Justina Siegmund (Justine Siegemundin)

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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* 1636 in Rohnstock (Schlesien; heute Polen)

† 1705 in Berlin

Die medizinischen Fachgebiete Frauenheilkunde und Geburtshilfe waren jahrhundertelang fast ausschließlich eine weibliche Domäne, und es gab kaum eine Frau, die sich freiwillig von einem Arzt bei der Entbindung hätte helfen lassen. Die klassischen Lehrbücher dieser Disziplinen wurden jedoch von Männern verfasst – mitunter von Laien auf diesen Gebieten. Erst im 17. Jahrhundert traten auch Frauen als Lehrerinnen der Geburtshilfe und der Frauenheilkunde hervor. So erschien im Jahr 1690 erstmals ein von einer Frau verfasstes Hebammen-Lehrbuch, das über ein Jahrhundert als Ratgeber und Lehrstoff großes Ansehen genoss. Seine Verfasserin war die "Chur-Brandenburgische Hof-Wehe-Mutter" Justina Siegmund.

Justina Siegmund wurde als Tochter des lutherischen Landpfarrers Dittrich aus der kleinen schlesischen Gemeinde Rohnstock geboren. Nach der Heirat mit dem Schreiber Siegmund erlebte sie eine Scheinschwangerschaft, die ihr künftiges Leben prägte. Da es zu dieser Zeit ̫ abgesehen von Paris – noch keine Hebammen-Schulen gab, eignete sich Justina Siegmund autodidaktisch Kenntnisse in der Geburtshilfe an. Obwohl die preußische Hebammen-Ordnung vorschrieb, dass nur Frauen, die selbst geboren hatten, als Hebammen tätig werden durften, erhielt Justina Siegmund 1683 die Genehmigung zur Ausübung der Tätigkeit als Amtshebamme im niederschlesischen Liegnitz. Dort erwarb sie sich rasch hohes Ansehen, sodass sie der Kurfürst Friedrich Wilhelm (Regentschaft: 1640–1688) im Jahr 1688 als "Hof-Wehe-Mutter" an den brandenburgischen Hof nach Cölln (Berlin) holte, wo sie bis zu ihrem Tod tätig war. Hier verfasste sie ihr Hebammen-Lehrbuch, Die Kgl. Preußische und Chur-Brandenburgische Hof-Wehe-Mutter – Ein höchst nöthiger Unterricht von schweren und unrecht-stehenden Geburthen. Unter ihrem Titelportrait steht: "An Gottes Hilff und Seegen geschickten Hand bewegen ist all mein Tuhn gelegen." Im Untertitel erläutert sie ihr Anliegen: "Wie nehmlich durch Göttlichen Beystand, eine wohlunterrichtete Wehe-Mutter mit Verstand und geschickter Hand dergleichen verhüten, oder wanns Noth ist, das Kind wenden könne; durch vieler Jahre Übung selbst erfahren und wahr befunden." Justina Siegmund hatte das Manuskript ihres Buches der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt (Oder) vorgelegt. Durch die Beglaubigung der Fakultät im Jahr 1689 hatte sie somit vor seiner Veröffentlichung wissenschaftliche Anerkennung erhalten.

Das in Dialogform gehaltene, mit informativen Illustrationen versehene, allgemein verständliche Hebammen-Lehrbuch der Justina Siegmund widerlegt bis dahin bekannte Vorstellungen. Es beruht nicht auf älteren Vorlagen, sondern ist das Ergebnis aus eigener langjähriger praktischer Tätigkeit. Das Buch zeigt und schildert die weiblichen Organe, gynäkologische Operationen, den Gebärstuhl und das Geburtsbett. Es gibt Auskunft über den normalen Geburtsverlauf, über Komplikationen und deren Betreuung sowie über Techniken, wie den "Gedoppelten Handgriff" (Siegemundin-Handgriff), mit dem das Kind bei einer Querlage eine Wendung auf den Fuß erhält, und damit die Geburt ermöglicht wird. Das Buch erlangte nicht nur rasch Popularität in privaten Bereich sondern fand auch Aufnahme in Ärztekreisen. Es erschien bis ins 19. Jahrhundert in mehreren Auflagen, wurde in Fremdsprachen übersetzt, und trug dazu bei, dass sich die Ärzte mehr diesem Fach zuwandten und dass die Frauen das Vorurteil gegen das Eingreifen männlicher Geburtshelfer überwanden. In einer Zeit, in der sich Ärzte und Wundärzte selten mit der Geburtshilfe befassten, zeigte Justina Siegmund auch in zahlreichen pathologischen Geburten ihr Können. Da sie über ihre Einsätze Buch führte, lassen sich in den 30 Jahren ihres Berufslebens etwa 5.000 Geburten nachweisen, die sie geleitet hat.

In den Stand der Wissenschaft erhoben wurde die Geburtshilfe in Preußen jedoch erst 1751, als Johann Georg Roederer (1726–1763) zum ersten deutschen Professor an den neu geschaffenen Lehrstuhl zu Göttingen berufen wurde. Er war der Begründer der ersten geburtshilflichen Klinik, die der akademischen Ausbildung diente und aus der namhafte Geburtshelfer und -helferinnen hervorgingen, und er war zugleich Verfasser des ersten wissenschaftlichen Lehrbuchs über Geburtshilfe, das 1753 erschien.

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