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Würzen mit Wanzen: Die neue Insekten-Küche

Von Barbara Dötsch (27. März 2011)

Hollands Ernährungsministerin ließ 2009 in ihrer Kantine frittierte Insekten servieren Foto: pa/Oudenaarden

Die UNO wirbt dafür, auch in Europa Insekten zu essen. Sie werden als eine Alternative zu Fisch und Fleisch angesehen

Grashüpfer, Wasserwanzen, Mehlwürmer und Ameisen sind auf europäischen Speiseplänen bisher eher eine seltene Ausnahme. Das würde die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) am liebsten ändern und hat eine Kampagne gestartet, um Insekten wie in Afrika, Asien und Lateinamerika auch auf deutsche Speisepläne zu bringen. Damit könnte den Vereinten Nationen zufolge das Problem der weltweiten Unterernährung von knapp einer Milliarde Menschen gelöst und die Umwelt geschont werden. "Waldinsekten als Nahrung: Die Menschen beißen zurück" heißt der Aktionsplan, mit dem die UN-Ernährungsorganisation (FAO) mehr Käfer und Wanzen auf die Teller befördern will.

Etwa 1000 Insektenarten gelten als essbar. Für etwa 2,5 Milliarden Menschen vor allem in den Regionen, wo Fleisch und Fisch knapp sind, gehören sie bereits zur täglichen Nahrung dazu, und das sei den UN-Ernährungsexperten zufolge sehr gesund. Denn die meisten Insekten sind eine gute Proteinquelle. 100 Gramm kleine Heuschrecken zum Beispiel liefern 20,6 Gramm Eiweiß, 35,2 Milligramm Kalzium und 5 Milligramm Eisen sowie die Vitamine B1 und B2 und Niacin. In der gleichen Menge eines Hähnchens stecken dagegen nur 15 Gramm Eiweiß, 8 Milligramm Kalzium und 0,7 Milligramm Eisen. Deshalb hält auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit Sitz in Bonn es für unbedenklich, Insekten zu essen.

In einem Berliner Restaurant kann man Insekten essen

Im australischen Restaurant "Never Never Land Outback" in Berlin stehen Salate und Desserts mit Heuschrecken und Schwarzkäferlarven für 6,90 bis 8,90 Euro auf der Speisekarte. Die Tiere werden lebend von einem Züchter geliefert und dann vor dem Zubereiten wenigstens sechs Stunden schockgefrostet. Das Restaurant ist nur eines von vielen, das nicht zuletzt wegen der Insekten auf der Speisekarte angesagt ist. Neben Züchtern bieten auch Terraristik-Fachhändler und Zoohandlungen die Tiere zum Verkauf an. Außerdem haben sich diverse Online-Shops auf die Lieferung von Lebend-Insekten und Fertigprodukten wie Skorpion-Lollis und Mehlwurm-Snacks spezialisiert.

Der Geschmack von Termiten und Grillen soll an Kopfsalat erinnern, frittierte Heuschrecken haben ein eher süßliches Aroma. Was für die einen wahre Gaumenfreuden sind, lässt der mit zwei Michelin-Sternen dekorierte Koch Tim Raue dagegen nicht auf seine Teller. In seinem Berliner Restaurant "Tim Raue" hat er sich zwar der Küche aus Japan, Thailand und China verschrieben, doch die dort traditionellen Insekten-Gerichte sind nicht nach seinem Geschmack. "In Bangkok habe ich mich einmal durch das Insekten-Sortiment gegessen und bin seitdem der Meinung, dass ich so etwas nicht noch einmal brauche", sagt Raue. Die daumendicken Maden hätten ihn an den Geschmack von Kaiserhummer erinnert, die frittierten Heuschrecken, Käfer und Skorpione "knackten wie Chips, schmeckten aber nicht so gut".

Nebenaspekt: Schutz für die Umwelt

Zudem sieht Raue keinen Sinn und keinen Bedarf darin, etwas zu servieren, "was wir in unseren Breiten normalerweise mit der Fliegenklatsche jagen". Er glaubt deshalb nicht, dass sich Käfer und Co. in Europa als Nahrungsmittel etablieren könnten. Der Grund, dass Insekten dennoch auf deutschen Tellern landen, geschehe in 90 Prozent der Fälle nur einmal und aus reiner Neugier.

Insekten werden von der UN-Organisation allerdings nicht nur als Eiweißlieferanten geschätzt. Ein verstärkter Verzehr würde laut FAO die Umwelt schützen, denn die kleinen Tiere seien bessere Futterverwerter. So müssten Rinder und Schweine ein Vielfaches von dem fressen, was Käfer oder Maden zur Erzeugung der gleichen Eiweißmenge bräuchten. Gleichzeitig produzieren Insekten weniger Treibhausgase. Einer Studie der niederländischen Universität Wageningen zufolge, stößt ein Schwein pro Kilogramm Wachstum bis zu 100 Mal mehr aus als Mehlwürmer. Auch die Ammoniakproduktion, die zur Grundwasserversäuerung beiträgt, ist demnach bei Säugern höher: beim Schwein bis zu 12 Mal mehr pro Kilogramm Wachstum als bei Grillen und bis zu 50 Mal mehr als bei Grashüpfern.

Infos:

Kampagne Die Initiative der UN "Edible Forest Insects: Humans Bite Back!!" unter www.fao.org/forestry

Buch "Das Insektenkochbuch. Der etwas andere Geschmack" von Ingo Fritzsche und Bubpa Gitsaga, Verlag Natur und Tier, 16,80  €

Bezugsquellen Eine Liste von Terraristik-Fachhändlern ist unter www.reptilia.de zu finden. Snacks wie Skorpion-Lutscher oder Mehlwürmer mit BBQ-Geschmack gibt es ab 2,69 Euro unter www.trau-dich-shop.com

Küche
Kochkurse werden in vielen Städten zu Preisen ab 59 Euro angeboten. Termine und Orte z. Bsp. unter www.geschenke-vergleichen.de/kochkurse


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Quellen

Gespräch mit Tim Raue, Sternekoch mit Restaurant in Berlin, März 2011
"An Exploration on Greenhouse Gas and Ammonia Production by Insect Species Suitable for Animal or Human Consumption", Itterbeeck, J. van; Heetkamp, M.J.W.; Brand, H. van den; Loon, J.J.A. van; Huis, A. van, Oonincx, D.G.A.B, 2010


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