten davon zeigten Anzeichen einer Sportsuchtgefährdung, lediglich sechs waren vermutlich wirklich an Sportsucht erkrankt.

Weitaus häufiger als die rein primäre ist die sekundäre Sportsucht zu beobachten. Dabei ist das exzessive Trainieren quasi das "Mäntelchen", das die eigentliche Störung darunter verbirgt. "Dazu zählen die Essstörung oder Störungen der Körperwahrnehmung", sagt Prof. Jens Kleinert, Sport- und Gesundheitspsychologe an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Die Kernfrage dabei ist, ob der Betroffene noch den Alltag wie gewohnt bewältigen kann, ob er praktisch in seiner Persönlichkeitsentwicklung noch auf einem guten Weg ist."

Ein weiteres Kardinalsymptom sekundärer Abhängigkeit, so Kleinert, sei das Zwangserleben. "Niemand ist sportsüchtig, dem das Spaß macht. Diese Menschen fühlen sich getrieben und gedrängt, trainieren eigentlich aus einem unguten Gefühl heraus und glauben, wenn sie das nicht machen, dann passiert etwas Schlimmes", sagt der Arzt und Trainer.

Körperliche Folgen des Trimmens gravierend

Besonders Laufsüchtige verabreichen sich die Überdosis Sport oft, weil sie hauptsächlich an einer Essstörung (Anorexie) leiden. Kleinert: "Sie wollen mithilfe des Trainings Kontrolle über Gewicht und Körper erlangen." Und schließlich könne auch eine sogenannte Körperbildstörung symptomatisch für eine sekundäre Sportsucht sein: Kraftsportler etwa, die an Maschinen wie besessen ihre Muskeln stählen, weil sie sich wertlos oder schmächtig vorkommen. Neben familiärer Isolation und sozialem Verfall sind allein die körperlichen Folgen des jahrelangen, überharten Trimmens meist gravierend und irreparabel. Verschlissene Gelenke, Bänder und Sehnen zählen da noch zu den kleineren Risiken. Lebensgefährlich kann es werden, wenn süchtige Läufer trotz Herz-Kreislauf-Problemen, Infekten oder gar mit Schmerzmitteln zu einem Marathon antreten.

Umfang noch kein Indiz für Sportsucht

Allerdings: Wer mehrmals im Jahr die gut 42 Kilometer in einem Wettkampf rennt und dafür täglich trainiert, ist noch lange nicht sportsüchtig. "Der Umfang des Trainierens und die Steigerung der Dosis allein sind noch kein Indiz für eine Sportsucht oder eine Gefährdung", sagt Sportpsychologe Stoll. Der 51-Jährige hat selbst erst im Juni bei einem Rennen über unglaubliche 100 Kilometer mitgemacht. "Sonst wäre ja jeder Leistungssportler sportsüchtig." Beispielsweise Profi-Triathlet Sebastian Kienle, der kürzlich den Ironman auf Hawaii, die wohl härteste Sportveranstaltung der Welt (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, Marathonlauf) gewann. "So einer macht nur seinen Job", sagt Stoll.

Auch dass der anhaltende Laufboom hierzulande künftig mehr Sportabhängige hervorbringt, glaubt Stoll nicht: "Die steigenden Teilnehmerzahlen beim Marathon spiegeln vor allem den Zeitgeist wider. Suchtgefährdet sind nicht die Stubenhocker, die plötzlich anfangen viel zu laufen." Wer aber bemerkt, dass er seinen Sportzwang einfach nicht im Griff hat, der braucht Hilfe. Stoll: "Am besten ist eine kombinierte Behandlung bei zwei Therapeuten, einem Sportpsychologen und einem Psychiater."

Selbsttest-Screening

Folgende Fragen geben einen ersten Hinweis auf eine Sportsucht-Gefährdung. Es gibt jeweils drei Antwort-Möglichkeiten: Nein (1 Punkt), trifft etwas zu (2 Punkte), ja (3 Punkte). Punkte anschließend addieren.

  • Wenn ich zwei Tage nicht trainieren kann, fühle ich mich unwohl.
  • Manchmal bin ich richtig süchtig nach Training.
  • Wenn ich nicht trainieren kann, habe ich Entzugserscheinungen.
  • Wenn es um Sport geht, sind mir Familie und Freunde oft egal.
  • Einen Tag keinen Sport zu treiben, ist unvorstellbar.
  • Ich treibe auch dann Sport, wenn ich krank bin.
  • Sport ist mein erster Lebensinhalt.
  • Ich treibe Sport, auch wenn es keinen Spaß macht.
  • Manchmal verheimliche ich gegenüber anderen, dass ich so viel Sport treibe.

Auswertung - Bis 10 Punkte: Keine Sportsucht. Sie treiben Sport aus Freude. Achten Sie auf feste Trainingstermine, -partner und -pläne.

11-18 Punkte: Hohe Bindung an den Sport. Sie sind dem Sport sehr verbunden. Achten Sie darauf, dass Sie sich auch künftig keinem Zwang aussetzen.

19-22 Punkte: Neigung zur Sportsucht. Sie gehen (zu) oft an Ihre Grenzen. Passen Sie auf, dass das Training nicht Ihre Gesundheit und Ihr soziales Netz beeinträchtigen.

23-27 Punkte: Stark gefährdet. Inneren Zwang und Entzugserscheinungen haben Sie bereits erlebt. Fragen Sie sich, warum Sie Sport machen und ob Sie gesundheitliche und soziale Grenzen überschreiten. Reden Sie mit Freunden über das Problem. Wenn Sie Ihre Zwänge nicht unter Kontrolle bekommen, brauchen Sie Hilfe.

Hinweis: Es handelt sich nicht um einen standardisierten psychologischen Test, sondern um ein einfaches Screening, das lediglich eine erste Diagnose-Orientierung geben kann.

Meinung: Zuviel des Guten

Von Torsten Wendlandt

Winston Churchill, der schwergewichtige britische Premier, starb mit 90. Kurz vor seinem Tod fragte ihn ein Reporter, wie er es trotz Whiskey und Zigarren geschafft habe, so alt zu werden. Seine knappe Antwort: "No sports".

Gelegentlich werden diese Worte drastischer übersetzt: "Sport ist Mord". Das hat Churchill, als junger Mann übrigens ein aktiver Fechter, Reiter und Polospieler, allerdings nicht gesagt - und es stimmt auch nicht. Denn die Vorzüge des Sporttreibens liegen klar auf der Hand. Wer sich regelmäßig bewegt, tut Körper und Geist Gutes. Der Sport fördert nicht nur Muskelkraft und Beweglichkeit, bringt Herz und Kreislauf in Schwung, er bringt auch Spaß, Freude und neue Freunde. Wer Sport treibt, ist meist fitter und stärker als jene Zeitgenossen, die eher selten ins Schwitzen kommen. Die Sportlichen unter uns haben meist einen gesünderen Lebenslauf und einen längeren Atem.

Natürlich bergen sportliche Aktivitäten auch Gefahren. Wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne. Vor Verletzungen und Unfällen ist niemand sicher. Und wer das rechte Maß verliert, wer es übertreibt mit dem Sporttreiben, kann einen hohen Preis zahlen. Zuviel des Guten kann krank machen.

Doch die Gefahr, in eine Abhängigkeit zu geraten, ist gering. Der Nutzen des Sports übersteigt seine Risiken um ein Vielfaches. Aus Angst vor einer möglichen Erkrankung mit dem Sport aufzuhören oder gar nicht erst anzufangen, wäre dumm. Sport ist mitunter gefährlich. Aber kein Sport ist auch keine Lösung.

Quellen

Dr. Heiko Ziemainz, Sportpsychologe, Universität Erlangen, Okt. 2014
Prof. Thomas Schack, Sportpsychologe und Sportwissenschaftler, Universität Bielefeld, Okt. 2014
Prof. Jens Kleinert, Sport- und Gesundheitspsychologe, Deutsche Sporthochschule Köln, Okt. 2014
Prof. Oliver Stoll, Sportpsychologe, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Okt. 2014
Johannes Fuß, Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf, Okt. 2015
Peter Gass, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, Okt. 2015



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