GELESEN:
Ein Buch, das ich hilfreich finde, um einmal ein Gefühl zu bekommen, wie die Innenwelt eines an Demenz Erkrankten aussehen kann. Die Autorin hat mit Ihrem kranken Vater, einem Wissenschaftler und Schriftsteller, zusammen das Buch "geschrieben". Sie hat häufig die Begegnungen auf Band aufgezeichnet, so dass ein sehr authentisches Lebensbild entstand, das mir auch zeigt, wie der Kranke sich zwar mehr und mehr aus unseren vertrauten Vorstellungen entfernt, aber dennoch auf seine ganz eigene Art das Wesen des Menschseins behält.
Stella Braam: "Ich habe Alzheimer. Wie die Krankheit sich anfühlt." Beltz Verlag 2007. 192 Seiten. 17,90 EUR
Umschalgtext: "Ein Alzheimerkranker erzählt, wie die Krankheit ihn immer mehr in ihren Sog zieht. Wie denkt er wirklich? Was kann ihm helfen? Was lässt ihn verzweifeln? Ein solches Buch hat es noch nie gegeben: nur möglich durch die besondere Nähe zwischen zwei Schriftstellern, Tochter und Vater, die gemeinsam über die Krankheit des Vaters schreiben.
Renes Welt verändert sich dramatisch; jeden Tag kämpft er mit unzähligen Hindernissen. Drei Jahre lang begleitet Stella Braam ihren Vater und gibt so Einsicht in die Lebenswelten von Demenzkranken. Bei aller Tragik die lebendige und zu Herzen gehende Geschichte eines streitbaren Mannes, der aufsteht gegen den Notstand in der Altenpflege und die Ratlosigkeit unserer Gesellschaft im Umgang mit alten und kranken Menschen."
>> ZITAT AUS DEM BUCH (Seite 97-101); © Beltz Verlag 2007:
"René ist am Telefon. Er hat Neuigkeiten: »Ich hatte zwei Schlaganfälle.« Als ich einige Stunden später zu ihm komme, schläft er in seinem Sessel. Er schreckt auf und meint: »Ich machte ein Nickerchen.«
»Habe ich dich geweckt?«
»Ein Nickerchen ist schnell gestört.«
Erneut spricht René von den beiden Schlaganfällen. »Das erklärt vielleicht mein seltsames Verhalten«, sagt er. »Ich kann viele Sachen nicht mehr machen und das kommt von diesen Schlaganfällen.« Hat er sich erschreckt? Ach nein, meint er. »Um mich sind lauter Neurologen. Nur der Arzt fehlt.«
Der Ton seiner Pflegeakte wird pessimistisch: »Herr van Neer weiß wirklich nicht mehr, was er macht und wo er ist.« »Ich muss hier ständig auf der Hut sein«, meint René in der »Uni-Mensa« des Heims, in der wir eines Morgens Kaffee trinken. Mit zitternden Händen führt er die Tasse zum Mund. Er hat schlechte Nachrichten: »Man hat meinen Computer gestohlen und meine Akten mitgenommen. Ich fürchte, dass ich Anzeige erstatten muss.« Er stellt die Tasse neben der Untertasse ab und fährt fort: »Man sieht Dinge, die nicht passieren dürften. Würde mir mein Verstand helfen, könnte ich es erzählen.«
Er starrt in die Ferne. Es folgt eine Unheil verkündende Mitteilung: »Mein System zersetzt sich. Ich kann mich nicht mehr für mich selbst verbürgen.« Als ich weiterfrage, sagt er: »Letzte Woche und die Woche davor hat sich die Bedeutung verändert. Die Formulierungen aber sind gleich geblieben. Ich habe in meinem Kopf eine Kehrseite entdeckt. Als wäre ich nicht ganz bei Trost.«
Abends ruft er mich an. »Hallo, liebe Tochter, hier ist dein Sohn.« Seine Stimme bebt. »In meinem Zimmer standen fremde Leute. Was soll ich machen? Ich ... es sieht so aus ... man muss ... Polizei?«
»Sag es nur«, ermuntere ich ihn.
»Sagen?« Er stößt einen Schrei aus. »Genau das kann ich nicht mehr.«
René ist sicher, dass er mit Einbrechern zu tun hatte. An jenem Abend schreibt er: >Mittel gegen Todesangst.<
Am folgenden Tag wird in seiner Pflegeakte notiert: »Herrn van Neer bitte beim Brotschmieren helfen. Er versteht nichts mehr.« An jenem Tag scheint die Sonne und René schwitzt in seinem Zimmer. Die Fenster sind zu, die Heizung an. »In der Luft ist zu wenig Bewegung«, meint René. »Weißt du, wie ich es hier abkühler bekommen kann?«
Ich reiße die Fenster auf, schalte die Heizung aus und frage: »Lust auf Fleischsalat?«
»Meinst du so ein Becherchen? Gern.« Die zehn Salatbecher, die gestern noch in seinem Kühlschrank lagen, sind leer. Essen ist sein Trost.
Hier und da liegen Socken und Hausschuhe. Der Schreibtischstuhl steht vor der Spüle. René: »Ja, hier ist Chaos. Das rührt natürlich daher, dass ich hier alles allein machen muss. Ich kann nicht irgendjemanden bitten: >Mach du es für mich.< Hier ist niemand, der mir sagt: >Du musst dort und dort hin.<«
An der Wand hängt ein Kalender mit seinen Terminen. Es hilft kaum. »Richtige Gedächtnisfanfaren«, nennt es René. Er zählt auf. »Du musst den und den holen und der kommt dann, und ihr geht dann, und danach, und so weiter. Das geht nur, wenn man zu zweit ist.«
Wie kann ich ihm helfen? Er denkt nach. »Ich hätte am liebsten einen Kollegen, der sich um das Essen kümmert«, meint er.
»Aber du bekommst hier drei Mahlzeiten am Tag.«
»Drei? Das vergesse ich ständig und konsequent. Verrückt!«
Er sieht bedrückt aus. »Irgendwo in meiner Wohnung steckt ein wartender Patient.« Er wisse nicht, wo, aber es handle sich auf alle Fälle um eine Frau und es sei gegen seinen Willen geschehen. »Es ist nicht folgendermaßen gegangen: Setzen Sie sich, hier ist ein Stück Papier, lassen Sie Ihren Gedanken nur freien Lauf.«
»Kann ich die Patientin sehen?«, frage ich ihn.
»Höchstwahrscheinlich. Aber vielleicht hat einer von diesem Club schon einen Termin mit ihr. Das Buch wird ständig geschlossen. Es ist gut möglich, dass sie hier irgendwo liegt und sich kaputtlacht oder aber andächtig zuhört und mitdiskutiert.« Aber die verborgene Patientin kommt nicht zum Vorschein. René: »Ich vermute, sie ist zum Laden gegangen, um Zigaretten zu holen.«
Er glaubt des Öfteren, jemand sei in seinem Zimmer. Erst vor kurzem noch war er sich ganz sicher, dass unter der Spüle ein Baby liege. Er ging hin und befühlte die Falten des kleinen Vorhangs. »Nein, kein Baby. Ich habe es mir eingebildet«, meinte er erstaunt.
René hat auch gute Nachrichten. »Abends und nachts wird weniger herumgelaufen«, meint er erleichtert. Er schlafwandelt nicht mehr. »Ich lief nachts manchmal im Bett hin und her«, erklärt er. »Hin und wieder ging ich nachts schlafend durch die Stadt. Immer zum Kaufhaus V&D. Das ist dann natürlich zu. Irgendwie schaffe ich es doch, hineinzukommen. Naiürlich fasse ich nichts an, sonst wären die Puppen am walzern.
René trinkt seine Kaffeetasse schnell leer und stellt sie mit einem Knall auf den Tisch. »Auf!« Er starrt durch das Fenster und sagt: »Ich bin fröhlich, doch auch immer kurz davor, zu explodieren.« Im gleichen Atemzug. »Wie kann ich dich davon überzeugen, nichts mehr aufzuschieben? Betrachte das Leben als eine lange Aufschubfunktion. Was man auch tut, es geht immer um die Frage: Schiebe ich es auf oder unternehme ich etwas?«
Er legt sich aufs Bett und streckt die Arme mit umklammerten Händen in die Luft. »Herrlich.«
»Wo bist du, Papa?«
»Am Schalter.«
Er steht auf, legt die Hand auf meine Schulter und meint: »Daher hast du also deine Energie. Ich fühle es schlagen. Gib mir auch ein so junges Herz.«
Am letzten Samstag im April ruft meine Freundin Maud an. Gegen zehn Uhr vormittags ist sie bei René zu Besuch gewesen. Ach traf ihn völlig verstört an«, meint Maud. »Er saß mit nacktem Oberkörper in seinem Sessel und zitterte vor Kälte. Er hatte noch nicht gefrühstückt.«
Was war passiert? Sein HVP sollte ihn an jenem Morgen versorgen. Aber René wehrte sich mit Händen und Füßen: Er könne sich selbst anziehen. »Wie Sie wollen.« Und weg war der Pfleger.
Seitdem hat René zu seinem HVP kein Vertrauen mehr. Obwohl er nicht mehr genau weiß, was sich abgespielt hat, hat er ein ungutes Gefühl. »Vor dem Langen da musst du dich in Acht nehmen. Er hat es auf mein Geld abgesehen«, vertraut er mir an.
Eines Morgens steht dieser Lange wieder in seinem Zimmer. »Guten Morgen, Herr van Neer, kommen Sie mit mir duschen?«
Mit klopfendem Herzen und dem Geldbeutel in der Hand geht René ins Badezimmer. »Legen Sie ihren Geldbeutel kurz weg?«, fragt sein Pfleger. Seinen Geldbeutel? Das Letzte, was er noch hat? Auf keinen Fall!
»Aber Herr van Neer, dann wird er doch nass.«
René: »Lassen Sie mich in Frieden. Dort ist die Tür.«
»Gehen Sie doch bitte unter die Dusche.«
Aber René lässt sich nicht erweichen. Der Pfleger hat sich in eine sinnlose Diskussion manövriert. Er holt eine Kollegin hinzu. Eine »Handlangerin«. Zwei gegen einen, René fühlt sich in die Ecke gedrängt. »Raus hier!« René bückt sich, fasst das kleine Regal, das neben dem Waschbecken steht und schleudert es in Richtung seiner beiden Verfolger.
Eine halbe Stunde später trifft Cees ihn zitternd an, während in seiner Pflegeakte notiert wird: »Herr van Neer reagiert ziemlich aggressiv bei der Versorgung.«
Noch Tage später beschäftigt René der »Badezimmerraub«. Es drängt ihn, darüber zu sprechen. »Es kam jemand herein und der schaute mich an. Er schielte auf meinen Geldbeutel. Es kam zum Streit, es wurde gekämpft. Es passierte hier irgendwo. Der eine hielt den anderen fest und man zog aneinander ... Ich hatte das Gefühl, dass ich gerade etwas erlebte, sehr stark ... dass ich mit Händen und Füßen ... Geschirr würde ich sagen.«
»Dass du etwas geworfen hast?«
»Dass ich etwas von mir abgestoßen habe.« Das Regal, das er seinen »Verfolgern« entgegenschleuderte? Seinem Gefühl nach ist er sogar gefallen. »Man wollte nicht sagen, warum ich da lag. Aber alle standen um mich herum.«
Er bezeichnet es als »beängstigende« Erfahrung. »Ich habe nach einer Erklärung gesucht, damit ich besser begreifen kann, was passiert ist. Es war so seltsam, grundlos. Ein schrecklicher Albtraum. Könnte die Engeltheorie Anhaltspunkte bieten?«
Ist es wirklich geschehen oder nicht? Hat er den Badezimmerraub geträumt? Er weiß es nicht. »Lange war es wirklich.« Aber jetzt verschmelzen Traum und Wirklichkeit und René fragt sich, ob es der Mühe wert ist, in Erfahrung zu bringen, »ob die Traumheit mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Es scheint, als träume ich unablässig. Das ist lästig, denn ich weiß nicht mehr, was wirklich passiert ist«. Über diese Frage zerbricht er sich oft den Kopf. »Ein Traum ist auch ein wenig wirklich« meint er. »So stoßen zwei Wirklichkeiten aufeinander.«"