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Fit und schön

Heilung mit Pferd: Therapeutisches Reiten

Von Angelika Friedl (30. April 2012)

Jessie Laubenheimer (r.) zeigt der Patientin Vivien Dewitz eine Übung. Foto: Tollkühn

Reittherapeutin Jessie Laubenheimer betreibt einen besonderen Pferdehof

Jessie Laubenheimer fühlte sich von Pferden schon immer magisch angezogen. "Als Kind rannte ich bei jedem Hufgeklapper los. Damals im Saarland gab es sogar noch Biertransporte, die von Pferden gezogen wurden", erzählt sie. Dann fand die Mutter ihre plötzlich verschwundene Tochter glücklich bei den Kutschen wieder. Heute betreibt Jessie Laubenheimer einen Hof für therapeutisches Reiten,  hat vier Angestellte, viele freie Mitarbeiter, 19 Stuten, Wallache und Ponys.

"Für mich ist es ein Traumberuf. Na ja, manchmal denke ich schon mal an einen Bürojob, wenn in der Reithalle im Winter Temperaturen von minus acht Grad herrschen", gibt sie zu. In der großen Halle finden die meisten Reitstunden statt. Gerade führt eine Mitarbeiterin ein Pferd, auf dem eine an Multipler Sklerose (MS) erkrankte Frau sitzt. Eine Physiotherapeutin begleitet die Patientin beim therapeutischen Reiten und leitet die Körperübungen. Hippotherapie heißt diese besondere Form der Krankengymnastik.

Übungen stärken beim therapeutischen Reiten den Muskeltonus

Die Schwingungen des Pferderückens – auf und ab, vor und zurück, rechts und links – setzen im Körper der Patienten fort. Die Übungen beim therapeutischen Reiten stärken den Muskeltonus, also den Spannungszustand der Muskeln, die Rücken- und Bauchmuskeln und den Gleichgewichtssinn. Der ganze Körper kann sich wieder aufrichten. Vor allem Querschnittsgelähmte, Menschen mit Spastiken und MS Kranke profitieren von der Gymnastik auf dem Pferderücken. "Patienten berichten mir, dass sie schlechter laufen, wenn sie eine Woche lang nicht auf ihrem Pferd sitzen", sagt Laubenheimer.

Geborgen auf dem Pferderücken

Nicht nur therapeutisches Reiten,  auch der Umgang mit Pferden kann Kindern und Erwachsenen helfen, die geistig oder psychisch krank oder verhaltensauffällig sind. Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd nennt sich diese Therapieform. "Mit einem Pferd ist eine andere Art von Kommunikation möglich. Viele fühlen sich getragen und geborgen, wenn sie auf einem Pferd sitzen", sagt Laubenheimer.

Menschen, die an Ängsten und Phobien leiden, können auf diese Weise langsam Vertrauen entwickeln. Kinder lernen eine Beziehung aufzubauen. "Kinder, die zum Beispiel sonst nur schwer auf andere Rücksicht nehmen, tun das, wenn man ihnen sagt, sei bitte leise, weil sich sonst Flöckchen erschreckt". Flöckchen ist eines der beiden Kinder-Ponys. Ein Pferd, sagt Laubenheimer, reagiere nicht menschlich, es kann sich nicht rächen, sich nicht verstellen, und es ist offen. Das hilft besonders verhaltensauffälligen Menschen, weil sie erleben, dass das Pferd nicht wie Menschen negativ auf sie reagiert.

Nicht alle Pferde taugen für eine Therapie

Zwei Jahre dauert die Ausbildung zum Therapiepferd. Aber nicht alle Pferde sind für die sensible Arbeit beim therapeutischen Reiten geeignet. Sie dürfen nicht schreckhaft reagieren, sie müssen leise sein und gut lernen können. Den Anweisungen der menschlichen Therapeuten sollten sie immer gehorchen – genauso wie sie in der Wildnis ihren Leitstuten folgen.

Ronja, Cahena, Pancho und die anderen Tiere betrachtet Laubenheimer als ihre vierbeinigen Mitarbeiter. Es soll ihnen gut gehen. Eine möglichst artgerechte Haltung ist Laubenheimer daher wichtig. Die Pferde leben das ganze Jahr über im Freien, in offenen Ställen, sie sind oft zusammen in der Herde und können bei Ausritten im nahen Wald ihren Bewegungsdrang austoben. Alle bekommen ein individuell für sie gemischtes Futter. Heu, Stroh und Kraftfutter wie Hafer, Mais und Gerste und nach Bedarf Spurenelemente wie Selen und Vitamine wie Vitamin E. Im Sommer ist Urlaub angesagt. Sechs Wochen lang dürfen die Tiere dann auf einer Weide im Spreewald nach Herzenslust grasen und galoppieren. Auch die alten Pferde, die nicht mehr zum therapeutischen Reiten eingesetzt werden, verzehren dort ihre Rente. 

Patienten müssen die Therapie in der Regel selbst bezahlen. Nur einige Privat- und Beamtenkassen erstatten die Kosten für therapeutisches Reiten. Bei Jessie Laubenheimer kostet die Einzelstunde weniger als 50 Euro. Den relativ geringen Preis nehme sie in Kauf, nicht nur wohlhabende Klienten sollen sich therapeutisches Reiten leisten können. "Ich bekomme so viel zurück von den Klienten und den Pferden, da ist das Geld nicht ganz so wichtig."

Zur Person: Jessie Laubenheimer

Jessie LaubenheimerJessie Laubenheimer wurde in Saarbrücken geboren. 1984 kam die damals 19-jährige als Praktikantin in die Jugendhilfe-Einrichtung Don Bosco in Berlin Wannsee. Parallel zu ihrer Ausbildung als Erzieherin baute sie dort ein Projekt Therapeutisches Reiten auf. 1989 machte sie einen Trainerschein als Reitlehrerin, drei Jahre später eine Ausbildung zur Reitpädagogin. 1995 erwarb sie beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten einen Abschluss für Reiten als Sport für Menschen mit Behinderungen. Jessie Laubenheimer ist auch Ausbilderin für Reiten als Gesundheitssport. Seit 2005 nach der Schließung des Don Bosco Heims leitet sie gemeinsam mit einer Mitarbeiterin das Reittherapie Zentrum Berlin.

Service: Adressen für therapeutisches Reiten

Therapeuten findet man über das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR), Tel.: 02581 / 927919-0/2, Internet: www.dkthr.de


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Quellen

Besuch im Reittherapie Zentrum Berlin, Gespräch mit Jessi Laubenheimer, Reittherapeutin, April 2012






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