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Forum: Alzheimer

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Mein alter Herr Eberhard


Ich werde ab jetzt immer mal wieder – so es mir die Zeit und eine intakte Elektronik erlaubt – immer mal wieder unter diesem Thread (der dann ein Folgethread wird) berichten, wie es meinen Vater ergeht. Das scheint mit ein gutes Vorgehen zu sein, welches auch für den Experten eine zusammenhängende Schilderung des Krankheitsverlaufes bei Morbus Alzheimer darstellt. Vielleicht ist es anderen von Nutzen.


Noch zu Weihnachten 2005 konnte ich mit meinem Vater ganz normal über alles mögliche sprechen, es waren keine Ausfallserscheinungen ersichtlich. Dann wurde er über Neujahr in eine Klinik zur Behandlung verengter Beinarterien eingewiesen und bekam nach einer erfolglos verlaufenden Dilatation (ein Ballon war während des Eingriffs geplatzt) einen Bypass. Aus der Narkose erwacht, zeigte Vater starke Desorientierungserscheinungen, die tagelang anhielten. Wieder zuhause, suchte er seinen Hausarzt auf und machte einen Test bezüglich Demenz, der aber negativ verlief. Auch besserte sich sein Zustand schnell, so dass meine Mutter und ich der Ansicht waren, dass es wohl Nebenwirkungen der Narkose oder anderer Medikamente waren, die vorübergehend eine demenzartigen Zustand hervorgerufen haben könnten.


Im Sommer 2006 jedoch kam es zu ersten Auffälligkeiten bzgl. angeblicher Briefe, nach denen Vater fast das ganze Haus absuchte. Er war der irrigen Ansicht, seine Krankenkasse habe ihm geschrieben, er müsse fortan Medikamente aus dem Ausland beziehen. Es stellte sich dann heraus, dass es ein kurzer Artikel in der Zeitschrift seiner Krankenkasse war, in dem über Medikamente aus dem Ausland nur berichtet wurde ohne eine Handlungsanweisung zu enthalten. Darüber hat er sich dann wieder beruhigt. Wenig später hat er dann meine Mutter gefragt, wer das denn von der Verwandtschaft sei, der bei ihnen zu Besuch ist. Damit war ich gemeint – sein Sohn. Selber darüber erschrocken, vergewisserte sich Vater über ein Hausarztbuch über Demenzen. Dann aber schien wider eine ganze Zeit lang Ruhe zu herrschen, alles verlief wieder normal.


Erst im Spätherbst 2006 fing es wieder an. Jetzt meinte Vater, fremde Menschen würden bei ihm in der Garage Dinge verstellen und sein Auto sei ausgetauscht worden. Wenig später meinte er das auch von seinem ganzen Haus. In Gesprächen hatte er zuweilen Wortfindungsprobleme, konnte aber das Gemeinte noch gut umschreiben. Alles in allem aber wirkte er noch überwiegend unauffällig bis auf diese „fixen Ideen“.


Im April 2007 wurde dann nach einem Besuch bei einem Neurologen mit anschließender Hirn-Tomografie vom Hausarzt die Behandlung mit einem Acetylcholinesterasehemmer begonnen. Diese Mittel bewirkte zwar keine Wunder, veränderte aber das Allgemeinbefinden meines Vaters merklich, so dass seine noch zu Ostern 2007 etwas stille und „muffelige“ Art verschwand und ich im Sommer einen fast wieder wie früher humorvollen Menschen vorfand. Leider blieben die fixen Ideen. Zwar erkannte er sein Auto und sein Haus wieder, hielt das nicht mehr für Dubletten, aber jetzt schlichen angeblich Diebe im Haus umher, die es vor allem auf sein Werkzeug abgesehen hatten. Vater begann jetzt mit sonderbaren Versteckaktionen und vieles, was sich einst in der Garage befand, kam auf den Dachboden. Selbst ein altes Kofferradio – an dem wohl kein Dieb seine Freude hätte – wurde versteckt.


Im November 2007 – letzten Monat – wurde Vater 80 Jahre alt und ich habe ihm einen neuen Rasierapparat, der in der Handhabung seinem alten entspricht, geschenkt. Machte er schon um seinen alten Rasierapparat, seiner Geldbörse und seiner neuen Brille einen grotesken Sicherheitskult (alles muss abends mit ins Schlafzimmer und mehrmals am Tage wird nachgesehen, ob es noch vorhanden ist), so steigerte sich dieses sonderbare Verhalten mit dem neuen Gerät noch. Zudem wiederholt Vater öfter eine Frage mehrmals hintereinander und wirkt allgemein unruhiger – jedoch nur selten nachts (manchmal steht er auf, weil er meint, zu Arbeit zu müssen). Man muss ihn auch oft mehrmals auffordern zum Essen zu kommen.
Alles das nervt zusehends meine 78-jährige Mutter und auch ich hatte schon Anwandlungen von Zorn in mir gespürt ob dieser vermeintlichen Sturheit und Begriffsstutzigkeit. Immer und immer wieder muss man sich selber sagen, dass dieses ja nicht absichtlich geschieht sondern Krankheit ist. Jedoch bleibt der langsam entstehende nervliche Schaden so oder so ein Schaden – ob Absicht oder nicht.


Ich versuche, meine Mutter zu bewegen, dem Hausarzt darüber Mitteilung zu machen und ggf. für Vater ein leichtes Neuroleptikum und für sich selber ein leichtes Tranquilanzium verschreiben zu lassen für Tage, an denen Vater besonders verwirrt ist. Aber meine Mutter hat einfach Angst, wenn beide beim Hausarzt sind, damit anzufangen, weil der alte Herr dann garstig und noch verwirrter reagieren könnte, denn m.E. schwindet bei Vater die Krankheitseinsicht („ist ja alles nicht so schlimm, ich kann doch noch so viel“). Tatsächlich ist Vater körperlich überwiegend noch fit für sein Alter, kommt noch gut mit Gartenarbeit, der täglichen Toilette und andere Routinen zurecht und verfügt auch noch über viele seiner langjährigen handwerklichen Fähigkeiten (hat noch vor kurzem in meinem Beisein einen Heizlüfter fachgerecht repariert). Uns was für mich besonders rätselhaft ist, ist die Tatsache, dass er manchmal noch weiß, was die Nachrichten vor kurzem gebracht haben, usw. Und dann wieder das Vielfachfragen mit ein und derselben Frage. Welch eine seltsame Krankheit! Bei Neorodegeneration erwartet man ja den irreversiblen Verlust der Erinnerungsfähigkeit, aber das dieses zuweilen wieder intakt sein kann, ist schon sehr merkwürdig. Offensichtlich laufen im Gehirn Kompensationsprozesse ab. Vielleicht kann daraus sogar ein neues Therapiekonzept erwachsen, wenn man dem mal näher nachgeht.


M.E. muss fachkompetente Pflegeunterstützung nicht erst einsetzen, wenn der Kranke sich nicht mehr alleine anziehen kann, usw. sondern bei diesen Krankheiten viel früher, denn es kann ja einer 78-jährigen, selber unter Hüftleiden, Katarakt und Glaukom leidenden Frau nicht zugemutet werden, sich Tag für Tag auch noch fortgesetzt „nerven“ zu lassen. Ich habe mittlerweile schon mehr Mitleid mit meiner Mutter als mit meinem Vater, zumal ich erste kleine Anzeichen einer egozentrischen und rücksichtlosen Wesensveränderung an ihm bemerke. Das könnte bedeuten, dass sich die Krankheit bereits zum OFC „vorgefressen“ hat. Wenn Vater zum „Phineas Gage“ werden sollte, wird eine Heimeinweisung nicht zu umgehen sein. Ich hoffe, dass es niemals dazu kommen wird. Es ist zum Verzweifeln.


Gruss
Egon-Martin

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Hallo Monty,
in Ihrem Beitrag lese ich, dass Ihr Vater von Exelon auf Reminyl umgestellt wurde. Ich erwäge diesen Wechsel bei meinem Vater schon eine Weile, weiß aber nicht genau,wie man vorgeht, wegen der Dosierung. Mein Vater nimmt seit längerer Zeit die Höchstdosis von Exelon, also 2x täglich 6.0. Wie geht man dann auf Reminyl über? Wie steigt man ein? Gibt es bei einer zunächst niedrigen Dosierung keine Rückschläge? Es wäre sehr nett, wenn Sie mir dazu Ihre Erfahrungen und Vorgehensweisen mitteilen könnten. Die Auffälligkeiten,die Sie ansonsten beschreiben - Misstrauen, Verkennung, Beschuldigung der nähsten Angehörigen, eigene Wohnung nicht erkennen usw. sind mir alle vertraut. Die Krankheit hat offenbar einen sehr parallelen Verlauf. Ich hoffe auf Ihre Antwort! Gruß Leona

  • (773 mal gelesen)
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Hallo Monty,


ich fürchte den Tag, an dem mein Vater vielleicht meine Mutter oder mich des Diebstahls bezichtigen wird, aber ich muss leider auch damit rechnen. Bislang sind die Diebe, die meinem Vater v.a. angeblich Werkzeug stehlen noch anonym. Es sind „Die“, die im Haus herumwandern, auch mal Sachen verstellen oder heimlich mit seinem Auto fahren. Dabei argumentiert mein Vater sogar noch ziemlich rational und „weiß“, dass eine Anzeige nichts nutzen würde, weil er keinen konkreten Verdacht und keine ausreichenden Beweise habe. Leider nutzt es aber gar nichts, an diese Argumentation anzuknüpfen um ihm diese fixe Idee zu nehmen.


Natürlich habe ich mir auch schon Gedanken darüber gemacht, ob nicht eines Tages Vater vielleicht sogar meiner Mutter und mir eines Komplotts gegen ihn verdächtigen könnte. Aus diesem Grunde reden Mutter und ich nie lange ohne Vaters Gegenwart zusammen und daher habe ich vorerst auch Abstände zwischen meinen Besuchen bei meinen Eltern gesetzt und telefoniere nie mehr als ein bis zweimal wöchentlich mit ihnen bei gleichzeitiger Dauerbereitschaft. Ich kenne zwar keine psychische Vorbelastung bei meinem Vater, die eine vielleicht latente Psychose via Demenz zum Ausbruch bringen könnte, aber Alzheimer ist dermaßen rätselhaft, dass man mit vielem rechnen muss. Meistens ist es m.E. aber nur psychosenähnlich.


Wir kennen ja alle Tage, an denen alles schief läuft und das fühlt sich dann oft so an, als hätte sich die ganze Welt gegen einen verschworen. Auch dürfte wohl jeder das Phänomen der Eifersucht kennen. Solche „miniparanoiden“ Erlebnisse sind uns geläufig. Dem Demenzkranken geht vieles daneben und so mag es sein, dass er seine Tage zuweilen so erlebt, als sei eine Art Verschwörung gegen ihn im Gange. Und wenn er oft Opposition erlebt, weil man immer wieder versucht, seine Fehler zu korrigieren („Aber das stimmt doch nicht, es ist ja so und so ...“, „Wo hast du denn nun schon wieder deine Brille gelassen?“, „Das hast du mir soeben zehnmal hintereinander erzählt.“), dann ist das für ihn verständlicherweise sehr frustrierend, denn er nimmt meistens seine Fehlleistungen nicht als solche wahr. Er muss ja zu dem Schluss kommen, dass alle gegen ihn sind und reagiert dann ungehalten.


Hinzu kommt noch die Angst vor dem Identitätsverlust. Man ist lieber noch unausstehlich als das man gar nicht ist. Vorwürfe und Schimpfereien zwingen die Umwelt dazu, sich mit dem Kranken zu beschäftigen und so wird er zum Mittelpunkt. Das aber sagt uns, dass wir uns mehr mit ihm beschäftigen müssen. Die echte Paranoia gehört zum Formenkreis schizophrener Erkrankungen, die allgemein durch starke Störungen des Selbsterleben gekennzeichnet sind. Der Paranoiker – so hat es mir ein Kenner einmal erzählt – fürchtet den Zusammenbruch seines Selbstes oder Ichs während bei anderen Schizophrenien dieser Zusammenbruch bereits erfolgt ist. Verfolgungs- oder Größenwahn dient dann der andauernder Bestätigung des Nochvorhandenseins eines tatsächlich nur noch sehr schwachen Ichs oder Selbst. Der Wille zur Macht setzt Ohnmachtsempfindung voraus. Demenzen und Schizophrenien sind nicht identisch, können aber in bestimmten Fällen einander ähnlich sein. Der Schizophrene leidet im allgemeinen nicht unter einer Degeneration der Neuronenpopulationen. Man vermutet da eher eine Störung des Neurotransmittergeschehens und bereits in den 50iger Jahren hat Humphrey Osmond – er prägte übrigens den damals noch wissenschaftlichen Begriff „Psychedelic“ - im Urin Schizophrener eine Substanz gefunden, die eine erstaunliche molekularstrukturelle Ähnlichkeit mit dem Halluzinogen Mescalin hat, was auf die serotoninergen Bahnen verweisen könnte, da diese Substanzen dem Serotonin ähneln und an den 5HT-Rezeptoren der Neuronen andocken (von denen es mindestens 17 verschiedene gibt).


Es hilft alles nichts – wir sind es, die sich dem Demenzkranken anzupassen haben, so weit das geht. Natürlich lassen sich derartige Symptome mit leichten Neuroleptika mildern und mit starken Mitteln ganz zum Verschwinden bringen (allerdings mit zunehmenden Nebenwirkungen). In dem von Dir beschriebenen Fall, liebe oder lieber Monty, würde ich ein leichtes Neuroleptika empfehlen plus Validation. Das zu entscheiden, ist aber Sache des Arztes.


Ich wünsche uns allen alles Gute, vor allem eine nicht nachlassende Geduld. Vielleicht benötigen wir ja eines Tages auch eine solche Geduld von anderen, denn Alzheimer ist weiter im Vormarsch.


Gruss
Egon-Martin

  • (779 mal gelesen)
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Lieber Monty,
bitte schreiben Sie mir doch nochmal wegend er Umstellung von Exelon auf Reminyl. Die Vorgehensweise/Dosis wäre wichtig. Ich hatte vor ein paar Tagen schon einmal angefragt. Ich würde mich wirklich freuen,wenn Sie antworten.Gruß Leona

  • (858 mal gelesen)
  • Status: Med-Insider SternSternStern

Stand erste Febuarwoche 2008


Bin soeben von einem Besuch bei meinen Eltern zurückgekehrt. Es ist folgende Verschlimmerung eingetreten:


Ein bis zweimal pro Woche ist Vater in den späten Nachmittags- und Abendstunden völlig desorientiert. Es fängt wie gewöhnlich damit an, dass er drängelt. Gewöhnlich drängelt er auf frühes Zubettgehen noch vor 21 Uhr. Jetzt kommt es gelegentlich vor, dass er sagt, "wir müssen jetzt aufbrechen und nach Hause". Manchmal geht er zuvor zur Garderobe und kommt mit Mütze ins Wohnzimmer. D.h. er erkennt zeitweise nicht das Haus, in dem er seit zig Jahren wohnt. Einmal - so erzählte es mir meine Mutter - sei er pötzlich nach dem Mittagessen verschwunden (davon hatte sie mir - wohl um mich nicht zu beunruhigen - am Telefon nichts gesagt). Zum Glück fand er aber selbstständig zurück und konnte sogar angeben, wo er langgelaufen war.
Die abendlich Desorientiertheit ist schlimmer und man muss Vater fast ins Schlafzimmer "bugsieren". Zum Glück wird er nicht aggressiv. Am nächsten Morgen ist er dann wieder fast der Alte - oft voller Humor, wenn auch gelegentlich mit Wortfindungsstörungen, Verwechslungen und was dergleichen - von uns mittlerweile schon als "normal" eingestuften ´- kleinen Defizite mehr sind.


Das Reminyl nimmt er morgens und ich hege den leisen Verdacht einer nachlassenden Wirkung am Abend. Ich habe Mutter den Tip gegeben, mit Vater eine Runde um den Block zu machen, wenn er wieder los will, da mir Mutters dauendes "aber du bist doch zuhause" eher kontraproduktiv erscheint. Leider habe ich manchmal den Eindruck, dass auf mich - ich bin ja auch "nur" das Kind - nicht so recht gehört wird.


Kommende Woche ist wieder Arzttermin und ich habe Mutter eingeschärft, alles dem Arzt zu sagen auch wenn Vater dabei ist und ärgerlich werden sollte. Sie hat sich einige Notizen gemacht. Vielleicht wird die Medikation umgestellt. Auch habe ich Mutter empfohlen, sich selber eine leichtes Sedativum (vielleicht einen leichten Tranquilizer - nicht Rohypnol oder ähnliche "Hämmer" - als Notanker) verordnen zu lassen. Derzeit habe ich Johanneskrauttee, Lecithin, und andere nicht verschreibungspflichtige Mittel gekauft. Dieser "Nervennahrungstrunk" ohne Alkohol scheint Mutter sogar etwas zu helfen. Zusätzlich noch Vit-B-Komplex besorgt und empfohlen. Und da sind dann des Laien Mittel zuende.


Dennoch ist alles in allem der Zustand überwiegend noch stabil.


Egon-Martin

  • (802 mal gelesen)
  • Status: Med-Insider SternSternStern

Bin von meinem diesmal etwas längeren Besuch bei meinen Eltern zurückgekehrt.


Status: Keine komplette Desorientierung diesmal (im Februar wusste Vater zeitweise abends nicht mehr, wo er war), dafür aber merkliche Verschlechterungen in mehreren anderen Dingen. Stellt Tasse öfter neben Untertasse statt wie sonst darauf; tastet nach Lichtschalter, wo nie einer war; sprach einmal kurz von seinem Sohn als dritte Person zu mir; weist vermehrt Wortfindungsstörungen auf und verhaspelt sich öfter beim Reden; hat keinerlei Krankheitseinsicht bzgl. seiner Demenz mehr und wird sehr ungehalten, wenn man ihn darauf anspricht; hält hartnäckig an seiner Diebstahltheorie fest; man spiele ihm auch üble Streiche; wollte zweimal nach dem Nachmittagstee bzw. dem Abendessen aufbrechen ohne sagen zu können, wohin – aber ohne diese komplette Desorientierung wie im Februar, griff auch nicht zu Hut oder Mantel.


Medikation derzeit: Reminyl 16 mg, Aprovel 300 mg, halbe Bisoprolol, Asprin 200 mg, halbe Simvastatin 40 mg, vor dem Schlafengehen Nitrendipin AL10 nebst Tropfen und einer Salbe für seine seit Februar d.J. leicht entzündeten Augen.


(Vorgeschichte: Arteriosklerose, zwei Bypässe in den Beinen seit Ende 2005 – nach dieser OP massive Desorientierung, die aber wieder komplett abklang um dann ganz langsam Mitte 2006 wieder zu beginnen. Die Arteriosklerose könnte als systemische Erkrankung an der Demenz beteiligt sein. Der „Black-Out“ noch Tage nach der OP könnte durch das Narkosegas Isofluran ausgelöst worden sein auf der Grundlage bereits bestandener aber noch unauffälliger Neurodegeneration; Vater konnte z.B. schon eine ganze Zeit lang vorher nicht mehr riechen, was er aber auf ungeschicktem Umgang mit Säure beim Hofreinigen zurückführte – dieser Umstand kam mir erst spät in den Sinn)


Blutwerte – letzte Erhebung vor 10 Tagen – sind ausgezeichnet, also Beibehaltung der Medikation und des Lebensstils auf Anraten des behandelnden Arztes.


Positiv: Bis auf zwei Tage war Vater überwiegend in heiterer Stimmung, zuweilen humorvoll bis zur Blödelei. Dabei entwickelt er manchmal merkwürdige Assoziationen mit Buchstabenumstellungen. So machte er spontan aus dem Wort „Reiseleiter“ das Wort „Leisereiter“ und lachte sich, dieses sogleich bemerkend, fast schief. (Mich erinnerte das an mich selber vor mehr als 30 Jahren bzgl. der Wirkung eines gerauchten Joints.) Die Uhr kann er auch noch lesen, was mir auffiel, als er plötzlich einmal sagte, es sei schon fast vier Uhr (der kleine Zeiger unserer Stubenuhr stand auf vier und der große kurz vor der Zwölf). Da hatte ich zuvor Bedenken und wagte nicht, ihn zu testen, so dass ich froh war, ihn von sich aus plötzlich solch eine korrekte Zeitangabe machen zu hören. Auch kam das Gespräch mal wieder auf die Vergangenheit und erstaunlicherweise war Vaters Redefluss fast einwandfrei, als er von seiner Zeit als jugendlicher Segelflieger erzählte. Bis ins Detail konnte er das Cockpit dieser einfachen Segelflugzeuge von Anfang der 40-iger Jahre erklären, erzählte von Thermik, seinem ersten Alleinflug und sogar von einem lustigen Malheur, das passierte, als ein Flugschüler etwas unvorschriftsmäßig landete und an einer Feldtoilette zum Stehen kam. Konfrontiert man ihn aber mit alten Bildern (spätere vom Ende der 50-iger Jahre mit Mutter, Vater mir und anderen), kann er weder sich noch andere darauf erkennen. Zeitung liest er manchmal – aber nicht immer – leidlich gut, was ich merke, wenn er einen ihm interessanten Artikel vorliest. Allerdings verliest er sich immer mal wieder und kommt zuweilen etwas ins Stocken. Einen kleinen unauffälligen Test habe ich mir schließlich doch noch erlaubt. Ich wollte wissen, wie man zu einem bekannten Gebäude in unserer Kleinstadt kommt, gab vor, das vergessen zu haben. Vater hat es dann ganz gut erklärt – nicht perfekt, aber ausreichend um das Gebäude zu finden. - Übrigens war es meinem Vater klar, dass nicht der Dalai Lama an den Unruhen in Tibet schuld war. Dieser – so sagte er – könne ja nun wirklich nichts dafür und bemühe sich doch um den Frieden. Völlige Klarheit hier – Konfusion bei angeblich verschwundenen Dingen und Kleinigkeiten im Haushalt.


Merkwürdig: Diese fixe Idee mit den mysteriösen Dieben hat er schon seit mehr als einem Jahr und wiederholt Schilderungen, sie gesehen und sogar mit ihnen gesprochen zu haben fast detailgetreu genau so, wie im letzten Sommer. An dieser Idee scheint er fest zu halten, denn im letzten Sommer war ja noch Krankheitseinsicht da; aber von einer Verbindung dieser fixen Idee mit seiner Demenz wollte er schon damals nichts wissen. Merkwürdig ist das deshalb, weil es den üblichen Befunden bei AD zu widersprechen scheint, nach denen das Gedächtnis sukzessive im Verkauf der Krankheit nachlässt.


Alles in allem habe ich den Eindruck, dass mein Besuch v.a. Mutter etwas entlastete und aufmunterte. Ich konnte sogar erreichen, dass Vater an manchen Abenden nicht schon vor 21 Uhr zu Bett wollte, so dass wir gemeinsam etwas länger reden und einen alten Film ansehen konnten, in denen Lieder vorkamen, die Vater auch gut kannte und zuweilen sogar mitsang. Das freute insbesondere Mutter. Ich werde sehr bald wieder hinfahren, habe schon angefangen mehr und mehr Kleinigkeiten von mir in meinem alten Zimmer zu deponieren. Über Vaters Demenz können Mutter und ich nur reden, wenn Vater nicht im Zimmer ist – das ist ein großes Handicap. Ich setze Mutter dann auseinander, was in Notfällen und zukünftig evtl. zu tun ist, denn es wird ja der Tag kommen, an dem Pfegeunterstützung, Tagespflege und Vollzeitpflege notwendig werden – so kein Wunder geschieht. Auch versuche ich Mutter Ängste zu nehmen für den Fall, dass sie in ein Krankenhaus muss, indem ich immer wieder darauf verweise, keine beruflichen Verpflichtungen mehr zu haben und fast jederzeit kommen kann (für einige Sachen muss ich mir noch was einfallen lassen, Nachsendungsanträge, usw.). Vater würde ja schon jetzt seine Medikamente vergessen oder in falscher Reihenfolge nehmen, wenn Mutter nicht immer alles in kleinen Tagesschubern bereitstellt. Auch legt sie ihm jeden Morgen die Wäsche hin. Alles andere kann Vater zum Glück noch alleine, hilft auch im Haushalt – lässt sich manchmal aber auch wie ein Pascha bedienen, was er früher nicht tat.


Soweit mein Bericht für diesmal.


Liebe Grüße an die Leser
Egon-Martin

  • (826 mal gelesen)
  • Status: Senior Moderator

Hallo EgonMartin,
willkommen zurück!
Alles in allem liest sich Ihre Schilderung doch recht positiv und gibt Anlass zur Hoffnung. Jeder Fall verläuft anders - manche schreiten nur sehr langsam voran, besonders wenn Unterstützung und Versorgung optimal sind.In vielen Kleinigkeiten fühle ich mich immer wieder an meinen Vater erinnert, der sich leider im Pflegeheim sehr verschlechtert hat. Mir steht am 8.4. eine harte Auseinandersetzung mit dem Geschäftsführer BRD und dem Heimleiter bevor. Möglicherweise habe ich mich in meinen Anschuldigungen zu weit aus dem Fenster gelehnt - wenngleich ich meine,die Wahrheit zu sagen (siehe mein Thread zu Pflegeheimen), aber es ist schwer,Missstände konkret zu beweisen (z.B. die nicht erlaubte Gabe von Neuroleptika). Es steht Aussage gegen Aussage und ich habe meine Heimatgemeinde auf die Missstände aufmerksam gemacht, da auch hier bei uns ein neues Heim geplant ist und sich der genannte Träger beworben hat...Mein Schreiben hat schnell die Runde gemacht und nun habe ich den Träger an der Backe. Ich komme mir vor, wie David gegen Goliath.Denken Sie an mich am 8.April! Gruß Leona

  • (820 mal gelesen)
  • Status: Med-Insider SternSternStern

Hallo Leona,


David gegen Goliath ist doch ganz wunderbar - damals hatte der Legende nach nämlich der kleine David gewonnen. Gleiches wünsche ich Ihnen auch. Ich würde auch mal in Richtung Antidiskriminierungsgesetz schauen - das soll ja auch die Alten und Behinderten schützen. Nicht erlaubte Medikationen sollten sich auch nachweisen lassen und könnten strafrechtlich relevant sein. Ich werde mir Ihren Thread - er ist ja noch angewachsen - mal in Ruhe durchlesen und dann ggf. dort noch was schreiben.


Gruss
Egon-Martin

  • (774 mal gelesen)
  • Status: Med-Insider SternSternStern

Soeben mit meinen Eltern telefoniert, zuerst mit Mutter, dann mit Vater. Nach etwas Smalltalk mit Vater, in denen leichte Stockungen vorkamen, meinte dieser dann, dass sie nach dem Teetrinken wieder zu ihrem Haus zurückfahren würden; sie seien derzeit woanders. Das Haus sei nicht ihr Haus. Dann sagte er, Mutter würde mir das erklären und gab den Hörer wieder zurück zu Mutter. Diese sagte nur, es sei ihr Haus und sonst sei nichts. Ansonsten überwiegend normaler Eindruck, Vater erkennt mich immer noch auch am Telefon, begrüßte mich mit meinem Vornamen und redet in seinem typischen Sprachstil.


Mit anderer Worten: Die reduplikative Paramensie scheint wieder aufzutreten. Diese Vorstellung eines verdoppelten Hauses trat bei Vater zum erstenmal im Januar 2007 auf, verschwand dann aber einige Zeit später wieder vollständig – ungefähr um die Zeit, an der Vater anfing, Reminyl (anfangs 8 mg, jetzt 16 mg) zu nehmen (April 2007).


Soweit diese kurze Info.


Gruss
Egon-Martin

  • (723 mal gelesen)
  • Status: Med-Insider SternSternStern

Aktuelles zur Lage daheim:


(Ich versuche, diesem Folgethread ein etwas „semiprofessionelles Gepräge“ zu geben und beginne mit Stichworten, die ich nachfolgend z.T. prosaisch erklären werden. Es geht nach wie vor um meinen 80-jährigen Vater, der von meiner nunmehr 79-jährigen Mutter und wochenweise auch von mir begleitet wird. Ich verwende z.T. Schulnoten, die aber keine Leistungsbewertung im schulischen Sinne darstellen sollen, sondern nur den Status aus meiner Laiensicht angeben: sehr gut bis ausreichend entspricht einem noch guten bis halbwegs gesunden Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Verhalten.)


Gesamteindruck: verschlechtert und auch nach außen hin auffälliger: ausreichend bis mangelhaft


Aphasie: Wortfindungsstörungen haben weiterhin zugenommen (ausreichend bis mangelhaft), bei Verwendung der plattdeutschen Sprache oder bei gesungenen Liedern aber noch befriedigend bis ausreichend (die Krankheit hat sich in den Broca-Wernecke-Arealen merklich ausgebreitet)


Apraxie: gering, zieht ab und an Pullover falsch herum an: ausreichend (Motorcortex intakt)


Agnosie: selten auftretend in Bezug auf Mutter und mir, häufiger bei Verwandte oder Bekannte, die Vater längere Zeit nicht gesehen hat: ausreichend bis mangelhaft (Defizite in Okzipital- und Temporalbereichen)


Wahrnehmungsstörungen, Illusionen, Halluzinationen: Vater sieht öfter, aus dem Fenster schauend in ca. 30 m Entfernung Gestalten hinten in der Sitzecke im Garten neben der Garage, obwohl dort nur ein Tisch, Gartenstühle, usw. stehen: ausreichend bis mangelhaft (Defizite in Okzipital- und Temporalbereichen)


Reduplikative Paramnesie: zeitweise auftretend in Bezug auf sein Haus, derzeit nach neuerlichem kurzem Aufflackern wieder verschwunden, arbeitet derzeit bewusst in seinem Garten seines Hauses: ausreichend


Capgras: nicht vorhanden, erkennt entweder gar nicht (selten) oder komplett Mutter und mich: befriedigend


Psychotische Störungen: paranoid in Bezug auf fiktive Diebe und anonyme Leute, die ihm Streiche spielen, noch erträglich: ausreichend bis mangelhaft (vmtl. dopaminerges System gestört)


Aggressivität: selten etwas verbal: befriedigend (u.a. Hypothalamus mit Nukleus präopticus medialis vmtl. noch intakt und normalfunktionierend)


Depressionen: manchmal etwa still in sich gekehrt, öfter aber humorvoll: befriedigend (serotoninerges System vmtl. noch intakt)


Ängste: Vmtl. verwoben mit den paranoiden Gedanken und den Wahrnehmungsstörungen: ausreichend bis mangelhaft (komplexe Interaktionen zwischen Amygdala und dem für bestimmte Demenzen charakteristischen hippocampal-septischen Defiziten)


Eigen- und Fremdgefährdung: Würde seine Medikamente (darunter aber keine, die zwingend alle paar Stunden genommen werden müssten) vergessen, wenn Mutter sie ihm nicht zu den richtigen Zeiten hinlegen täte, keine Gefährdung anderer: mangelhaft (Defizite durch Neurodegeneration v.a. in den Hippocampi, charakteristische Defizite im Nukleus basalis Meynert, acteylcholinerges System defekt)


Medikation: unverändert


Physisches Allgemeinbefinden: gut (Organschutz v.a. durch Cholesterin- und Blutdrucksenker)


Inkontinenz: keine: gut (basale Funktionen intakt)


Nächtliches Umherwandern: keines: gut (Tages-Nacht-Rhythmus noch intakt)


Hygiene: Toilette und Wäsche sauber: gut


Nähere (prosaische) Erklärungen gemäß aktueller Erlebnisse:


Nach meiner Ankunft war wie gewohnt die Stimmung gut. Ich bin offensichtlich immer wieder eine neue „Bewegung“ im etwas monoton gewordenen Alltag meiner Eltern, was sich v.a. auf Vater zunächst positiv auswirkte. In den Folgetagen wollte ich v.a. Vater im Garten helfen, was dieser aber nach kurzer Zeit schon nicht mehr so gut fand. So stellte er mir schon bald nach einigen Tagen abends die Frage, wann ich denn zurück nach Bremen fahren würde. Als ich darauf antworte, gerade erst gekommen zu sein und noch einige Tage zu bleiben gedenke, überraschte mich Vater mit einem „Schade“. Auf die Rückfrage meiner Mutter, was das denn zu bedeuten habe, meinte Vater, er könne sich dann ja wieder freier bewegen. Das versetzte meinem Herzen einen kurzen Stich, denn ich komme doch, um zu helfen, verzichte auf z.T. wichtige Dinge in Bremen deswegen. Auch wenn man um die krankheitsbedingten Fehlleistungen weiß, ist man doch nicht ganz immun gegen Verletzungen, zumal es sich ja um den eigenen Vater handelt. Ich war offensichtlich in meiner Hilfe zu weit gegangen, hatte mich unwissentlich wohl einengend verhalten. Folglich zog ich mich etwas zurück und besorgte hauptsächlich den Einkauf für Mutter nebst Hilfen im Haus.
Angesichts des alten klapprigen elektrischen Rasenmähers, den „natürlich“ irgendwelche „Spitzbuben“ verhunzt haben, beschloss ich, Vater ein neues Gerät mit gleicher Schaltung zu kaufen. Als ich ihm dann den von mir fertig montierten und einsatzbereiten neuen Rasenmäher präsentierte, reagierte Vater kaum dankbar und meinte nur, der sei ja wie der alte. Die Neuheit hat er aber dann doch akzeptiert. Er bekam dann noch einen neuen Rasentrimmer und eine neue Gartenschere sowie ein neues Verlängerungskabel nebst eineigen Kleinigkeiten, so dass er mit einer Menge neuer – aber in den Funktionen bekannten – Dingen seine geliebte Gartenarbeit machen kann.


Alles in allem bekommt die Gartenarbeit Vater gut – der lange Sonnenschein und die frische Luft (es gibt hier neuerlich ja einen Thread „Sauerstofftherapie“, der mir dabei einfällt und zu dem ich schon etwas geschrieben habe) sorgen vmtl. dafür, dass er abends länger aufbleibt. In der ganzen Zeit ist er nicht einmal auf die sonst häufige Idee gekommen, „nach Hause zu wollen“ – wie sie im Winter spät nachmittags oder abends gelegentlich auftrat. Sehr positiv überrascht war ich, als er spontan mittags sagte, es sei schon 20 nach 12 Uhr. Er hatte die Wanduhr exakt abgelesen. Derlei geschah noch zweimal und nur eine viertes Mal lag er um eine Stunde daneben, nicht jedoch bei den Minuten. Er trägt ja kaum noch eine Armbanduhr und es ist bekannt, dass Demenzkranke schon relativ früh mit den Winkeln der Zeiger durcheinanderkommen, so dass ich die exakte Uhrzeiterkennung bei Vater schon abgeschrieben hatte. Wir verlebten einige gute Tage und Abende und auch Mutters 79.Geburtstag verlief im Kreise der noch wenigen verbliebenen Angehörigen harmonisch. An Mutters Geburtstag waren wir mittags Essen gewesen und Vater machte einen guten Eindruck abgesehen von gelegentlichen Wortfindungsstörungen.


Als Vater einmal seine Rohrzange, mit der er kurz vorher noch die Gartenmöbel installiert hatte, vermisste, kam das Thema wieder auf die Diebe. Eine Suchaktion durch Mutter und mir, während Vater in der Veranda war, brachte die Zange wieder hervor (sie lag weit hinten in einer Küchenschublade), die ich dann Vater brachte. Daraufhin kam Vater kurz ins Grübeln (er muss wohl gemerkt haben, dass seine Verdächtigungen mal wieder auf höchst tönernen Füßen standen), setze sich und sprach eine Zeitlang wenig, was sich dann aber wieder verflüchtigte. Ich habe dann versucht, ihm eine Art Kompromiss anzubieten: Nur ein Teil wurde gestohlen, manches wurde nur verlegt. Er machte kein besonders glückliches Gesicht bei meinem Vorschlag.


Dann kam etwas Neues zum Vorschein: Vater „sah“, aus dem Wohnzimmer blickend, Gestalten hinten im Garten bei den Gartenmöbeln vor dem hohen Gartentor, welches meist verschlossen ist. „Da steht doch jemand. Ich sehe Kopf und Beine.“ Der Kopf stellte sich als eine Pflanze in einem Blumenkasten heraus und die Beine waren zwei kleine Blumenkübel, die Vater zuvor hinter dem Gartentisch gestellt hatte. Mit viel Phantasie und ohne Brille kann man daraus durchaus eine Figur konstruieren. Dieses Thema ließ in dann nicht mehr los. Immer häufiger reckte er, am Esstisch im Wohnzimmer sitzend, seinen Hals und starrte in Richtung Gartentor und immer häufiger sah er dort Männer, Frauen und sogar einmal einen kleinen Wagen. Das konnte ich auch mittels großer Phantasie nicht mehr nachvollziehen. Zwar sieht man durch einen Spalt zwischen Tür und Zaun manchmal leichte Bewegungen von Passanten, die vom einem nahegelegenen Parkplatz kommend, am Gartentor vorbeigingen, aber ob das ausreicht, ganze Szenerien daraus zu „gestalten“, mag fragwürdig sein. Ganz neu ist derlei aber auch nicht, denn er sah im Sommer letzten Jahres schon mal Gestalten im Gang neben unserem Haus laufen. Damals kam es zu einem kleinen Streit, weil Mutter und ich darauf noch völlig falsch reagiert hatten. Infolge des Streites hatte Vater sich ins Bett zurückgezogen, was aber am nächsten Morgen wieder ganz der Alte. Auch hier versuchte ich vorsichtig etwas Realität herzustellen und bat Vater, aus dem Fenster zu schauen, während ich mich in diese Gartenecke begab um nachzuschauen. Ich winkte Vater von dort zu und er winkte zurück. Als ich wieder ins Haus kam, waren die Gestalten natürlich weg und es war erst mal Ruhe. Am Folgetag aber wiederholte sich das und dann begann Vater, eine Verbindung zu sehen zwischen den vermeintlichen Diebstählen und den Gestalten. Diese Leute hätten die Absicht, sich sein Haus anzueignen, ihn zu vertreiben. Es handelt sich dabei um „jüngere Leute“ ohne nähere Angaben. Ich denke darüber nach und mir fällt der Cafegarten ein, der zwei Häuser weiter betrieben wird und in dem zu dieser Zeit reger Betrieb herrscht. Vor allem junge Leute sind dort zu Gast und manchmal ist der Lärmpegel etwas erhöht wie überhaupt zu dieser Zeit in der Kleinstadt, die in Konkurrenz zu anderen küstennahen Städten einiges bieten muss, um die Touristen anzulocken. Aber all das geschieht schon seit vielen Jahren. Es besteht in alledem ein rationaler Kern. Nur noch sehr wenige Privatwohnungen existieren in dieser längst zur Fußgängerzone gewordenen Straße und Vater hat schon vor vielen Jahren von einer Art „Verdrängungswettbewerb“ gesprochen. Ich nehme das mal wieder zum Anlass, um auf den Umzug in betreutes Wohnen hinzuweisen. Das Haus würde v.a. wegen der von Geschäftsleuten beliebten Lage keinen schlechten Preis erzielen, von dem sich möglicherweise ein guter Lebensabend mit optimaler Pflege finanzieren ließe. Andererseits ist es aber doch eine vertraute Umgebung und vieles ist schnell erreichbar. Hier dürfte am Ende wohl erst der Leidensdruck das entscheidende Wort sprechen. Mir liegt nichts am Erbe; ich verachte „Geldgeilheit“.


Bei meinen Einkäufen begegnete ich einer meiner beiden Tanten und diese meinte, dass Vater wohl „tüchtig abgebaut“ habe. Das ist eine interessante Aussage, weil meine Tante Vater seltener sieht als ich und daher ein eher grob gerastertes Bild hat. Ich bin ja jetzt immer öfter bei meinen Eltern und sehe die Entwicklungen in kleineren Schritten, wobei ich mich an die vielen kleinen Fehlleistungen bereits gewöhnt habe, die aber einem Menschen, der Vater nicht so häufig sieht, eher auffallen. Dennoch klagt zuweilen Mutter u.a. immer noch über die ständigen Wiederholungen wie nach dem Erwachen das mehrmalige Fragen „Hast du gut geschlafen?“ (wie eine Schallplatte mit Sprung).


Vater rasiert sich jetzt nur noch in der Küche oder im Wohnzimmer – kommt vielleicht mit dem Spiegel im Bad nicht mehr zurecht (ich spreche ihn darauf nicht an und lasse in machen). Neulich behauptete er, die Plastikabdeckung des Scherkopfes seines neuen Rasierapparates, den ich ihm letztes Jahr zu seinem 80.Geburtstag schenkte, sei verschwunden und fing an, danach zu suchen. Der Rasierer hatte nie eine solche Abdeckung sondern wird in einer Kunststoffschatulle aufbewahrt, deren Form genau den Apparat aufnimmt, so dass gar kein Raum für eine solche Abdeckung besteht (der alte Rasierer hatte allerdings eine solche Abdeckung). Nach Demonstration dieses Umstandes gibt Vater die Suche mürrisch auf und betreibt weiterhin seinen Kult mit Rasierapparat, Brillen und einigen Papieren.


Ich bemerke leichte Depressionen bei mir. Vor allem tauchen durch das vermehrte Anwesendsein im elterlichen Haus auch ungute Erinnerungen in mir auf. Alte Konflikte, die ich vor vielen Jahren mal mit meinen Eltern – besonders mit Vater – hatte, schleichen sich v.a. nachts in meine Erinnerungen. Es gelingt mir gottseidank, dieses zu bewältigen – aber ich brauche auch die Zeiten in meinem eigenen Haus. Aber auch hier kreist mein Denken fast täglich um das Befinden meiner Eltern. Es gibt Tage, an denen ich nicht einmal mehr das Wort „Gehirn“ hören mag. Aber wie sangen schon Sonny and Cher? „The Beat goes on!“


Soweit für diesmal.


Liebe Grüße an alle LeserInnen
Egon-Martin

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  • Status: Senior Moderator

Hallo EgonMartin,
schön, dass Sie wieder da sind.
Ihr Bericht berührt mich - bei aller Sachkenntnis spüre ich,wie wichtig Ihnen Ihr Vater ist. Aber alles in allem ist sein Zustand offenbar zur Zeit sehr stabil.Ich melde mich in Kürze ausführlicher. Bin derzeit sehr mit dem Umzug in die Wohngemeinschaft beschäftigt. Am Donnerstag ist es schon so weit. Meine mühsam gebündelten Kräfte werden schwächer...aber ich habe das Ziel schon vor Augen! Hoffentlich wird dort alles besser und das Schicksal gibt mir ein kleines Dankeschön zurück.
Alles Liebe


Leona

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03.12.07 14:23 EgonMartinMein alter Herr Eberhard - Folgethread
07.12.07 02:15 leonaRe: Mein alter Herr Eberhard - Folgethread
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16.11.09 12:55 kondorRe: Mein alter Herr Eberhard - Folgethread
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24.11.10 08:59 EgonMartinES WIRD SCHLIMMER
30.12.07 15:49 BerlinRe: Mein alter Herr Eberhard - Folgethread
31.12.07 13:03 EgonMartinRe: Mein alter Herr Eberhard - Folgethread
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06.11.09 19:43 EgonMartinRe: Mein alter Herr Eberhard - Folgethread
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