Anamnese: Das Gespräch zwischen Arzt und Patient

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (12. Januar 2017)

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"Wo genau haben Sie Schmerzen?" "Wie lange haben Sie die Beschwerden schon?" "Wie schlafen Sie in letzter Zeit?" Solche oder ähnliche Fragen zur Krankengeschichte des Patienten gehören zu fast jedem Arztbesuch dazu und werden zusammenfassend als Anamnese bezeichnet.

Unter einer Anamnese versteht man ein Gespräch zwischen Arzt und Patient mit dem Ziel, möglichst viele Informationen zusammenzutragen, die für eine Diagnose wichtig sein könnten. Das Wort Anamnese ist griechischen Ursprungs (anamnesis) und bedeutet so viel wie "Erinnerung" – denn die Erinnerungen des Patienten sind ein wichtiger Baustein zur Diagnosestellung. Die Anamnese ist weit mehr als nur ein einführendes Gespräch mit dem Arzt. Schon vor der körperlichen Untersuchung können Details aus der Vorgeschichte des Patienten dem Mediziner wichtige Hinweise auf die mögliche Ursache von Beschwerden liefern. Eine sorgfältige Anamnese mit gezielten Fragen ist daher besonders wichtig.

Ein Beispiel: Eine junge Frau klagt über Übelkeit – ein Symptom, das viele verschiedene Ursachen haben kann, etwa eine Schwangerschaft, einen Magen-Darm-Infekt, Migräne oder auch einen Sonnenstich. Anstatt direkt verschiedenste körperliche Untersuchungen durchzuführen, ist es für den Arzt sehr hilfreich, seinen Verdacht gezielt einzugrenzen – mithilfe einer gründlichen Anamnese. So wird er beispielsweise wissen wollen, ob die Frau weitere Beschwerden hat, wie lange die Übelkeit schon anhält oder ob es möglich sein könnte, dass die Patientin schwanger ist.

Meist ist es der Patient selbst, der die Fragen des Arztes beantwortet (sog. Eigenanamnese), so zum Beispiel zu Vorerkrankungen, Allergien oder Risikofaktoren wie Rauchen. Eine Eigenanamnese ist jedoch nicht immer möglich – etwa, wenn es sich bei dem Patienten um ein Baby handelt oder um eine Person mit Demenz. In diesem Fall erkundigt sich der Arzt bei Angehörigen oder engen Bezugspersonen. Dieses Vorgehen bezeichnet man auch als Fremdanamnese.

Anamnesebogen

Zur Anamnese kann der Arzt auf einen Fragebogen zurückgreifen, den Anamnesebogen. Gerade, wenn der Patient zum ersten Mal in die Praxis kommt, kann ein Fragebogen hilfreich sein, in dem er allgemeine Informationen wie Alter, letzte Vorsorgeuntersuchungen oder Medikamenteneinnahme festhält.

Voraussetzung für eine gründliche Anamnese ist nicht nur, dass der Arzt aufmerksam zuhört und die passenden Fragen stellt – auch das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient spielt eine entscheidende Rolle, damit keine wichtigen Informationen verlorengehen.

Die Anamnese

Der Arzt stellt Fragen … Beispiel-Fragen
… zum Ist-Zustand: Fragen zu Art, Entstehung und Verlauf der aktuellen Beschwerden "Wo haben Sie Schmerzen?"
"Strahlen die Schmerzen in die Schulter aus?"
"Wie stark sind die Beschwerden?"
"Seit wann haben Sie die Beschwerden und wie haben sie sich entwickelt?"
"Haben Sie noch weitere Beschwerden?"
"Wodurch werden die Beschwerden besser / schlechter?" (z.B. Wärme / Kälte, Nahrungsaufnahme …)
… zu allgemeinen vegetativen Körperfunktionen wie Schlaf, Appetit oder Körpertemperatur "Haben Sie in letzter Zeit auffällig viel Durst?"
"Wie ist Ihr Stuhlgang?"
"Fühlen Sie sich abgeschlagen?"
"Wie ist Ihr Appetit?"
"Wie schlafen Sie?"
"Haben Sie Fieber?"
… zu Medikamenteneinnahme (Medikamentenanamnese) "Welche Medikamente nehmen Sie zurzeit ein? In welcher Dosis?"
… zum Konsum von Genussmitteln "Wie viel Alkohol trinken Sie und wie häufig?"
"Sind Sie Raucher?"
… zu Erkrankungen innerhalb der Familie (Familienanamnese) "Sind in Ihrer Familie Allergien bekannt?"
"Haben enge Verwandte einen Herzinfarkt erlitten?"
"Gibt es Krebserkrankungen in Ihrer Familie?"
… zur sozialen Situation "Welchen Beruf üben Sie aus?"
"Sind Sie im Beruf einer hohen körperlichen oder psychischen Belastung ausgesetzt?"
"Gibt es in Ihrem Beruf Risikofaktoren für bestimmte Erkrankungen?" (z.B. Staubentwicklung)
"Was machen Sie in Ihrer Freizeit?"
"Treiben Sie Sport?"

Zusammen mit der körperlichen Untersuchung ist die Anamnese ein sehr wichtiges Hilfsmittel für den Arzt, um die richtige Diagnose stellen zu können.