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Mein alter Herr Eberhard
Ich werde ab jetzt immer mal wieder – so es mir die Zeit und eine intakte Elektronik erlaubt – immer mal wieder unter diesem Thread (der dann ein Folgethread wird) berichten, wie es meinen Vater ergeht. Das scheint mit ein gutes Vorgehen zu sein, welches auch für den Experten eine zusammenhängende Schilderung des Krankheitsverlaufes bei Morbus Alzheimer darstellt. Vielleicht ist es anderen von Nutzen.
Noch zu Weihnachten 2005 konnte ich mit meinem Vater ganz normal über alles mögliche sprechen, es waren keine Ausfallserscheinungen ersichtlich. Dann wurde er über Neujahr in eine Klinik zur Behandlung verengter Beinarterien eingewiesen und bekam nach einer erfolglos verlaufenden Dilatation (ein Ballon war während des Eingriffs geplatzt) einen Bypass. Aus der Narkose erwacht, zeigte Vater starke Desorientierungserscheinungen, die tagelang anhielten. Wieder zuhause, suchte er seinen Hausarzt auf und machte einen Test bezüglich Demenz, der aber negativ verlief. Auch besserte sich sein Zustand schnell, so dass meine Mutter und ich der Ansicht waren, dass es wohl Nebenwirkungen der Narkose oder anderer Medikamente waren, die vorübergehend eine demenzartigen Zustand hervorgerufen haben könnten.
Im Sommer 2006 jedoch kam es zu ersten Auffälligkeiten bzgl. angeblicher Briefe, nach denen Vater fast das ganze Haus absuchte. Er war der irrigen Ansicht, seine Krankenkasse habe ihm geschrieben, er müsse fortan Medikamente aus dem Ausland beziehen. Es stellte sich dann heraus, dass es ein kurzer Artikel in der Zeitschrift seiner Krankenkasse war, in dem über Medikamente aus dem Ausland nur berichtet wurde ohne eine Handlungsanweisung zu enthalten. Darüber hat er sich dann wieder beruhigt. Wenig später hat er dann meine Mutter gefragt, wer das denn von der Verwandtschaft sei, der bei ihnen zu Besuch ist. Damit war ich gemeint – sein Sohn. Selber darüber erschrocken, vergewisserte sich Vater über ein Hausarztbuch über Demenzen. Dann aber schien wider eine ganze Zeit lang Ruhe zu herrschen, alles verlief wieder normal.
Erst im Spätherbst 2006 fing es wieder an. Jetzt meinte Vater, fremde Menschen würden bei ihm in der Garage Dinge verstellen und sein Auto sei ausgetauscht worden. Wenig später meinte er das auch von seinem ganzen Haus. In Gesprächen hatte er zuweilen Wortfindungsprobleme, konnte aber das Gemeinte noch gut umschreiben. Alles in allem aber wirkte er noch überwiegend unauffällig bis auf diese „fixen Ideen“.
Im April 2007 wurde dann nach einem Besuch bei einem Neurologen mit anschließender Hirn-Tomografie vom Hausarzt die Behandlung mit einem Acetylcholinesterasehemmer begonnen. Diese Mittel bewirkte zwar keine Wunder, veränderte aber das Allgemeinbefinden meines Vaters merklich, so dass seine noch zu Ostern 2007 etwas stille und „muffelige“ Art verschwand und ich im Sommer einen fast wieder wie früher humorvollen Menschen vorfand. Leider blieben die fixen Ideen. Zwar erkannte er sein Auto und sein Haus wieder, hielt das nicht mehr für Dubletten, aber jetzt schlichen angeblich Diebe im Haus umher, die es vor allem auf sein Werkzeug abgesehen hatten. Vater begann jetzt mit sonderbaren Versteckaktionen und vieles, was sich einst in der Garage befand, kam auf den Dachboden. Selbst ein altes Kofferradio – an dem wohl kein Dieb seine Freude hätte – wurde versteckt.
Im November 2007 – letzten Monat – wurde Vater 80 Jahre alt und ich habe ihm einen neuen Rasierapparat, der in der Handhabung seinem alten entspricht, geschenkt. Machte er schon um seinen alten Rasierapparat, seiner Geldbörse und seiner neuen Brille einen grotesken Sicherheitskult (alles muss abends mit ins Schlafzimmer und mehrmals am Tage wird nachgesehen, ob es noch vorhanden ist), so steigerte sich dieses sonderbare Verhalten mit dem neuen Gerät noch. Zudem wiederholt Vater öfter eine Frage mehrmals hintereinander und wirkt allgemein unruhiger – jedoch nur selten nachts (manchmal steht er auf, weil er meint, zu Arbeit zu müssen). Man muss ihn auch oft mehrmals auffordern zum Essen zu kommen.
Alles das nervt zusehends meine 78-jährige Mutter und auch ich hatte schon Anwandlungen von Zorn in mir gespürt ob dieser vermeintlichen Sturheit und Begriffsstutzigkeit. Immer und immer wieder muss man sich selber sagen, dass dieses ja nicht absichtlich geschieht sondern Krankheit ist. Jedoch bleibt der langsam entstehende nervliche Schaden so oder so ein Schaden – ob Absicht oder nicht.
Ich versuche, meine Mutter zu bewegen, dem Hausarzt darüber Mitteilung zu machen und ggf. für Vater ein leichtes Neuroleptikum und für sich selber ein leichtes Tranquilanzium verschreiben zu lassen für Tage, an denen Vater besonders verwirrt ist. Aber meine Mutter hat einfach Angst, wenn beide beim Hausarzt sind, damit anzufangen, weil der alte Herr dann garstig und noch verwirrter reagieren könnte, denn m.E. schwindet bei Vater die Krankheitseinsicht („ist ja alles nicht so schlimm, ich kann doch noch so viel“). Tatsächlich ist Vater körperlich überwiegend noch fit für sein Alter, kommt noch gut mit Gartenarbeit, der täglichen Toilette und andere Routinen zurecht und verfügt auch noch über viele seiner langjährigen handwerklichen Fähigkeiten (hat noch vor kurzem in meinem Beisein einen Heizlüfter fachgerecht repariert). Uns was für mich besonders rätselhaft ist, ist die Tatsache, dass er manchmal noch weiß, was die Nachrichten vor kurzem gebracht haben, usw. Und dann wieder das Vielfachfragen mit ein und derselben Frage. Welch eine seltsame Krankheit! Bei Neorodegeneration erwartet man ja den irreversiblen Verlust der Erinnerungsfähigkeit, aber das dieses zuweilen wieder intakt sein kann, ist schon sehr merkwürdig. Offensichtlich laufen im Gehirn Kompensationsprozesse ab. Vielleicht kann daraus sogar ein neues Therapiekonzept erwachsen, wenn man dem mal näher nachgeht.
M.E. muss fachkompetente Pflegeunterstützung nicht erst einsetzen, wenn der Kranke sich nicht mehr alleine anziehen kann, usw. sondern bei diesen Krankheiten viel früher, denn es kann ja einer 78-jährigen, selber unter Hüftleiden, Katarakt und Glaukom leidenden Frau nicht zugemutet werden, sich Tag für Tag auch noch fortgesetzt „nerven“ zu lassen. Ich habe mittlerweile schon mehr Mitleid mit meiner Mutter als mit meinem Vater, zumal ich erste kleine Anzeichen einer egozentrischen und rücksichtlosen Wesensveränderung an ihm bemerke. Das könnte bedeuten, dass sich die Krankheit bereits zum OFC „vorgefressen“ hat. Wenn Vater zum „Phineas Gage“ werden sollte, wird eine Heimeinweisung nicht zu umgehen sein. Ich hoffe, dass es niemals dazu kommen wird. Es ist zum Verzweifeln.
Gruss
Egon-Martin
Hallo, habe ja geschrieben das mein Vater auch Alzheimer hat und meine Mutter Pakinson mit mittelschwerer Demenz. Mein Vater haut immer ab, aber immer wo sein Elternhaus ist und sucht seine Eltern. <da weiß ich immer wo ich zu suchen habe. Er uriniert überall in der Wohnung hin und manchmal auch Groß.Ich spiele auch schon mit dem Gedanken einer Heimunterbringung. Aber Mutter ist dagegen. Im Juni muß ich ins Krankenhaus,da habe ich sie zur Kurzzeitpflege, ich will schauen das ich Vater gleich drinnen lasse, wenn ein Zimmer frei ist. Aber der Schritt ist ziemlich schwer für mich.Aber Vater ist zur Zeit auch ziemlich aggressiv.Wenn mann ihn beim Pinkeln erwischt und sagt das er auf die Toelette soll, sagt er es ginge mich nichts an wo er hinpinkelt.Grüße kahncool


Liebe Leona,
Danke für Deine Worte. Wohlwissend, dass Mutter und ich nicht die einzigen sind, die derlei zu ertragen haben, ist es mir doch immer wieder ein Trost, solche konkreten Worte zu lesen.
Ja, die langen Nächte. Ich habe in dieser Nacht auch noch viel nachgedacht, gegrübelt und gelesen ohne zu einem tragbaren Ergebnis gekommen zu sein. Anhand einer Liste mit noch zu erledigenden Dingen werde ich versuchen, alles noch in der kommenden Woche zu erledigen. Allerdings gibt es auch Sachen, die terminlich nicht nur von mir abhängen - mal sehen, ob ich da telefonisch was regeln kann. Ursprünglich hatte ich Mitte oder sogar Ende Juni für meinen nächsten Besuch im Visier, aber das wird jetzt wohl doch eher Anfang Juni werden. Meine Abwesenheit, die Vater v.a. davon abhalten sollte, in uns zwei "verbündete Gegner" oder ein Paar, bei dem er zu Besuch ist, zu sehen, hat wohl auch nichts gebracht. Vielleicht sind mehrere Kurzbesuche (2 bis 3 Wochen statt 5 Wochen) sinnvoller? So weit ist ja Bremen nicht vom Wohnort meiner Eltern entfernt. Ich dachte auch schon an wöchentliches Pendeln - wird aber sehr teuer.
LG
Egon


Hallo Kahncool,
ja, bei solchen sich häufenden Vorkommnissen halte ich auch eine Heimunterbringung für grundsätzlich angebracht. Aber - wie mir Leona mal ganz richtig schrieb - bitte nichts überstürzen. Bitte das Heim gut und kritisch ansehen, bevor es soweit ist. Sie wollen ja ohnehin erst mal die Kurzzeitpflege nehmen. Wenn Sie Ihren Vater dort öfters besuchen, sehen Sie ja, wie es da läuft.
Wie an den Beispielen, die v.a. Leona und H.W.Papa schilderten, zu sehen ist, kann alles mit einem falschen Heim noch viel schlimmer kommen als eine nervenaufreibende Pflege zu Hause (die man mit Besuchen eines Pflegedienstes, sonstige Haushaltshilfen und ggf. Medikamenten mildern kann). Denn das die rein physische Abwesenheit des Kranken beruhigend wirkt, kann sogar ich mittlerweile verneinen, denn täglich mache ich mir Sorgen - nicht ganz zu Unrecht, wie das letzte Vorkommnis geziegt hat.
LG
Egon-Martin


Aktueller Bericht über den Zustand meines Vaters, wie er sich mir bei meinem letzten Besuch (bis 09.07.09) darbot:
Gesamteindruck: unverändert, jedoch Magengeschwür entdeckt und mit mehrwöchentlicher Dauermedikation von Pantoprazol vmtl. geheilt. Am 22.07.09 ist Nachuntersuchung via Gastroskopie. Weglaufen hat in den letzten drei Wochen nachgelassen obwohl Tendenz weiterhin besteht.
Aphasie: Versteht zunehmend etwas völlig anderes als das Gesagte und vermischt das mit Konfabulationen. Wortfindungsstörungen weiterhin leicht progedient.
Apraxie: unverändert, aber hin und wieder etwas neben der Toilettenschüssel uriniert. Der Bitte, im Sitzen zu urinieren, kommt Vater nicht nach – ist ihm wohl zu „weibisch“
Agnosie: außer am Anfang meines Besuches scheint diese v.a. in Bezug auf Mutter etwas nachgelassen zu haben – kann aber auch Fassade sein (diese wäre dann aber neu „errichtet“ worden).
Wahrnehmungsstörungen, Illusionen, Halluzinationen, Wahnideen: unverändert, aber etwas weniger Reden über Diebstahl und die Schlechtigkeit der Menschen
Aggressivität: stieß mich einmal beiseite mit den Worten „Hau ab“, sonst keine Tätlichkeiten, aber zeitweise große Rücksichtslosigkeit anderer Art
Depressionen: derzeit etwas rückläufig v.a. bei der zeitweise wieder aufgenommenen Gartenarbeit bei Sonnenschein
Ängste: derzeit ebenfalls etwas rückläufig
Eigen- und Fremdgefährdung: Derzeit Rückgang des Weglaufens, sucht aber wieder verstärkt Gegenstände in Schränken („Wühlerei“) und fummelt an allerlei Dingen herum – bislang gehört der E-Herd noch nicht dazu.
Medikation: Bei der RR-Messung niedrige Herzfrequenz (Bradykardie) entdeckt. Der Hausarzt hat daraufhin die Tagesdosis Bisoprolol (Beta-Blocker) von 2,5 auf 1,25 mg abgesenkt. Vorübergehend wegen des Ulcus ASS abgesetzt und Pantoprazol am Morgen gegeben. Jetzt Pantoprazol-Behandlung eingestellt und wieder – aber verringerte Dosis (100 mg statt 200 mg) – ASS nach dem Mittagessen eingeführt. Alles andere unverändert.
Wie im „Galactose-Thread“ versprochen, haben Mutter und ich mit der Galactose-Behandlung begonnen. Zunächst hatte ich drei Tage lang je drei hohe Dosen alleine genommen um etwaige Nebenwirkungen (z.B. auf die Verdauung) festzustellen. Das blieb ohne Befund und nachdem ich auch Lactoseintoleranz oder gar Galaktosämie ausschließen konnte, begann die „Behandlung“ Vaters mit Galactose und Traubenzucken am 22.06.09. Seitdem erhält er täglich drei Dosen Galactose zusammen mit Dextropur in seinem Tee. Bei aller Vorsicht fällt auf, dass ab der Galaktosebehandlung tatsächlich – wie hier auch angedeutet – eine leichte Verbesserung eintrat. Ich werde dazu im entsprechenden Thread berichten. Der Hausarzt (einer der besten Internisten in der Kleinstadt und Umgebung) hält übrigens nicht viel davon; das sei ja nur Zucker – so sein Reden. Aber er hat es auch nicht untersagt.
Physisches Allgemeinbefinden: Verbessert, da Bauchschmerz verschwunden. Gastroskopie ohne Betäubung gut überstanden. Mit dem intakten, aber auch durch die AMD angegriffenen Auge kann Vater noch – mit Brille – lesen (abgesehen von den demenzbedingten Schwierigkeiten bzgl. der Semantik). Kliniktermin AMD: 03.09.09 (enorme Terminvorlaufzeiten bei Ophtalmologen).
Nächtliches Umherwandern: Vater steht auch weiterhin öfter nachts auf – aber bislang keine dramatischen Vorkommnisse; lässt sich derzeit durch Reden beheben
Weglauftendenzen: Deutlich zurückgegangen – überraschenderweise nach Gabe von Galactose! Zwar spricht Vater weiterhin davon, dass er nach Hause, zur Arbeit oder seine Eltern besuchen will; aber die Umsetzung dieser Vorhaben lässt sich im Vergleich zum letzen mal und auch zu Beginn meines Besuches diesmal leichter durch Reden vereiteln. Stand er sonst oft nach jedem Mittagessen, Teetrinken, usw. alsbald mit Jacke und Mütze bekleidet in Zimmer um sich zu verabschieden (manchmal ging er auch einfach so oder mit zornigem Gesicht) so kam es in den letzten 2 bis 3 Wochen nicht einmal mehr dazu. Ob das nur eine Phase ist oder die Phase des Weglaufens ohnehin zuende geht oder eben doch der Einfluss der Galactose zutrifft (immerhin seltsam nach so kurzer Zeit der Gaben), bleibt abzuwarten. Vor der Glactosebehandlung hatte Vater sogar noch einen Rekord in Sachen Weglaufen aufgestellt. Er war an einem Tag dreimal weggelaufen, fand aber auch alle dreimal wieder eigenständig zurück – er war insgesamt ca. 5 Stunden (!) außer Haus.
Prosaischer Teil:
Die ersten zwei Tage (während meines Besuches) ging es einigermaßen moderat zu. Dann begannen wieder die Tageswanderungen (das Weglaufen) Vaters. Es herrschte wieder einmal eine starke Stimmungslabilität vor, die an bipolarer Depression erinnerte ohne eine solche zu sein. Das schlimmste Ereignis kam mit einem Spaziergang Mutters mit Vater. Der Weg führte an einem Elektrogeschäft vorbei und Vater meinte plötzlich, er müsse dort hinein und fragen, ob sein Rasierapparat schon bezahlt sei. Mutter vereitelte das durch Reden und hatte – wie sie mir nachher erzählte – Angst wegen der Peinlichkeit eines solchen Auftrittes Vaters. Daraufhin verfinsterte sich die Miene Vaters und er lief schnell davon. Mutter rief, aber Vater beachtete sie nicht. Wieder zuhause angekommen, saß Mutter, in Tränen aufgelöst in der Küche und meinte, sie hätte tot umfallen können und Vater hätte das nicht gekümmert. Ich spürte einen kurzzeitigen brennenden Hass auf Vater. Dann aber, als die Tränen langsam verflossen und Mutter sich auch über die ständigen Nervereien beklagt hatte und die dauernde Hinnahme von Undank jeden Tag, begann ich behutsam auf sie einzureden. Ich setzte ihr auseinander, dass sie ruhig in das Geschäft hätten gehen können und das es ganz und gar nicht peinlich ist, wenn sich ein Demenzkranker seltsam verhält. Viele Menschen wissen um diese Krankheit, haben oft selber einen Angehörigen oder Bekannten, der davon betroffen ist. All das wusste Mutter ja schon, aber es tat sicher gut, derlei immer mal wieder zu erwähnen. Ich habe danach verstärkt in Geschäften, die Vater aufsuchen könnte, aufgeklärt und bin immer auf Verständnis gestoßen. Er möge ruhig kommen; man würde ihm schon sagen, was er hören möchte und ihn somit beruhigen. Dieses teilte ich Mutter mit und das nächste Mal wird sie auch mit Vater in ein Geschäft gehen.
Nach dem Einsatz von Galactose kam es zu einer leichten Verbesserung. Ob wirklich dadurch oder nicht – wird sich noch zeigen. Allerdings gab es doch noch ein negatives Ereignis danach, dass mir kurz berichtenswert erscheint. Eines Tages nach dem Mittagessen ging Vater wie gewohnt zur Toilette im Obergeschoss des Hauses. Dann fiel uns auf, dass er sehr häufig spülte. In der Annahme eines technischen Defektes ging ich nach oben, klopfte vorsichtig an die Tür zum Bad und öffnete. Vater stand gebückt neben der Toilette und bewegte den Spülstein an der Halterung hin und her während er immer wieder die Spültaste betätigte. Auf meine Frage, ob etwas kaputt sei, stieß er mich leicht mit der Hand weg mit den Worten „Hau ab“. Dann ging er mit den Worten „Ich hau ab“ an mir vorbei, blieb aber im oberen Flur stehen. Ich ging schweigend nach unten, um zu sehen, ob er mir folgt und wirklich wegläuft. Er blieb stehen und nach einer Weile kam er herunter, ging etwas im Haus umher und beruhigte sich dabei wieder. Das war trotz der kleinen Aggression immerhin ein Fortschritt gegenüber früheren Verstimmungen – damals ging er oft sofort und mit Nachdruck außer Haus.
Und natürlich gab und gibt es die vielen kleineren Ereignisse, die ich hier gar nicht mehr näher erwähne wie z.B., als Vater schon um 17h00 sich umständlich auszog und zu Bett wollte, dann wieder anzog (es war nur ein Kleidungsstück, dass er alleine noch beherrschte) und wieder auszog – einige Male hintereinander bis er dann durch Zureden endlich damit aufhörte und in das Wohnzimmer kam. Oder sein mürrisches Verhalten beim Arzt, als er im Sprechzimmer außer „Hat ja doch alles keinen Zweck“ nichts sagte und den Arzt nur finster ansah und fortan schwieg.
Ich hingegen habe mir eines der beiden ortsansässigen Pflegeheime mal näher angesehen und ward positiv überrascht. Meine Fragen und das Einstreuen von Fachbegriffen der Pflege, welche ich mir vorher angeeignet, kamen gut an. Man hat offensichtlich Ahnung, arbeitet nur in wenigen und gefährdenden Akutsituationen mit Psychopharmaka und das auch nur nach Einverständnis des Betreuers bzw. des Vormundschaftsgerichtes. Die Räumlichkeiten sind ansprechend und barrierefrei. Die Pflegleiterin zeigte mir u.a. Gerätschaften mit bunten Farben und kam auf Snoezelen zu sprechen. Dann sah ich den schönen Garten, der wie ein kleiner Park angelegt ist, mit Rundlauf und eine Pseudobushaltestelle für die Kranken, die unbedingt wegfahren wollen – während sie auf den Bus warten, vergessen sie ihr Vorhaben und man hat Konflikte vermieden. (Und einen Tipp bekam ich auch noch: Niemals einen Demenzkranken um 180 Grad wenden, sondern in einer Runde umkehren!). Noch fähige Kranke können bei der Gartenarbeit mitwirken, usw. Aber auch für Kranke , die keinen Rasenmäher mehr richtig bedienen können, gibt es einen alten Rasenmäher, mit denen sie dann ohne Motor den Rasen „mähen“ zu ihrer Zufriedenheit. Man verfährt nach dem Prinzip, den Kranken ihre Illusionen so weit wie möglich zu belassen. Mit einem Wort: Man kümmert sich und setzt nicht auf ständiges Sedieren. Besonders positiv ist mir aufgefallen, dass man mir nicht sogleich einen Dauerpflegevertrag aufschwatzen wollte sondern zunächst Kurzzeitpflege empfahl. Das entsprach ja auch meiner Strategie und das dieses von Seiten der Heimleitung empfohlen wurde, habe ich natürlich sehr begrüßt. Ich ließ mir einen Satz Formblätter mitgeben, kopierte diese und füllte die Kopien – soweit möglich – bereits als Muster für Mutter aus, falls ich mal nicht zugegen sein kann. Einige dieser Formulare muss ohnehin der Arzt ausfüllen, der dem Heim übrigens wohlbekannt ist (kleinstädtisches Milieu hat auch Vorteile). Somit ist also ein erster kleiner Weg ins Heim geebnet. Es ergibt sich allerdings das Problem, wie man es Vater beibringt, in Kurzzeitpflege zu gehen. Einen defekten Rasenmäher durchschaut er z.B. sofort. Vielleicht ist es, wie Mutter sagte: „Er ist noch nicht soweit.“ Dennoch braucht Mutter mal Abstand und Zeit für ihre eigenen gesundheitlichen Probleme und ich kann sie nicht ersetzen weil v.a. Vater mich nicht als Pfleger akzeptiert. Ich habe manchmal schon Mühe, auf Vater aufzupassen, wenn Mutter mal zum Friseur zur Dauerwelle geht. Im April hatte er mich mal angeschnauzt, ich hätte ihm gar nichts zu sagen, usw. Allerdings überlege ich mir gerade einen Trick: Ich könnte mir weiße Hose und Kittel besorgen – Stethoskop habe ich schon (bringe mir gerade mit Hilfe einer CD und eines Buches die Auskultation bei) – und als „ärztlicher Pfleger“ auftreten.
Soweit für diesmal.
LG
Egon-Martin
Hallo, habe ja von meinen Eltern geschrieben. Meine Mutter hat ja Parkinson mit mittelschwerer Demenz und Vater hatte Alzheimer. Schreibe hatte, weil mein Vater gestern gestorben ist. Wegen sein Herz. Mußte vor ein Paar Wochen ins Krankenhaus, und hatte meine Eltern zur Kurzzeitbetreuung gegeben. Nach einen Tag wurden sie aggressiv, weil das Personal meinen Vater tadelte weil er überall hin urinierte. Nachts ging er in die anderen Zimmer, und machte dort auch hin und wollte heim. Meine Mutter wurde auch aggrssiv, weil sie Vater in Schutz nahm. Meine Mutter biss und schlug auch mal zu, und mein Vater biss auch mal zu. Nach zwei Tagen kamen sie in die Psychatrie.Vater und Mutter wurden wieder eingestellt, vor allen Vater. Meine Mutter wurde nach einer Woche entlassen. Habe sie in ein Pflegeheim getan, wo ich auch einen Platz für meinen Vater hatte.Aber meinen Vater mussten sie mit schweren Beruhigungstabletten ruhigstellen.Er bekam dann Lungenenzündung, dann war es wieder besser. Aber seinen Aggressives Verhalten war auch noch nicht weg. Er sollte nächste Woche entlassen werden,aber jetzt machte sein Herz schlapp.Es ist besser so, weil er wäre für den Rest seines Lebens ruhiggstellt worden. Jetzt muß ich es meiner Mutter beibringen. Sie wird mir wahrscheinlich die Schuld an seinen Tod geben.Also bringen wir es hinter uns. Danke kahncool
Liebe kahncool,
Sie haben mein herzliches Mitgefühl. Wie Sie vielleicht gelesen haben, hat auch HWPapa ihren Vater verloren. Doch gerade bei Vorliegen einer schweren Demenzerkrankung muss man sich fragen, ob dem armen Kranken nicht Schlimmeres erspart geblieben ist. Die besten Wünsche für Sie und Ihre Mutter. Leona


Liebe Kahncool,
das ist schrecklich - gleich zweimal. Habe heute schon mein Mitgefühl für H.W.Papa geschrieben und meine das ebenso für Sie.
Herzliches Beileid!
Mit lieben anteilnehmenden Grüßen
Egon-Martin
Liebe Leona, vielen Dank. Für meinen Vater war es das beste, was ihm passieren konnte. Es wäre kein menschenwürdiges Leben mehr gewesen. Er nur noch unter schweren Beruhigungsmedikamenten gewesen. Also ein Pflegefall, so konnte er noch laufen bis zum Schluss.Grüße kahncool
Vielen Dank. Es war das beste für ihn. Es wäre kein Menschebwürdiges Leben mehr gewesen. Er wäre jetzt ein Pflegefall gewesen. So hat ihn der Tod erlöst.Alles Gute noch für Ihren Vater. Grüße Kahncool


Nachdem Vater auch nach ausgeheiltem Magengeschwür jetzt über Schwindelgefühle klagte und es wohl ohnehin Zeit wurde, nach mehr als 2 Jahren Acetylcholinestersehemmereinsatz dieses abzusetzen (eine merkbare Wirkung war davon kaum mehr zu spüren) hat der Hausarzt jetzt Memantine (Axura) verordnet. Dieses Medikament wird ab morgen in wöchentlichen Schritten von 5 auf 20 mg eingeschlichen. Danach wieder Arzttermin. Galaktose wird weiterhin gegeben.
Morgen fahre ich auch wieder zu meinen Eltern.
Bei Telefonaten wirkt Vater aber schon jetzt besser als sonst, geht öfter selber an den Apparat, dankt für den Anruf, usw. Gravierende Vorkommnisse scheint es bislang auch nicht gegeben zu haben. Mal sehen, ob Axura hilft oder "verschlimmbessert". Es sind ja sogar Aussagen im Internet zu finde, die erst nach 6 Monaten und dann auch nur leichte Verbesserungen versprechen. Das hört sich nicht gut an, auch nicht die (NW) Möglichkeit des Auftretens von Halluzinationen oder sogar wieder Schwindel. Ich denke an meinen Hausarzt (Gastroenterologe), der von allen diesen Inhibitoren und Antagonisten wegen der Nebenwirkungen nicht viel hält und diese nach reichlicher Erfahrung seinen AlzheimerpatientInnen gar nicht mehr verschrieb.
LG
Egon-Martin
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