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Diabetes durch hohen Zucker-Konsum?

Von Simone Reisdorf (16. November 2015)

Süßes verführt viele Menschen zum Naschen, doch ein hoher Zucker-Konsum kann Diabetes fördern. Foto: Getty Images/Dimitri Otis

Der Übermäßige Konsum von Süßigkeiten sorgt nicht nur für Übergewicht, er soll das Diabetes-Risiko auch bei schlanken Menschen erhöhen.

Das Essen von zu viel Zucker fördert Übergewicht, und Übergewicht erhöht das Risiko für Diabetes (Zuckerkrankheit) – soweit, so klar. Aber hat der Zucker-Konsum auch direkten Einfluss auf die Krankheitsentstehung? Das wurde von Experten auf dem europäischen Diabeteskongress in Stockholm diskutiert.

Prof. Kay-Tee Khaw vom Cambridge Institut for Public Health in Großbritannien betont: "Dass Übergewicht und Fettleibigkeit die Wahrscheinlichkeit für Typ-2-Diabetes erhöhen, wird heute von niemandem mehr ernsthaft bezweifelt." Internationale Studien zeigen, dass in Ländern mit hohem Anteil übergewichtiger Einwohner auch die Diabetiker-Zahlen hoch sind.

Zucker, Übergewicht, Typ-2-Diabetes

Süße Nahrungsmittel verführen nun einmal zum Naschen, denn sie schmecken uns einfach gut. Die Folgen sind nicht zu übersehen: Mit der Verfügbarkeit von Zucker steigt in den Industrie- und Schwellenländern auch der Anteil an Menschen mit Übergewicht.

In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts zwei Drittel aller Männer und mehr als die Hälfte aller Frauen übergewichtig, jeder Vierte wird sogar als fettleibig eingestuft. Und mehr als 7 Prozent der Deutschen leiden an Typ-2-Diabetes, Tendenz steigend.

Jede Dose Cola steigert das Diabetes-Risiko

"Das ist aber noch längst nicht alles", erklärt Khaw: "Unabhängig vom Körpergewicht spielt auch der Anteil des Zuckers in der Nahrung eine Rolle beim Diabetes-Risiko." Am einfachsten lässt sich das in Studien nachweisen, in denen beobachtet wird, wie viele "Softdrinks" die Probanden konsumieren. Denn der Zuckergehalt einer Dose Cola, einer Flasche Fruchtnektar oder einer Packung Eistee ist standardisiert und leicht zu berechnen.

So wurden in einer Übersicht mehrere Studien ausgewertet und alle gezuckerten Getränke erfasst – umgerechnet in 330ml-Dosen. Es wurde beobachtet, wie viele Dosen pro Tag die Teilnehmer tranken und wie viele von ihnen im Laufe der Jahre zuckerkrank wurden.

Ergebnis: Mit jeder regelmäßig täglich konsumierten Dose Cola oder Limonade stieg das Zehnjahresrisiko, einen Typ-2-Diabetes zu bekommen, um relative 20 Prozent an, und zwar unabhängig vom Körpergewicht der Studienteilnehmer.

Zucker-Anteil an der Ernährung entscheidend

Während also "normalerweise" innerhalb von zehn Jahren etwa 12 von 100 Personen im Alter ab 60 Jahren einen Typ-2-Diabetes bekommen würden, erhöht der tägliche Konsum eines Softdrinks diese Zahl auf 14 oder 15 von 100, und bei zwei Dosen täglich sind es schon 17 von 100, so lassen sich die Studiendaten interpretieren. Bei Jüngeren ist der Effekt der gleiche, hier sind die Zahlen aber etwas niedriger.

In einer anderen Studie wurde nicht die absolute Zuckermenge notiert, sondern es wurde berechnet, welchen Anteil an der gesamten konsumierten Tagesenergiemenge der Zucker ausmachte. Wer mehr als ein Fünftel seiner Tageskalorien aus gezuckerten Getränken bezieht, hat laut dieser Studie ein fast doppelt so hohes Diabetesrisiko wie jemand, dessen Energie nur zu einem Prozent aus Zucker stammt.

Lieber frisches Obst als Saft und Smoothies

Neben der Zuckermenge könnte auch die "Verpackung" des Zuckers eine Rolle spielen, also die Frage, in welcher Art Lebensmittel er enthalten ist. So vermuten viele Wissenschaftler, dass Zucker in frischem Obst und Gemüse kein Problem darstelle, dass Zucker in Obstsaft und Obstmus dagegen problematisch sei, und erst recht der Zuckerzusatz in Getränken, Schokolade und anderen Naschereien.

Die Daten dazu sind noch widersprüchlich. So zeigen Studien, in welche die Daten großer Personengruppen teils aus mehreren Jahrzehnten einbezogen wurden, eine Erhöhung des Diabetesrisikos bei übermäßigem Konsum von Süßigkeiten, Desserts und gesüßten Getränken. Weniger klar ist dies bei reinen Obstsäften und übrigens auch bei Softdrinks mit Süßstoff. Und das Essen süßer Früchte an sich hat in diesen großen "epidemiologischen" Studien meist keinen schädlichen Einfluss, sondern schützt sogar vor Diabetes.

Obstsaft wird oft noch Zucker zugesetzt

Aber nicht jeder Experte teilt diese Einschätzung. "Der schützende Effekt von Obst auf die Entwicklung eines Diabetes wird überall propagiert, aber die Interpretation ist schwierig", sagt Prof. Rüdiger Landgraf, früherer Leiter der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie an der Medizinischen Klinik Innenstadt in München und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Prävention des Typ-2-Diabetes der Deutschen Diabetes-Gesellschaft.

Denn solche Studien, in denen Lebensstil und Erkrankungen tausender Menschen beobachtet und Häufigkeiten verglichen werden, zeigen nur wahrscheinliche Zusammenhänge. Sie liefern aber keinen Beweis dafür, was an unserem Lebenstil tatsächlich Krankheiten verursacht oder verhindert; dafür wären gezielte Untersuchungen nötig.

Landgraf würde allerdings nicht so weit gehen, den Obstkonsum einzuschränken, die meisten von uns essen nach seinen Worten ohnehin zu wenig Obst und nicht etwa zu viel. Er rät zum Verzehr von zwei Portionen pro Tag und nennt als Beispiele "erstens einen Apfel, einen Pfirsich, eine Banane oder Birne und zweitens dann noch zwei Handvoll Trauben oder Beeren."

Bei Saft ist Prof. Landgraf aber vorsichtiger: "Ich würde nicht mehr als einen halben Liter reinen, naturbelassenen Obstsaft pro Tag empfehlen." Oftmals wird den Säften zusätzlicher Zucker zugesetzt, über den Zucker hinaus, der in den Früchten bereits enthalten ist, stellt er klar.

Nicht mehr als 10 Prozent der Tagesenergie aus Zucker

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät, nicht mehr als fünf Prozent der Tagesenergie aus Zucker zu beziehen, ob nun aus Obst oder anderen Quellen. Beispiel: Bei einer erwachsenen Frau mit Bürojob, die täglich 2000 Kilokalorien (kcal) benötigt, sollten also nur 100 kcal aus Zucker und Süßem stammen. "Das ist unrealistisch", meint jedoch Prof. Luc Tappy, Physiologe an der Universität von Lausanne, Schweiz. Er schlägt stattdessen eine Grenze von 10 Prozent vor, das wären in unserem Beispiel 200 kcal.

Wer sein Diabetes-Risiko durch Zucker-Beschränkung reduzieren will, hat also zwei Möglichkeiten: Kalorientabellen wälzen oder lieber öfter mal nein zu Zucker sagen. Denn laut Studiendaten unterschätzen übergewichtige Personen ohnehin ihre Essgewohnheiten: Sie verzehren mehr Zucker, als sie glauben.

Achtung! Hier versteckt sich Zucker

Zucker ist in verarbeiteten Lebensmitteln nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Er versteckt sich auch hinter Bezeichnungen wie:

  • Saccharose
  • Glukose
  • Fruktose
  • Laktose (Milchzucker)
  • Maltose
  • Dextrose
  • Maissirup
  • Maltosesirup
  • Invertzuckersirup
  • Raffinade
  • oder hinter Abkürzungen wie HFCS (high fructose corn syrup).

Dabei handelt es sich um unterschiedliche Arten von Einfach- und Zweifach-Zuckermolekülen und um verschiedene Verarbeitungsformen. Auch bei Bezeichnungen wie "natürliche Süße" ist Misstrauen angezeigt: Es kann sich trotzdem um zusätzlich hinzugefügten Frucht- oder Traubenzucker handeln.

Als zuckerarm dürfen Speisen mit nicht mehr als fünf Prozent Zuckergehalt und Getränke mit nicht mehr als 2,5 Prozent Zuckergehalt bezeichnet werden.

Lesen Sie auch im GESUND-Magazin: Zuckersucht - gibt es das?  


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Quellen

Prof. Kay-Tee Khaw, Cambridge Institut for Public Health, Großbritannien, September 2015
Prof. Dr. Rüdiger Landgraf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Prävention des Typ-2-Diabetes der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, September 2015
Prof. Luc Tappy, Physiologe an der Universität von Lausanne, Schweiz, September 2015


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