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Fit und schön

Quantified Self: Die Diktatur der Körperdaten

Von Torsten Wendlandt (21. November 2012)

Total vermessen: Eine zunehmende Zahl von Menschen führt genau Buch über alle Körperdaten. Foto: Getty/Fotosearch

Bizeps, Blutdruck, Sexfrequenz – die Zahl der Menschen steigt, die mit Messgeräten ständig ihre Werte überprüfen. Quantified Self heißt die Bewegung. Lebt man deshalb gesünder?

Arne Tensfeldt aus Hamburg rennt einem großen Ziel hinterher. Im nächsten Jahr, am 21. April, will der 30-Jährige den Hamburg-Marathon laufen, das sind immerhin 42,195 Kilometer – und zwar unter vier Stunden. Der Fitness-Ökonom ist Anhänger der Quantified-Self Bewegung und nimmt die Sache mit dem vermessenen Ich ziemlich ernst. So ernst, dass er einen digitalen Schrittzähler rund um die Uhr am Gürtel trägt.

Das Gerät verrät ihm, wie viele Schritte er so geht und läuft, was Rückschlüsse auf die Optimierung seines Gewichts und der Ernährung erlauben soll. Morgens teilt ihm der Pedometer mit, wann er wie lange geschlafen hat. Und immer wenn Tensfeldt für den Lauf trainiert, schnallt er sich zusätzlich einen GPS-Laufcomputer ums Handgelenk. Die Pulsuhr kontrolliert Herz-Kreislauf-Werte und über eine App auf dem Smartphone checkt er all die weiteren Alltagsdinge, die ihm vielleicht sonst davonliefen.

Quantified Self als neuer Trend

Der Mann gehört zur wachsenden Zahl von Menschen, die ständig alle möglichen Körper- und Lebensdaten über sich erfassen, sammeln und auswerten. Sie messen Blutdruck, Gewicht, Kalorienverbrauch, Kaffeekonsum, die Steuerbilanz, gar die Sexfrequenz oder registrieren durch Computer-Tracking die Zeit, die sie auf Facebook verbringen.

Die Selbstvermesser haben viele Motive: Neugier, Vergnügen, Leistungsstreben oder gar Furcht. "Ob Übergewicht, Knie- oder Rückenprobleme – ich habe das Leid anderer gesehen. Mir geht es um Leistung und Wohlbefinden, ich habe außerdem Spaß daran", sagt der ambitionierte Hobbyläufer Tensfeldt. Und: "Es ist auch Motivation, um am Ball zu bleiben." Manche der "Lifelogger" und "Self-Hacker" stellen ihre Werte und Erkenntnisse sogar frei zugänglich ins Internet, auch Tensfeldt hat einen Blog, wo er sich mit Gleichgesinnten austauscht. Er besucht auch die Treffen von "Quantified Self" (QS), einer mittlerweile fünf Jahre alten internationalen Bewegung, die Anwendern, Entwicklern und Anbietern digitaler Gesundheitsprodukte dazu dienen soll, persönliche Körperdaten zu vernetzen.

"Nützliche Fakten" aus dem Turnschuh

Nun könnte man einwenden, ob man genug schläft, sich genug bewegt und gesund ernährt, das wisse man auch ohne elektronische Assistenten. Die Selbstvermesser indes sehen das anders. "Ich brauche die Geräte wirklich", sagt Tensfeldt, "denn sie liefern nützliche Fakten."

Tun sie das wirklich? Zwar kann zum Beispiel der neue Basketballschuh "Hyperdunk+", mit dem Bekleidungshersteller Nike ein Geschäft wittert, mittels eingebauter Drucksensoren Geschwindigkeit, Schrittfrequenz und Sprunghöhe seines Trägers errechnen. "Aber er kann keine Leistung messen, sondern nur das Verhalten, den Einsatz definieren", sagt der Sportwissenschaftler Prof. Ingo Froböse. Basketball sei eben ein Spiel, bei dem die Leistung insbesondere vom Gegner abhänge.

Quantified-Self-Anhänger lieben Aktivitätssensoren

Der schlaue Schuh zählt dabei zur größten Gruppe von technischen Geräten, die Quantified-Self-Anhänger zu verwenden pflegen: Aktivitätssensoren. Sie können die gemessenen Daten zur körperlichen Aktivität (z.B. Schrittzahl) und den daraus resultierenden Kalorienverbrauch an Computer oder Smartphone übermitteln, so wie die Körperfettwaagen, Blutdruck- und Blutzuckermesser auch. Aber hat das einen gesundheitlichen Nutzen?

"Nein", sagt Prof. Ingo Froböse, "erst wenn die Aktivität, also das dokumentierte Verhalten, und eine professionelle Analyse und Bewertung zusammengeführt werden." Genau das täten aber die Bänder, Uhren und Gürtel und andere Quantified-Self-Gerätschaften nicht. Außerdem würden die im Handel erhältlichen Aktivitätssensoren kaum die geringfügigen, kleinen Bewegungen registrieren, die für das Gesamtbild aber sehr wichtig seien. Nach einer Untersuchung des Magazins für Computertechnik "c't" von 2012 sind die meisten Geräte zudem nur auf Hobbytraining und nicht auf aussagestarke Langzeitmessungen ausgelegt.

"Dennoch sind sie ein Spielzeug, ein Lifemeta-meta-style-Accessoire, das insbesondere Übergewichtigen helfen kann, sich langsam mehr zu bewegen", sagt die Forscherin Dr. Birgit Wallmann, die an der Deutschen Sporthochschule Köln Aktivitätsmuster analysiert. "Doch einfach nur messen ist sinnlos, die Leute brauchen ein realistisches Ziel und sollten dafür einen Experten konsultieren." 3000 Meter mehr gehen täglich könne die Gesundheit fördern und ein einfacher Schrittzähler mit Magnetfeld und Beschleunigungsmesser für 25 bis 30 Euro könne bei der Selbstkontrolle helfen.

Qualität des Schlafs kann nicht gemessen werde

Auch die Schlafsensoren funktionieren nach dem Prinzip der Aktimeter, messen Wach- und Schlafzustand sowie Schlaflänge. "Über die für die Erholung und damit die Gesundheit wichtige Schlafqualität sagen sie gar nichts aus", meint der Somnologe Prof. Ingo Fietze. "Für eine medizinisch relevante Aussage braucht es teurere Geräte mit hoher Abtastrate, die mindestens in drei Achsen messen, und einen versierten Auswerter."

Auch handelsübliche Waagen, die neben Gewicht auch Körperwasser, -fett, Muskelmasse und BMI angeben, scheinen nicht für eine medizinisch wertvolle Messung zu taugen – obgleich das die Hersteller gern suggerieren. "Der Stromfluss ist so gering, dass er meist nur die Beine erfasst, aber wirklich nützlich ist ein Wert der gesamten Körperstruktur", sagt Prof. Froböse. Außerdem setzten solche Waagen einen immer gleichen Flüssigkeitshaushalt im Körper voraus, was nur sehr selten der Fall sei.

Das größte Problem indessen haben Selbstvermesser mit der Verknüpfung ihrer Körperdaten. Neben zuverlässigen Sensoren fehlt eine ausgereifte Analyseplattform, welche die Datenberge ordnet, auswertet, ins Verhältnis zueinander setzt und entsprechende Schlüsse zieht.

Meinung: Auf Signale hören

GESUND-Redakteur Torsten Wendlandt

Von Torsten Wendlandt

Wissen Sie, wie viel Sie in dieser Woche geschlafen haben? Nein? Wenn Sie tagsüber müde, kraftlos und missgelaunt waren, dann wissen Sie, dass es vermutlich zu wenig war.
Kennen Sie Ihren BMI, also den Body Mass Index des vergangenen Jahres? Nein? Wenn Sie im Stehen Ihre Fußspitzen nicht mehr sehen können, dann ist er vermutlich zu groß.

Um zu wissen, ob mit der Gesundheit etwas nicht stimmt, muss man lediglich die Signale seines Körpers wahrnehmen: Schmerzen, Fieber, unwohle Gefühle. Darauf sollte man hören und schließlich Rat bei einem Arzt suchen. Menschen, die ihren Körper ununterbrochen mit allen möglichen elektronischen Geräten vermessen, kontrollieren und überprüfen, tun damit allein noch nichts für ihre Gesundheit, sondern eher etwas für die Kassen der Medizinproduktefirmen.

Natürlich können Sensoren, Apps und Armbänder nützliche Helfer auf dem Weg zu einem ganz bestimmten Ziel sein: Zur Gewichtskontrolle, Leistungssteigerung oder Motivation. Aber auch hier kommt es auf das rechte Maß an und den Experten, der die Werte zu deuten versteht.
Kritiker der Vermesser-Bewegung fürchten, dass Patienten aus Kostengründen eines Tages sogar gezwungen werden könnten, sich selbst zu vermessen. Dazu müssen die Geräte erst mal zuverlässig funktionieren und die Daten sinnvoll verknüpft werden. Noch ist es nicht soweit. Solange kein Computer-System erkennen kann, woher der Kopfschmerz wirklich kommt, wird das Smartphone den Hausarzt nicht ersetzen.

Infos: Bits des Lebens

Gen-Google  Ein kalifornisches Biotechnologie-Unternehmen ("23andMe") verkauft gegen Einsendung einer Speichelprobe Genanalysen für jedermann. Getestet wird u.a. Lebensgewohnheiten wie Essverhalten, körperliche Leistungsfähigkeit, genetische Abstammung und Vorfahren sowie Krankheitsrisiken, Erbkrankheiten (ca. 400 Dollar)

Lebensfilm Alles was ein Mensch im Laufe des Lebens bewusst, unbewusst oder gar nicht wahrnimmt; was er hört und sieht aufzuzeichnen und auszuwerten – das ist das Ziel des Forschungsprojektes "MyLifeBits" von Microsoft. Informatiker Gordon Bell filmte dafür jahrelang sein Leben mit einer Halskamera. Die inzwischen käufliche Kamera soll Menschen mit Gedächtnisverlust helfen.

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