Apfelessig: Saures Multitalent

Von Maggie Riepl (24. Oktober 2012)

Apfelessig wird als Naturheilmittel z. B. bei Verdauungsproblemen eingesetzt. Foto: Getty Images/Photolibrary

Apfelessig wird traditionell bei verschiedenen Leiden eingesetzt, z. B. bei Verdauungsproblemen. Außerdem ist er ein beliebtes Schönheitsmittel.

Essig hat einen festen Platz in der Küche für Salate, zum Einlegen von Fleisch und vielem mehr. Essig bewährt sich auch zum Putzen, er entfernt zum Beispiel hervorragend Kalkreste. Apfelessig ist aber auch seit einigen Jahren als "Wundermittel" gegen diverse Beschwerden propagiert geworden. Ein Heilmittel im klassischen Sinne ist er nicht, heißt es beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, aber ein uraltes Hausmittel. Vor allem als Fettburner, der die Pfunde schmelzen lässt, wird Apfelessig angepriesen.

"Schlank durch Apfelessig, sorry, das funktioniert nicht", sagt allerdings Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise. Und auch der auf Naturheilkunde spezialisierte Heilpraktiker Kian Schirmohammadi winkt ab. "Apfelessig ist ein bewährtes Naturprodukt, vielseitig einsetzbar, aber kein Universalmittel und schon gar kein Mittel, mit dem man sozusagen von alleine dünn wird."

Apfelessig kurbelt den Stoffwechsel an

Wer abnehmen will, braucht kalorienarme Kost und viel Bewegung. Wenn man dazu noch einen Apfelessig-Drink zu sich nimmt, kann das nichts schaden, denn, so Schirmohammadi: "Apfelessig wirkt sich positiv auf die Verdauung aus, weil das im Apfel enthaltene Pektin dem Stoffwechsel gut tut."

Auch Reformhaus-Fachberaterin Heidrun Reichhardt empfiehlt ihren Kunden Apfelessig durchaus als gutes Mittel für die Verdauung, aber nicht zum Abnehmen. Sie erklärt: "Die Säurebakterien wirken sich positiv auf die Dünndarmflora aus, wodurch sich beispielsweise auch die Mineralstoffaufnahme verbessert." Sie rät, den Apfelessig am besten mit einem guten Bio-Apfelsaft einzunehmen. "Das ist nicht nur angenehmer vom Geschmack, sondern man erhält die wertvollen Spurenelemente und Mineralstoffe wie Magnesium, Kalium und Calcium, die im Apfel, einer der gesündesten Früchte enthalten sind, konzentrierter als durch Essig allein." Der enthält diese Stoffe zwar auch, aber nur noch in geringem Maße.

Apfelessig nicht unverdünnt einnehmen

Der klassische Apfelessig- Drink besteht aus zwei Teelöffeln Apfelessig, zwei Teelöffeln Honig und einem Viertel Liter Wasser. Manche schwören darauf, diese Mischung vor dem Essen zu nehmen, andere nehmen sie lieber danach. Schirmohammadi: "Das ist immer eine Frage, wie sensibel der Magen reagiert."

Bild: So werden wertvolle Inhaltsstoffe lecker verpackt: Apfelessig gemischt mit Apfelsaft. Foto: Getty Images/Photodisc

Apfelessig sollte man nicht unverdünnt und nicht in zu großer Menge zu sich nehmen, das kann Magenschleimhaut und Speiseröhre reizen, und die Säure kann die Zähne angreifen, warnt der Heilpraktiker.

Apfelessig gegen Durchfall, Hautprobleme oder Halsschmerzen

Obwohl der wissenschaftliche Beweis fehlt, hat sich Apfelessig aufgrund langer Erfahrung in der Naturheilkunde bewährt, so Schirmohammadi. Er nennt einige Beispiele:
Da Essigsäure vom Stoffwechsel des Körpers zu Kohlendioxid und Wasser umgewandelt wird, wirken die verbleibenden Mineralstoffe alkalisch und können so Übersäuerung vorbeugen.
Fiebersenkende Wadenwickel oder Brustwickel bei Erkältungen sollen mit einem Schuss Apfelessig noch effektiver sein.
Bei Durchfall kommt der Apfelessig (allerdings ohne Honig) wegen seiner keimtötenden antibakteriellen Wirkung zum Einsatz. Bei Verstopfung ist er hilfreich, weil er den Stoffwechsel anregt.
Insektenstiche kann man mit unverdünntem Apfelessig betupfen, ebenso hilft er bei Juckreiz nach Quallenkontakt (unverdünnt).
Gegen Hautrötungen, zum Beispiel durch Sonnenbrand, helfen kühlende Umschläge (1 Drittel Apfelessig, zwei Drittel Wasser).
Halsschmerzen kann man natürlich bekämpfen, indem man 1/2 TL Essig auf ein Glas Wasser zum Gurgeln nimmt. Am besten noch mit Meersalz, Kamille, Salbei oder Thymol anreichern, rät Heilpraktiker Schirmohammadi.
Bei Husten können Inhalationen gut tun. Hierzu einen 1/8 Liter Apfelessig in eine Schüssel geben und mit 1/2 Liter heißem Wasser aufgießen. Handtuch über Kopf und Schüssel und die Dämpfe einatmen. Unbedingt die Augen geschlossen halten.
Auch Sitzbädern bei Hämorrhoiden kann man etwas Apfelessig zufügen.

Apfelessig-Spülung für die Haare

Gerne wird Apfelessig als Schönheitsmittel eingesetzt. Zum Beispiel kann man Essigwasser als Spülung für strapazierte Haare nehmen. Die Säure zieht die Schuppenschicht zusammen und sorgt für Glanz und Festigkeit. Dazu 1/8 Liter Essig mit 1/2 Liter warmem Wasser mischen.
Äußerlich bei Waschungen angewendet, fördert Apfelessig die Durchblutung und erneuert den Säureschutzmantel der Haut. Zwei EL Apfelessig auf 1 Liter Wasser geben, Waschlappen oder Sisalhandschuh eintauchen, Körper von unten nach oben abreiben. Das erfrischt die Haut und weckt die Lebensgeister. Alle Seifenreste werden entfernt, und der Obstessig wirkt für eine Zeit sogar wie ein Deo und gegen starkes Schwitzen.

Rezepte mit Apfelessig:

Apfel-Holunderblüten-Dressing: 1/2 Zwiebel, 2 EL Apfelmus, 3 EL Holunderblütensirup, 2-3 EL Apfelessig, 5 EL Sonnenblumenöl, Salz, Pfeffer. Zwiebel schälen und fein würfeln. Apfelmus, Holunderblütensirup und 2 EL Apfelessig verrühren. Sonnenblumenöl nach und nach unterschlagen. Zwiebelwürfel einrühren, Dressing ca. 5 Minuten durchziehen lassen. Mit Salz, Pfeffer und Essig abschmecken.

Chili-Äpfel 600 g säuerliche Äpfel schälen, ohne Kerngehäuse in 1 cm dicke Scheiben schneiden, in heiß ausgespülte Gläser schichten. 8 frische Chilis mit spitzem Messer aufstechen, zusammen mit 550 ml Apfelessig, 140 g braunem Zucker, 4 Pimentkörnern, 4 Lorbeerblättern und gegebenenfalls Knoblauch (pro Glas eine Zehe) aufkochen, über die Apfel gießen. Verschließen, kühl lagern, zwei Tage durchziehen lassen. Schmeckt z. B. zu Braten und Kurzgebratenem.

Informationen:

Herstellung Apfelessig wird aus Sorten wie Boskop, Cox Orange, Elstar, Gravensteiner oder Ingrid Marie gewonnen. Die Äpfel werden entsaftet, zunächst zu Most, dann zu Apfelwein vergoren. Die zugesetzten Essigsäurebakterien verstoffwechseln den Alkohol zu Essig. Apfelessig hat 5 Prozent Säure. Billigsorten aus Saftkonzentrat und Essig gemischt sind kein echter Apfelessig. Ökologischer Apfelessig wird meist nicht filtriert. Er ist naturtrüb, Nährstoffe bleiben weitgehend erhalten.

Geschichte Schon der griechische Arzt Hippokrates (um 460–370 v. Chr.) setzte Apfelessig als fiebersenkendes Mittel ein und nutzte ihn wegen seiner keimtötenden Wirkung als Antibiotikum. Er empfahl ihn aber auch zur besseren Verträglichkeit von Speisen. Im Mittelalter galten Essigzubereitungen als Vorbeugemittel gegen Ansteckung jeglicher Art. Pestärzte trugen beispielsweise Masken, die mit Essig getränkt waren und wuschen sich zum Desinfizieren mit Essig die Hände. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in den Apotheken Acetum Aromaticum (verdünnten Essig) zum Gurgeln.

Quellen

Gespräch mit Heilpraktiker Kian Schirmohammadi, Schleiden, Oktober 2012
Gespräch mit Isabelle Keller, Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Oktober 2012
Gespräch mit Reformhaus-Fachberaterin Heidrun Reichhardt, Berlin, Oktober 2012



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