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Ernährung

Lebensmittelallergie: Oft ist mehr drin als draufsteht

Von Barbara Dötsch (30. Oktober 2009)

Wurst von Gut Hesterberg erhielt das Gütesiegel der Europäischen Stiftung für Allergieforschung. Foto: PA/Settnik

Menschen mit einer Lebensmittelallergie sollten sich nicht auf die Zutatenlisten auf den Verpackungen verlassen. Nur die 14 häufigsten Allergene müssen gekennzeichnet sein.

Suppen, Soßen, Schokokekse. Menschen, die an einer Lebensmittelallergie leiden, sind auf die Inhaltsangaben angewiesen, die auf den Verpackungen ihrer Lebensmittel zu finden sind. Allerdings ist bisher nur die Kennzeichnung der häufigsten 14 Allergene bereits in kleinsten Mengen vom Gesetzgeber vorgeschrieben

Doch selbst auf Ausschluss-Hinweise wie "ohne Ei hergestellt" oder "milchfrei" können sich Allergiker nicht verlassen, wie eine Untersuchung des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes Freiburg (CVUA) zeigt. In fünf von 28 kontrollierten Lebensmitteln wurde dennoch Ei-Protein, in vier von 14 Proben Milchprotein nachgewiesen.

In acht Prozent der Proben nicht deklarierte Allergene

Insgesamt 631 verpackte Lebensmittel hatte das CVUA unter die Lupe genommen. In acht Prozent (52 Fälle) aller Proben wurden nicht deklarierte Allergene festgestellt, die Symptome einer Lebensmittelallergie auslösen können. In Fertiggerichten, Suppen und Soßen wurden in 18 Prozent der Proben trotz fehlender Kennzeichnung Gluten (in vielen Getreidesorten enthaltenes Klebereiweiß) nachgewiesen.

Mit 22 Prozent war der Anteil der nicht gekennzeichneten Milchproteine vor allem in Fleischerzeugnissen und Backwaren sogar noch höher. Nur in drei von 65 untersuchten Proben von vegetarischen Gerichten, Back- und Teigwaren wurde dagegen Lupinenmehl gefunden.

Lebensmittelallergie kann unangenehme Folgen halben

Die Nichtdeklarierung ist für Menschen mit einer Lebensmittelallergie keine harmlose Sache. Erbrechen, Kreislaufprobleme oder gar ein lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schock kann die Folge sein, wenn sie Nahrungsmittel zu sich nehmen, auf die sie allergisch reagieren. Das Problem liegt in der Lebensmittel-Herstellung. Werden in einem Betrieb etwa mehlhaltige und nicht mehlhaltige Produkte hergestellt, kann es zu Kreuzkontaminationen kommen.

Eine räumliche Trennung der Zutaten bei der Lagerung oder der Produktionsanlagen für beide Lebensmittel ist allerdings eine teure Angelegenheit. Deshalb weichen viele Hersteller aus haftungsrechtlichen Gründen auf den Zusatz "kann Spuren von?" für die 14 Haupt-Allergene auf ihrer Zutatenliste aus.

Keine Kennzeichnungspflicht für lose verkaufte Lebensmittel

Noch mehr Probleme scheint es bei der Kennzeichnung lose verkaufter Lebensmittel zu geben. So bestand ein Pistazieneis mit dem Hinweis auf "kann Spuren von Haselnuss enthalten" zu ganzen 1,6 Prozent aus eben jenem Haupt-Allergen. Bei dieser Größenordnung hielten die Tester die Deklaration für "problematisch".

Ob der Hersteller allerdings auf die Anregungen der Lebensmittelüberwachungsbehörden eingeht, die von der CVUA informiert wurden, ist fraglich. Denn für offen verkauftes Speiseeis, lose Ware an der Ladentheke wie auch für andere Gerichte in Restaurants besteht momentan noch keine Kennzeichnungspflicht auf Speisekarten und Aushängen. Kein Wunder also, dass acht von zehn Restaurantbesuchern mit einer Lebensmittelallergie nach dem Essen schon einmal mit einer allergischen Reaktion zu kämpfen hatten.

Unverständliche Formulierungen

Die bestehende Kennzeichnungspflicht hielten 70 Prozent von 450 Befragten für "nicht ausreichend", wie Sabine Schnadt vom Deutschen Allergie- und Asthmabund berichtet. Gar 90 Prozent seien der Meinung, dass bei den Zutatenverzeichnissen "schon die Formulierungen nicht einmal für einen Zehnjährigen verständlich wären". Nicht jeder weiß etwa, dass sich hinter dem Begriff Casein ein Hinweis auf Milchproteine verbirgt.

Noch dazu hat auch die Kennzeichnungspflicht einige Ausnahmen, die für Verbraucher mit einer Lebensmittelallergie gefährlich sein können. Bei Kleinpackungen wie Ketchup oder Müsliriegeln ist die Kennzeichnung nur an der Großpackung angebracht.

Bei drei bis vier Prozent reagiert das Immunsystem

Schon bei drei bis vier Prozent der Deutschen reagiert das Immunsystem mit einer Unverträglichkeit auf normalerweise harmlose Stoffe in Lebensmitteln. Ob es nach dem Verzehr zu Reaktionen wie Schwellungen, Atemnot, Ekzemen oder Krämpfen kommt, hängt meistens nicht vom absoluten Gehalt des Allergens im Essen ab, sondern von der Konzentration.

Deshalb sind Mediziner europaweit bereits dem sogenannten Schwellenwert auf der Spur, bei dem für Betroffene mit einer Unverträglichkeit oder Lebensmittelallergie jedes Restrisiko einer möglichen Auswirkung ausgeschlossen ist. Doch das zu ermitteln, setzt langwierige Studien mit Allergikern verschiedenen Alters voraus, die an sich die Wirkung von Allergenen in verschiedener Dosis freiwillig testen lassen.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Prof. Torsten Zuberbier, Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung an der Berliner Charité.

Kennzeichnung:

Pflicht: Die 14 häufigsten Allergene müssen auf der Zutatenliste eines Produkts angegeben sein, selbst wenn nur kleinste Mengen enthalten sind.

Allergene:

  • Glutenhaltige Getreide wie Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Kamut
  • Milch und Milchprodukte, die Laktose enthalten
  • Eier
  • Soja
  • Erdnüsse
  • Schalenfrüchte wie Mandeln, Haselnüsse, Walnüsse, Cashewkerne, Pistazien
  • Sellerie
  • Senf
  • Krebstiere
  • Fisch
  • Sesamsamen
  • Schwefeldioxid und Sulfite in einer Konzentration von mehr als 10 mg/kg oder 10 mg/l
  • Lupinen (glutenfreier Getreideersatz in Nudeln und Backwaren)
  • Weichtiere

Ratgeber: Beim aid Infodienst können Sie die Broschüren "Allergisch auf Essen?", "Stressfrei essen - die neue Allergenkennzeichnung" und  "Achten Sie aufs Etikett!" herunterladen.


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Quellen

Gespräch mit Sabine Schnadt, Deutscher Allergie- und Asthmabund, Berlin, Oktober 2009
Bericht des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes Freiburg (CVUA)






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