Depression: Tipps & Hilfe für Angehörige

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (08. Mai 2017)

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Eine Depression kann den Alltag völlig umkrempeln. Das gilt nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für Angehörige. Der geliebte Mensch ist plötzlich nicht mehr "der Alte". Wichtig ist in einer solchen Situation zum einen, den Betroffenen so gut wie möglich zu unterstützen – und zum anderen, die eigenen Grenzen zu erkennen und sich bei Bedarf Hilfe zu holen.

Wer einen depressiven Menschen in seinem Umfeld hat, ist möglicherweise unsicher, wie er mit der Erkrankung umgehen soll. Sollte man besonders fürsorglich sein? Oder lieber so tun, als habe sich nichts verändert? Hilft es vielleicht, wenn man den anderen ermuntert, sich "zusammenzureißen"? Angehörige, die sich hilflos fühlen oder Gefühle von Aggression bei sich bemerken, müssen sich dafür nicht schämen oder selbst verurteilen. Vielmehr sind solche Reaktionen ganz normal. Genau wie der Betroffene muss auch der Angehörige erst lernen, mit der Depression umzugehen. 

Das Patentrezept für Angehörige gibt es sicher nicht. Orientierung bieten jedoch einige Regeln, die sich beim Umgang mit Betroffenen bewährt haben.

Tipp 1: Depressionen gehören in die Hände eines Profis

Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, brauchen mehr als Trost und Zuspruch – sie brauchen professionelle Hilfe, insbesondere, wenn die Depression mittel bis schwer ausgeprägt ist. Wer als Angehöriger versucht, die Rolle eines Therapeuten einzunehmen, stößt schnell an seine Grenzen. Überlassen Sie diese Aufgabe einem Profi: Falls noch nicht geschehen, sollte ein Arzt oder Psychotherapeut hinzugezogen werden.

Das heißt jedoch nicht, dass die Unterstützung des Angehörigen überflüssig ist! Viele Depressive suchen lange Zeit keinen Therapeuten auf. Das kann viele Gründe haben: Zum Beispiel kann sich der Betroffene schlichtweg nicht aufraffen, weil ihm der Antrieb fehlt. Oder die Person glaubt, dass man ihren Zustand eh nicht ändern kann. Hier kann der Angehörige Hilfestellung leisten. Motivieren Sie den Betroffenen beispielsweise dazu, sich in Behandlung zu begeben. Machen Sie in Absprache mit ihm einen Termin, wenn ihm selbst die Kraft dazu fehlt. Und wenn er es möchte, begleiten Sie ihn zum ersten Termin. Nicht zuletzt spielen Angehörige eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, den Alltag bewältigen zu müssen.

Wichtig: Handeln Sie nicht hinter dem Rücken des Betroffenen, etwa indem Sie ohne Absprache einen Termin ausmachen.

Tipp 2: Nehmen Sie den Betroffenen und seine Erkrankung ernst

"Wenn man sich ein bisschen zusammenreißt, geht’s bald besser". So denkt mancher, der noch nie mit dem Thema Depression in Kontakt gekommen ist. Doch diese Ansicht ist ein Trugschluss. Depressionen haben nichts mit mangelnder Motivation, einer negativen Laune oder gar Faulheit zu tun. Vielmehr sind sie eine ernst zu nehmende Erkrankung. Pessimistische Äußerungen, Antriebslosigkeit oder ständiges Klagen sind mögliche Beschwerden, die zum Krankheitsbild dazugehören. Was für Außenstehende übertrieben wirken mag, nimmt der Erkrankte ganz anders wahr. Für ihn sind seine Beschwerden und negativen Ansichten ganz real. Wichtig ist daher, die Erkrankung nicht zur Bagatelle zu erklären, sondern zu versuchen, sich in den geliebten Menschen hineinzuversetzen.

Tipp 3: Ablehnung kann Teil der Krankheit sein

Es kann passieren, dass eine nahestehende Person auf Hilfsangebote ablehnend oder vielleicht sogar unwirsch reagiert. Da kann es dem Angehörigen schwerfallen, ein solches Verhalten nicht persönlich zu nehmen. Jedoch sollte man sich klarmachen, dass ablehnende Reaktionen häufig Teil der Krankheit sind und nicht als persönliche Beleidigung gemeint sind.

Auch wenn sich der Betroffene abwendet: Bleiben Sie an seiner Seite. Möglicherweise kann er momentan einfach nicht zeigen, dass er Ihre Hilfe braucht. Manchmal kann es für das Miteinander hilfreich sein, wenn Sie dem anderen Ihre eigenen Sorgen und Ängste mitteilen und ihm vermitteln, wie es in Ihnen aussieht. Wichtig dabei ist, dem Betroffenen keine Schuldgefühle zu machen.

Allerdings gibt es Grenzen: Nicht jede grobe oder gar beleidigende Äußerung eines Depressiven rechtfertigt sein Verhalten. An dieser Stelle ist es wichtig, dem anderen klarzumachen, wenn eine Grenze überschritten wurde.

Vielen Depressiven fällt es schwer zu zeigen, dass Sie Hilfe brauchen. © iStock

Vielen Depressiven fällt es schwer zu zeigen, dass Sie Hilfe brauchen.

Tipp 4: Kleine Entscheidungen unterstützen, große Entscheidungen vertagen

"Esse ich Nudeln oder Kartoffeln?" Solche Fragen können für einen schwer depressiven Menschen zur Qual werden, denn oft fällt es ihm schwer, selbst kleinste Entscheidungen zu treffen. Erleichtern Sie ihm die Auswahl, indem Sie mit ihm gemeinsam das Für und Wider besprechen. Dabei ist es egal, ob es um scheinbar banale Fragen wie etwa die nach der Essensauswahl geht.

In Bezug auf die kleineren Dinge des Alltags ist es richtig, die nahestehende Person zu einer Entscheidung zu motivieren. Große Zukunftsentscheidungen – etwa, den Job zu wechseln oder umzuziehen – sollte man jedoch besser vertagen! Der Grund: Depressive haben oft eine verzerrte und pessimistische Sichtweise und würden möglicherweise eine andere Entscheidung treffen, wenn sie wieder gesund sind.

Tipp 5: Nicht alles abnehmen, aber so weit wie nötig helfen

Für schwer depressive Menschen stellen schon die kleinsten Aufgaben eine riesige Hürde dar. In ausgeprägten Fällen kann selbst der Gang zur Toilette zu einem fast unüberwindbaren Hindernis werden, weil die Antriebslosigkeit so ausgeprägt ist.

Sie können dem Betroffenen helfen, indem Sie ihm kleine Dinge abnehmen. Bieten Sie ihm zum Beispiel an, im Haushalt bestimmte Arbeiten zu erledigen, oder kümmern Sie sich um den Einkauf.

Aber: Was der Betroffene noch selbst erledigen kann, sollte er auch weiterhin tun, wenn es sein Zustand erlaubt. An Stellen, wo der Patient Eigeninitiative zeigt, sollten Sie ihn darin fördern und ihm Unterstützung anbieten, anstatt ihm Aufgaben abzunehmen.

Versuchen Sie, so gut wie möglich für den anderen da zu sein – aber achten Sie auch auf Ihre eigene Belastungsgrenze. © iStock

Versuchen Sie, so gut wie möglich für den anderen da zu sein – aber achten Sie auch auf Ihre eigene Belastungsgrenze.

Tipp 6: Vorsicht bei gut gemeinten Ratschlägen

"Das wird schon wieder. Reiß dich einfach ein bisschen zusammen". Solche Sätze können die negative Gefühlslage eines Depressiven unter Umständen noch verstärken, denn der Betroffene ist aufgrund der Erkrankung eben nicht in der Lage, sich einfach zusammenzureißen. In der Folge fühlt er sich womöglich noch unfähiger als ohnehin schon.

Als Außenstehender ist es oft nicht leicht, sich in die Lage eines Menschen zu versetzen, der an einer Depression leidet. Fest steht, dass eine Depression nichts mit mangelndem Zusammenreißen zu tun hat. Vielmehr sind Symptome wie Antriebslosigkeit, negatives Denken oder Entscheidungsunfähigkeit typische Anzeichen der Depression.

Statt gut gemeinter Ratschläge kann es zum Beispiel hilfreich sein, Verständnis zu zeigen und dem Betroffenen zu vermitteln, dass seine Depression wieder vorbeigehen wird.

Tipp 7: Denken Sie (auch) an sich!

Vergessen Sie bei aller Unterstützung die eigenen Bedürfnisse nicht! Dazu gehört auch, die eigenen Grenzen zu erkennen. Nur wenn Sie sich selbst nicht zu viel zumuten, können Sie auch dem Kranken so gut wie möglich helfen.

Manche Angehörige plagen Schuldgefühle, wenn Sie etwas Schönes unternehmen oder gute Laune haben. Ein schlechtes Gewissen ist allerdings unangebracht, denn es ist keinem geholfen, wenn Sie sich ebenfalls zurückziehen und genauso negativ auf die Welt blicken wie der Betroffene. Versuchen Sie ganz bewusst, sich hin und wieder etwas zu gönnen, und lassen Sie Freizeitaktivitäten nicht zu kurz kommen.

Tipp 8: Bei Überforderung selbst Hilfe holen

Wenn sich eine depressive Phase über Wochen und Monate hinzieht, kann dies für den Angehörigen eine erhebliche Belastung bedeuten. Die geliebte Person ist nicht mehr so fröhlich wie sonst, sie kann sich kaum noch zu etwas aufraffen, möglicherweise lässt sie keine Nähe mehr zu. All diese Veränderungen stellen eine Beziehung auf die Probe. Wenn Sie sich als Angehöriger mit der Situation überfordert fühlen, zögern Sie nicht, sich selbst Hilfe zu holen. Mögliche Anlaufstellen sind zum Beispiel

  • psychosoziale Beratungsstellen (z.B. Diakonie, Caritas),
  • sozialpsychiatrische Dienste,
  • der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. oder
  • Selbsthilfegruppen für Angehörige.

SeeleFon: Ein Angebot für psychisch Kranke und Angehörige

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. – kurz BApK – bietet Angehörigen und Betroffenen Hilfe. Unter den Nummern 0228 / 71002424 oder 01805 / 950 951 können Sie sich beraten lassen. Alternativ ist auch eine Beratung per E-Mail möglich. Auf seiner Website stellt der BApK außerdem viele weitere Informationen rund um das Thema psychische Erkrankungen zur Verfügung.

Was tun im Notfall?

Depressionen führen häufig zu Suizidgedanken, die manchmal auch geäußert werden. Als Angehöriger stellt sich die Frage, wie man mit möglichen Selbstmordabsichten des Betroffenen umgehen sollte.

Nehmen Sie Äußerungen über Suizid IMMER ernst!

"Wer Selbstmordabsichten äußert, tut sich nichts an" – diese Meinung haben viele Leute. Richtig ist aber: 8 von 10 Suiziden werden vorher angekündigt. Wenn ein Depressiver von Selbstmord spricht, muss das zwar nicht zwangsläufig bedeuten, dass er sich tatsächlich etwas antut – ernst nehmen sollte man eine solche Äußerung aber in jedem Fall!

Neben direkten Anspielungen auf einen möglichen Selbstmord kann es auch weitere, indirekte Anzeichen geben. Einige Beispiele:

  • Der Betroffene äußert Sätze wie "Das hat alles keinen Sinn mehr …"
  • Der Depressive ordnet wichtige Dokumente, schreibt sein Testament etc.
  • Der Betroffene verschenkt Dinge, die ihm wichtig sind.

Es kann auch vorkommen, dass ein Depressiver kurz vor einem Suizid(versuch) auffällig gelöst und ruhig erscheint, weil ihn seine Entscheidung erleichtert.

Das können Sie tun:

  • Wenn Sie den Verdacht haben, dass die Person suizidgefährdet ist, sprechen Sie sie direkt darauf an. Manchmal bietet eine Gesprächsgelegenheit dem Betroffenen eine erste Entlastung.
  • Lassen Sie die Person nicht allein und signalisieren Sie, dass Sie sich um sie kümmern.
  • Kümmern Sie sich in jedem Fall um professionelle Hilfe. Unterstützen Sie die Person dabei, den Arzt oder Psychologen aufzusuchen.

Rufen Sie bei akuter Selbstmordgefahr auf jeden Fall den Notarzt oder fahren Sie die Person in eine Klinik. Manchmal kann es zum Schutz des Betroffenen erforderlich sein, den Notarzt gegen seinen Willen zu holen, denn: Der Depressive ist krank und würde möglicherweise ganz anders handeln, wenn die depressive Episode abgeklungen ist.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Linktipps:

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK): Hilfe, Beratung und Betreuung für Angehörige und ihre erkrankten Familienmitglieder

Online-Broschüre der Deutschen Depressions-Liga e.V:: Depressionen: Ein Leitfaden für Betroffene und Angehörige (PDF)

SeeleFon: Ein Beratungsangebot des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

Quellen:

Online-Informationen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de (Abrufdatum: 8.5.2017)

Deutsche DepressionsLiga e.V.: Depressionen. Ein Leitfaden für Betroffene und Angehörige. Online-Publikation: www.depressionsliga.de (März 2015)

Stand: 8.5.2017