Franziska Tiburtius

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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* 24. Januar 1843 in Bisdamitz (Rügen)

† 5. Mai 1927 in Berlin

Der Weg der Frau in die Medizin war beschwerlich und anfangs auch kämpferisch. In Europa gab es für studierwillige Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert lediglich in Zürich die Möglichkeit, ein Medizinstudium zu beenden und zu promovieren. Franziska Tiburtius erging es nicht anders: Weil in Deutschland das Frauenstudium verboten war, musste auch sie ins Ausland gehen. In Zürich studierte sie Medizin, promovierte und erwarb als erste deutsche Frau der neueren Zeit den Doktortitel (als erste Doktorin der Medizin in Deutschland gilt Dorothea Christiana Erxleben [1715–1762]).

Franziska Tiburtius wurde auf dem Gut Bisdamitz auf der Insel Rügen geboren. Nach dem Schulabschluss schlug sie die Laufbahn einer Erzieherin ein. Aber dann entschied sie sich für ein Medizinstudium – in jener Zeit für eine Frau ein skandalöses Vorhaben.

Franziska Tiburtius ging 1871 nach Zürich in die Schweiz und promovierte dort im Jahre 1876 zum Doktor der Medizin. Anschließend vervollkommnete sie ihre Ausbildung an der Dresdener Frauenklinik. Da sie in Dresden keine Approbation erhielt, ging sie in die Reichshauptstadt Berlin, wo die Möglichkeiten günstiger schienen. Gemeinsam mit ihrer Studienkollegin, der Ärztin Emilie Lehmus, ließ sie sich in der Alten Schönhauser Allee im Stadtbezirk Prenzlauer Berg nieder und eröffnete 1878 eine Praxis. Tiburtius und Lehmus zählten zu den ersten deutschen Ärztinnen mit eigener Praxis, was ihnen über Jahre hinweg private und öffentliche Vorbehalte und Anfeindungen aus der Ärzteschaft einbrachte.

Aufgrund der Kurierfreiheit wurde Franziska Tiburtius das Praktizieren geduldet, doch das Sprechstundenschild musste den Hinweis "Dr. med. in Zürich" enthalten. Dem Status nach war sie "Heilpraktiker". Der Titel "Arzt" wurde ihr nicht zugestanden, da dieser an ein deutsches Studium und damit an die deutsche Approbation geknüpft war.

Erst vom Wintersemester 1908/1909 an wurden in Deutschland auch Frauen offiziell als Studierende der Landesuniversitäten im Fach Medizin zugelassen. Und erst nach 1914 wurden Frauen in Deutschland offiziell zur Approbation zugelassen. Franziska Tiburtius, die der Frauenbewegung nahestand, berichtete über ihre Lebenserfahrungen in "Erinnerungen einer Achtzigjährigen". Die Autobiographie, die erstmals im Jahre 1923 erschien, erlebte mehrere Auflagen. Als Franziska Tiburtius starb, war sie längst eine Legende. Zwar war der Arztberuf für Frauen immer noch keine Selbstverständlichkeit, wurde jedoch inzwischen wohlwollend geduldet. Die "ungeheure Heiterkeit", die noch um die Jahrhundertwende bei der Erwähnung des weiblichen Arztes im Deutschen Reichstag herrschte, hatte sich angesichts der außerordentlichen Leistungen, die Frauen im 1. Weltkrieg und danach vollbrachten, gelegt.

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