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Schmerzquelle Faszien

Von Barbara Bückmann (5. November 2014)

Schmerzen im Rücken können auch von einer Schädigung der Faszie in diesem Bereich ausgehen. Foto: PA

Die dünne Bindegewebsschicht umhüllt Muskeln und Organe. Bewegungsmangel und Fehlhaltungen können zu Verhärtungen der Faszien führen.

"Ich hab Rücken", die Redewendung ist mittlerweile in die deutsche Sprache eingegangen. Jeder zweite hat es mindestens einmal im Jahr im Kreuz. Doch nur bei 15 Prozent der Patienten kann der Arzt die Ursache eindeutig ausmachen, z. B. einen Bandscheibenvorfall. Bei 85 Prozent sind die Beschwerden unklarer Herkunft. Dr. Robert Schleip, Humanbiologe am Uniklinikum Ulm, erforscht dort eine bislang wenig bekannte Schmerzquelle. "Mikro-Verletzungen im muskulären Bindegewebe, den Faszien, können schmerzauslösend sein."

Die Faszien umhüllen wie eine hauchdünne Küchenfolie Muskeln und Organe, auch Bänder und Sehnen zählen zu dem körperumspannenden Netzwerk. Dieses Bindegewebe hält uns aufrecht und zugleich beweglich. Die Faszien bestehen aus Lagen weißlicher Kollagenfasern, die aufeinander gleiten. Bei jungen Menschen sind die Faszien "elastisch wie eine Damenstrumpfhose", so Schleip.

In den Faszien liegen viele Schmerzrezeptoren

Durch stundenlanges gebeugtes Sitzen am Schreibtisch kann die große Rückenfaszie, die im Bereich der Lendenwirbelsäule die Rückenmuskulatur umgibt, ausleiern. Wenn man dann am Wochenende die Getränkekiste aus dem Auto hebt oder die Hecke schneidet, kann sie durch die ungewohnte Bewegung feine Risse bekommen, die zu Entzündungen und Schmerzen führen. In den Faszien liegen jede Menge Schmerz- und andere Sinnesrezeptoren.

"Faszien enthalten Nervenendigungen, die Informationen vermitteln", ergänzt Christian Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Sei ein Organ geschwollen, gelte das auch für seine Faszie. Dann werde quasi ein SOS-Signal an das Hirn übermittelt.

Durch Fehlhaltungen können Faszien verfilzen

Doch auch die Faszien selber werden eben durch Bewegungsmangel oder Fehlhaltungen in Mitleidenschaft gezogen. Dann wuchern ungeordnete Kollagen-Fasern, die mit den bestehenden Fasern verkleben und verfilzen. Folge: Die Faszien verhärten. "Die Verhärtungen kann man mit den Händen ertasten", sagt Schleip.

Eine US-Neurologin fand bei Rückenschmerz-Patienten verklebte Rückenfaszien. Bei einem Arm, der sechs Wochen in Gips lag, verfilzten die Faszien, das zeigen endoskopische Aufnahmen eines französischen Forschers.

Drei Übungen für die Faszien

Bei der Physiotherapie werden immer auch die Faszien miteinbezogen. Foto: Getty Images/The Agency

Die dicht mit Rezeptoren besiedelten Faszien melden dabei nicht nur Schmerz, sondern auch andere Eindrücke über das Rückenmark an das Gehirn: Lage, Bewegung, Gleichgewicht. Sie sind für Schleip daher das Zentralorgan für die Körperwahrnehmung. Patienten mit schlechter Körperwahrnehmung neigen eher zu Rückenschmerzen. Es kann sich also lohnen, zur Vorbeugung oder Behandlung von Rückenschmerzen dieses Bindegewebe elastisch zu halten oder wieder flexibel zu machen.

Gut sind dehnende Bewegungen wie bei Pilates, Yoga oder Tai-Chi. Läufern empfiehlt Schleip das weichere Chi-Running. Wer die Muskeln trainiert, sollte ergänzend die Faszien fit halten, so Schleip ( Faszien-Übungen hier).

Beim Rolfing sollen Verfestigungen der Faszien gelöst werden

Eine mögliche Therapie ist das Rolfing, eine manuelle Faszien-Behandlung aus dem Bereich der Alternativmedizin. Verfestigungen sollen dabei gelöst werden, aber nicht durch eine Knetmassage. "Man übt sanften Druck aus, es ist wie ein Schmelzen oder Verflüssigen des Gewebes", so Carina Trippelsdorf, zertifizierte Rolferin aus Düsseldorf.

Doch auch in den Physiotherapie-Praxen spielen Faszien eine Rolle. "Es gibt bei uns keine Behandlung, bei der die Faszien nicht mitbehandelt werden. Man kann das gar nicht trennen", sagt Ute Merz vom Deutschen Verband für Physiotherapie. Bei Rückenschmerzen lässt sie den Patienten beispielsweise auf die volle Länge strecken, von der Fingerspitze bis zum großen Zeh. "Die Dehnung wirkt auch auf die Faszien."

Auch der Osteopath kann die Faszien behandeln

Einige Osteopathen bieten ebenfalls eine spezielle Faszientherapie: Beim Fasziendistorsionsmodell geht der Daumen tief hinein in die Haut und arbeitet sich an den schmerzenden Strängen in Bein, Arm oder Rücken entlang. Die gezielten Griffe sollen die verdrehten oder verklebten Fasern lösen, erklärt Norbert Neumann vom Bundesverband Osteopathie.

Doch der erste Gang bei Rückenschmerzen führt die Patienten meist zum Orthopäden. Bei diesen stehen Faszien als mögliche Schmerzverursacher noch nicht im Fokus: "In der Physiotherapie werden Faszien als Behandlungsansatz diskutiert. In der ärztlichen Behandlung ist mir nichts dazu bekannt", sagt der Berliner Facharzt Dr. Klaus Thierse vom Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Faszien mit der Blackroll lockern und entspannen

Eine Möglichkeit, die Faszien zu lockern, ist ein Fitnessgerät, das in Studios und physiotherapeutischen Praxen angeboten wird: die Blackroll. Das Rollen über die Blackroll wirkt wie eine Selbstmassage. Der Druck regt die Durchblutung an und bewegt die Schichten des Fasziensystems gegeneinander, erklärt Physiotherapeut Kay Batrow aus Balingen. Tipps für das Training gibt er in dem Buch "Blackroll. Faszientraining für ein rundum gutes Körpergefühl".

Informationen:

Forscher Dr. Robert Schleip ist Psychologe und Rolfing-Therapeut. Während der Ausbildung zum Rolfer blieben für ihn offene Fragen. Er begann, sich mit der Forschung zu beschäftigen, promovierte in Humanbiologie und arbeitet seitdem wissenschaftlich über die Faszien.

Faszien-Training Regelmäßige Zugbelastung ist optimal. Durch federnde, räkelnde Dehnbewegung werden die Zellen angeregt, neue elastische Fasern zu bilden. Anders als beim Muskeln-Workout dauert es zwei bis drei Jahre, bis die Faszien runderneuert sind. Eine Alltags-Übung: Die Treppe leicht hinauf- oder hinabfedern statt zu stapfen. Erwünscht sind alle geschmeidigen und abwechslungsreichen Bewegungen wie bei Känguru, Katze oder Tintenfisch. Weitere Übungen finden Sie hier.

Rolfing:

Die Faszien stehen im Mittelpunkt der Rolfing-Methode, die die Biochemikerin Dr. Ida Rolf entwickelte. Nach ihrem Ansatz kann eine Fehlhaltung Ursache körperlicher und seelischer Beschwerden sein. Die Rolfer behandeln nicht ein Symptom sondern den ganzen Körper. Durch sanften Druck auf die Faszien mit Händen, Knöcheln oder Ellenbogen sollen Verhärtungen gelöst und der Organismus optimal zur Schwerkraft ausgerichtet werden. Üblich sind zehn Sitzungen à 100 Euro. Rolfing wird nicht von der Kasse gezahlt und ist wissenschaftlich nicht anerkannt. Infos und Therapeutenliste unter www.rolfing.org.


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Quellen

Gespräch mit Dr. Robert Schleip, Humanbiologe am Uniklinikum Ulm, Februar 2013
Gespräch mit Carina Trippelsdorf, certified Rolferin, Düsseldorf, Februar 2013
Gespräch mit Ute Merz, Deutscher Verband für Physiotherapie, Februar 2013
Dr. Christian Schneider, Leitender Arzt Schön Klinik Rückeninstitut und kons. Sportmedizin, Leiter der Sportphysiotherapie des Deutschen Olympischen Sportbundes, München, Oktober 2014
Norbert Neumann, Osteopath, Bundesverband Osteopathie, Bad Tölz, Oktober 2014
Kay Bartrow, Blackroll. Faszientraining für ein rundum gutes Körpergefühl, Trias, Stuttgart, 2014


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