Urinuntersuchung (Urinanalyse): Historisches

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (29. Mai 2013)

Die Urinuntersuchung (Urinanalyse) ist ein historisches Diagnoseverfahren: Die Geschichte der Harnuntersuchung zum Aufspüren von Krankheiten reicht weit in die Vergangenheit zurück. Galen, einer der bedeutendsten Ärzte der Antike, maß dem Urin bereits im zweiten Jahrhundert nach Christi in seiner Säftelehre eine große Bedeutung bei. Galen war der Auffassung, das Blut würde durch Kochung aus dem Speisebrei in der Leber gebildet und diene so wohlbereitet der Ernährung des Körpers, während der Harn aus der überflüssigen Feuchtigkeit und den zur Nahrungsbildung ungeeigneten Stoffen entstünde. Galen ging davon aus, dass die Leber der Entstehungsort des von ihm auch "vehiculum nutrimenti" genannten Harns sei. Die Nieren dienten seiner Meinung nach dank einer ihnen innewohnenden anziehenden Kraft lediglich der Ausscheidung. Sichtbare Veränderungen des Harns bezog man deshalb zwar auf zahllose Krankheiten, in den seltensten Fällen jedoch auf Erkrankungen der Nieren. Der Einfluss Galens auf das medizinische Denken reichte bis weit in das 16. Jahrhundert hinein.

Im Mittelalter betrachteten Ärzte die sogenannte Harnschau (Uroskopie) als unfehlbare diagnostische Methode fast aller Krankheiten. Diese Urinuntersuchung galt als wichtigste ärztliche Tätigkeit, und das kolbenförmige Harnglas – die Matula – wurde zum Standessymbol der Ärzteschaft. Auch die Harnschau des Mittelalters setzte voraus, dass Krankheiten durch eine fehlerhafte Mischung der Körpersäfte entstehen – und dass dieser krankhafte Zustand im Harn sichtbar ist. Aus Farbe und Konsistenz des Harns schloss man auf die Säftemischung des Bluts: Dicker roter Urin galt zum Beispiel als Folge einer großen Blutfülle. Man unterschied bei der Urinanalyse 20 Harnfarben: von kristallklar über kamelhaarweiß, brombeerrot und fahlgrün bis schwarz. Die Konsistenz des Harns beschrieb man als dünn, mittelmäßig oder dickflüssig. Hinzu kamen zahlreiche im Urin enthaltene sichtbare Teilchen, sogenannte Contenta, wie Bläschen, Fetttröpfchen und sandartige, blattartige, kleieartige oder linsenartige Niederschläge in verschiedensten Farben.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich die mittelalterlichen Vorstellungen von der Bedeutung der als Harnschau bezeichneten Urinuntersuchung weiter. Man glaubte schließlich, dass alles, was den menschlichen Körper betrifft, im Harnglas wie in einem Spiegel zu sehen sei. Daraus ergaben sich Aberglaube und Missbrauch, die in der sogenannten Uromantie oder Harnwahrsagerei gipfelten.

In den folgenden Jahrhunderten führten neue Erkenntnisse über Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers zu einer Umbewertung – vor allem, was die Rolle der Nieren bei der Harnausscheidung betrifft. Ende des 18. Jahrhunderts gelang es, Methoden zu einer genaueren Urinuntersuchung zu entwickeln. Der englische Chemiker William Cruikshank (1745-1800) beschrieb beispielsweise die Albuminurie (Vorkommen von Eiweiß im Harn) als Zeichen einer Lebererkrankung. Mithilfe von Quecksilberchlorid konnte er bei Rheumatismus Harnveränderungen nachweisen. Hier erfolgte erstmals eine chemische Urinanalyse bewusst zum Nutzen der klinischen Medizin.

Der Londoner Arzt Richard Bright veröffentlichte 1827 die Erkenntnis, dass die Ausscheidung von Eiweiß im Urin und die Wassersucht als kennzeichnende Symptome für Erkrankungen der Nieren anzusehen seien. Die chemische Urinanalyse wurde zum festen Bestandteil der klinischen Diagnostik. In den 1840er Jahren kam die mikroskopische Urinuntersuchung hinzu. Seither fand eine zunehmende Technisierung der Harnanalyse statt. Heute reichen für Urinuntersuchungen geringe Urinproben, um mithilfe der daraus bestimmten Harnwerte in Laboren eine Fülle von Erkenntnissen zu möglichen Erkrankungen zu gewinnen.