Streifzüge durch die Medizingeschichte

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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Für die Medizin des Mittelalters waren drei, teilweise parallel verlaufende, Phasen von Bedeutung: die arabisch-islamische Medizin (7. bis 13. Jahrhundert), die klösterliche Medizin (5. bis 12. Jahrhundert) und die Entwicklung der weltlichen Medizinschulen (Mitte des 12. bis Anfang des 16. Jahrhunderts).

Die Phase der arabisch-islamischen Medizin begann im 5. Jahrhundert mit der Auswanderung einer Gruppe von Medizingelehrten nach Syrien und Persien, die wegen abweichender Ansichten aus dem Byzantinischen Reich verbannt worden waren. Einige von ihnen gründeten in der neuen Heimat medizinische Ausbildungszentren und vor allem übersetzten sie ihre medizinischen Texte aus dem Griechischen ins Arabische. Ähnliche Übersetzungszentren entstanden in dieser Zeit unter anderem auch in Damaskus, Kairo und Bagdad. Auf diese Weise erreichten die Überlieferungen der antiken Medizin die arabische Welt.

Einer der bedeutendsten Übersetzer und Medizingelehrten der ersten Blütezeit der arabischen Medizin im Mittelalter (im 10. Jahrhundert) war Avicenna. Sein Werk "Canon medicinae" wurde das grundlegende medizinische Werk des Mittelalters.

Im Westen hatten die Klöster zur Zeit des frühen Mittelalters für die Bewahrung und Überlieferung medizinischer Kenntnisse eine herausragende Bedeutung. Hier wurden überlieferte Texte gesammelt, zum Teil aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und vor allem zur Vervielfältigung abgeschrieben. Wichtige klösterliche Übersetzungszentren waren das süditalienische Monte Cassino, Sevilla, Reichenau am Bodensee und das englische Kloster Wearmouth. Die Klöster spielten aber auch eine Rolle in der medizinischen Versorgung ihrer Mitglieder und der ihnen nahe stehenden Laien. Die Klosteranlagen waren mit Heilkräutergärten, Krankenpflegezimmern, Ärztehäusern und anderen speziellen Räumlichkeiten dafür ausgestattet. Die bedeutendste Frau unter den Vertretern der klösterlichen Medizin war Hildegard von Bingen, deren umfassende medizinische Kenntnisse, besonders über pflanzliche, tierische und mineralische Heilkräfte, in ihren Werken überliefert sind. Die klösterliche Medizin endete im Jahr 1130 mit dem Konzil von Clermont, auf dem das ärztliche Praktizieren für Mönche verboten wurde. Wenig später wurde ihnen und dann auch den anderen Geistlichen ebenfalls die medizinische Ausbildung untersagt – sie sollten sich wieder verstärkt auf ihre geistlichen Aufgaben konzentrieren. Folgenschwer war der Beschluss des Lateralkonzils von 1215: Er verbot die Chirurgie für alle Geistlichen und führte zu der jahrhundertelangen Trennung von Chirurgie und innerer Medizin. Die Chirurgie wurde künftig ein Handwerk von Badern, Starstechern (sie operierten den grauen Star) und Wundheilern.

Die älteste und bedeutendste weltliche Medizinschule des Mittelalters in Westeuropa befand sich in der süditalienischen Stadt Salerno. Dort wirkte der berühmte Übersetzer und Lehrer Constantinus Africanus (1018-1087), der wie kaum ein anderer seiner Zeit zu einer Wiederbelebung antiker Traditionen beitrug. Andere bedeutende Medizinschulen entstanden im 12. Jahrhundert im spanischen Toledo und im südfranzösischen Montpellier.

Mit der Gründung der ersten Universitäten zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert verlagerte sich der medizinische Unterricht an diese neuen Lehrstätten. Für die Medizinerausbildung erlangten die Universitäten von Paris, Bologna und Padua besondere Bedeutung. Die fortschrittlichen Ansätze der frühen Medizinschulen wichen hier jedoch einer zunehmenden Dogmatisierung und Autoritätsbefangenheit. Vor allem die Schriften Galens bildeten die wesentliche Grundlage des Lehrstoffs – Kritik oder Infragestellung dieses Klassikers kamen nicht infrage. Dies galt auch für seine anatomischen und physiologischen Beschreibungen. Obwohl es zu dieser Zeit nicht untersagt war, Leichen zu wissenschaftlichen Zwecken zu öffnen (Sektionen), veränderten sie die anatomischen Kenntnisse kaum.

Nach der Lehre Galens war die Humoralpathologie das vorherrschende Krankheitskonzept des Mittelalters. In der Diagnostik spielten Pulslehre und Harnschau eine wichtige Rolle, therapiert wurde vor allem mit ausscheidenden Methoden wie Aderlass, Schröpfen und Abführmitteln, außerdem war die umfassend verstandene Diätetik von großer Bedeutung. Ebenfalls wichtig waren zum Beispiel astrologische Konzepte, die von einem Zusammenhang zwischen Planeten beziehungsweise Sternzeichen mit den menschlichen Organen ausgingen und daraus diagnostische und therapeutische Schlüsse ableitbar machten.

Die häufig unterschätzte Hygiene und Badekultur des Mittelalters endete erst mit den großen Pest-Pandemien der Jahre 1347 bis 1349. Der Pest, auch der "Schwarze Tod" genannt, fielen Millionen von Menschen zum Opfer. Gegen die Krankheit waren die Ärzte praktisch machtlos, ebenso gegen andere Infektionskrankheiten wie Pocken, Masern, Grippe und Lepra. Die Lepra gehörte wegen der äußerlichen Entstellungen, die die Krankheit verursachen kann, zu den als "Aussatz" bezeichneten Leiden. Wer an Lepra erkrankt war, musste Signalhörner, Schellen oder Klappen tragen, um andere Menschen schon von Weitem zu warnen. Die "Aussätzigen" mussten außerdem in sogenannten "Leprosorien" wohnen – besonderen vor den Stadtmauern liegenden Häusern wohnen –, sie waren also gesellschaftlich völlig ausgegrenzt.

In der Regel blieb der Kranke im Mittelalter jedoch in seiner sozialen Gemeinschaft und wurde dort, zum Beispiel in der Familie, gepflegt und versorgt. Die klösterlichen Spitäler sind nicht mit späteren Krankenhäusern vergleichbar – dorthin ging nur, wem sonst jeglicher soziale Rückhalt fehlte: Arme, Alte und Obdachlose. Mit dem schnellen Wachstum der Städte seit Beginn des 12. Jahrhunderts wuchsen auch die sozialen Probleme, sodass die klösterlichen Einrichtungen zur Versorgung der Armen nicht mehr ausreichten. In dieser Zeit entwickelten sich bruderschaftlich organisierte Spitäler. Es gab Laienbruderschaften, die ihr Leben ähnlich dem klösterlichen, aber ohne direkten Anschluss an ein Kloster organisierten, und Spitalorden, die nach strengen klösterlichen Regeln lebten. Zu diesen gehörte auch der Johanniterorden, dessen Name heute noch in der Johanniter-Unfallhilfe fortlebt. Ab dem 13. Jahrhundert entwickelte sich das klösterliche langsam zu einem bürgerlichen Spitalwesen, das heißt, dass mit der Zeit ein Teil der Aufgaben in städtische Hände überging. Ärzte spielten in den Spitälern des Mittelalters kaum eine Rolle.

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