Biorhythmus: Medikamente und Biorhythmus

Veröffentlicht von: Dr. rer. nat. Geraldine Nagel (18. Juli 2014)

Wie gut der Körper Medikamente aufnimmt, kann auch vom Einnahmezeitpunkt beziehungsweise vom Biorhythmus abhängen. Denn Medikamente werden nicht zu jeder Tageszeit gleich gut aufgenommen, da auch viele Körpervorgänge einem 24-Stunden-Rhythmus unterliegen. Mit diesem Phänomen beschäftig sich die sogenannte "Chronopharmakologie".

Beispiel: Eine örtliche Betäubung hält nachmittags länger an als morgens. Beim Zahnarzt wirkt die örtliche Betäubung mit Lidocain am frühen Nachmittag bis zu dreimal länger als am frühen Morgen.

Über den Mund eingenommene Medikamente werden vor allem im Dünndarm aufgenommen. Wie schnell Wirkstoffe dorthin gelangen, hängt davon ab, wie schnell sich der Magen entleert und wie gut der Magen-Darm-Trakt durchblutet ist.

Der Magen entleert sich in den Morgenstunden schneller als am Abend, während der Magen-Darm-Trakt eher nachts und frühmorgens gut durchblutet ist. Mittags lässt die Durchblutung dann wieder nach. Das hat zu Folge, dass morgens eingenommene Medikamente vom Körper meist schneller und in größerer Menge aufgenommen werden. Je nach Wirkstoff kann dadurch auch das Risiko für Nebenwirkungen steigen.

Weitere Organe, die die Wirkung von Medikamenten beeinflussen, sind die Leber, die wahrscheinlich ebenfalls einem Tag-Nacht-Rhythmus unterliegt, und die Niere. Die Niere produziert zum einen über 24 Stunden verteilt unterschiedliche Mengen an Urin – damit einher geht eine tageszeitlich wechselnde Filtrationsrate. Gegen Mittag ist die Urinmenge am höchsten, nachts am niedrigsten. Das heißt, nachts werden auch am wenigsten Wirkstoffe wieder ausgeschieden. Zum anderen verändert sich der pH-Wert des Urins im Laufe von 24 Stunden: Nachts ist er am niedrigsten, also am sauersten. Basische Wirkstoffe können nun vermehrt ausgeschieden werden, saure Wirkstoffe dagegen kaum.

Man sieht eine Uhr und verschiedene Medikamente. © Jupiterimages/iStockphoto

Der Biorhythmus kann Einfluss darauf haben, wie gut Medikamente wirken.

Bluthochdruck-Medikamente

Auch der Blutdruck verändert sich im 24-Stunden-Rhythmus. Bei Betroffenen, die einen Bluthochdruck ungeklärter Ursache (sog. primäre Hypertonie) haben, ist der Blutdruck zwar erhöht, verhält sich aber vom Tagesverlauf her im Prinzip genauso wie bei Gesunden: Er ist vormittags zwischen 9 und 10 Uhr am höchsten. Gegen Mittag folgt ein Tief, von dem aus er im Laufe des Nachmittags zum Abend hin wieder steigt. In der Nacht sinkt der Blutdruck dann um bis zu 15 Prozent ab. Personen, bei denen dieses nächtliche Absinken messbar ist, nennen Mediziner "Dipper" (von engl. dip = absenken). Die primäre Hypertonie ist die häufigste Form des Bluthochdrucks – sie liegt bei etwa 90 Prozent der Betroffenen vor.

Bei manchen Bluthochdruck-Patienten sinkt der Blutdruck nachts jedoch nicht ab (sog. "Non-Dipper") – meist handelt es sich hier um eine "sekundäre Hypertonie". Sie kann unter anderem Folge einer Nierenerkrankung, einer Stoffwechselstörung (z.B. Cushing-Syndrom) oder einer Medikamenteneinnahme (z.B. Antibabypille) sein.

Für Patienten kann es daher einen Wirkungs-Unterschied ausmachen, wann sie ihre Bluthochdruck-Medikamente einnehmen. Das gilt zum Beispiel für ACE-Hemmer. Nimmt man ACE-Hemmer abends ein, sinkt der nachts normalerweise ohnehin abfallende Blutdruck noch stärker. Je nachdem, ob man Dipper und Non-Dipper ist, kann daher ein unterschiedlicher Einnahmezeitpunkt sinnvoll sein:

  • Dipper: Eine ACE-Hemmer-Einnahme abends ist eher nicht zu empfehlen, da der nachts bei Dippern ohnehin niedrigere Blutdruck durch die Medikamente nun noch weiter sinkt. Als Folge kann es zu einer mangelnden Durchblutung des Gehirns kommen, wodurch sich das Schlaganfall-Risiko möglicherweise erhöht. Dipper sollten ACE-Hemmer daher besser morgens einnehmen.
  • Non-Dipper: Eine ACE-Hemmer-Einnahme ist abends sinnvoll, denn sie kann den in der Nacht erhöhten Blutdruck senken und damit normalisieren.

Falls Sie unsicher sind, ob Sie Ihre Bluthochdruck-Medikamente zum richtigen Zeitpunkt einnehmen, fragen Sie bei Ihrem Arzt noch einmal nach. Er kann Ihnen sagen, welcher Einnahmezeitpunkt für Sie ideal ist. Setzen Sie Bluthochdruck-Medikamente bitte nicht ab, ohne Ihren Arzt zurate zu ziehen!