William Harvey

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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* 1. April 1578 in Folkestone (Grafschaft Kent; England)

† 3. Juni 1657 in London oder Roehampton

Die Heilung vieler Krankheiten und die Verlängerung der mittleren Lebenserwartung ist besonders der Entdeckung des (großen) Blutkreislaufs und der Funktion des Herzens als dessen Antriebspumpe durch William Harvey zu verdanken. Damit revolutionierte er die Medizin seiner Zeit und legte unter anderem den Grundstein der modernen Physiologie.

Harvey wurde als Sohn eines Kaufmanns geboren, ging in Canterbury zur Schule, wo er klassische Sprachen lernte und studierte anschließend an der Universität Cambridge, wo er 1597 den Grad eines Bachelor of Arts erwarb. Den medizinischen Kenntnissen seiner Zeit gegenüber aufgeschlossen, begann Harvey in Cambridge das Medizinstudium, ging aber bald nach Italien, wo er fünf Jahre an der Universität Padua weiterstudierte. Hier ließ er sich unter anderem von dem italienischen Chirurgen, Anatomen und Physiologen Hieronymus Fabricius ab Aquapendente (1537-1619) ausbilden, den er zeitlebens verehrte. Nach der Promotion im Jahr 1602 kehrte Harvey nach England zurück, eröffnete in London eine ärztliche Praxis und heiratete Elizabeth Browne, die Tochter des Leibarztes der Königin Elisabeth I. (1533-1603). 1607 wurde Harvey Mitglied des Royal College of Physicians und 1615 bis 1656 Inhaber des Lehrstuhls Anatomie und Physiologie am College. Von 1605 bis 1643 war Harvey auch am Saint Bartholomew´s Hospital als Arzt, Anatom und Physiologe tätig.

Harveys Tätigkeit am Royal College of Physicians war besonders bedeutsam: Seit 1615 hielt er hier Vorlesungen und führte Sektionen und anatomische Demonstrationen durch. 1627 wurde er zu einem der Vorsitzenden des Colleges und 1628 zu dessen Schatzmeister gewählt. Nachdem er als einer der hervorragendsten Ärzte Englands bekannt geworden war, ernannten ihn König Jakob I. (1566-1625) und anschließend dessen Thronfolger Karl I. (1600-1649) jeweils zu ihrem Leibarzt. Zwischenzeitlich war Harvey auch Rektor am Merton-College in Oxford. 1654 wurde er von der Ärzteschaft des Royal College of Physicians in das Ehrenamt des Präsidenten gewählt, dass er jedoch aus gesundheitlichen Gründen ablehnte. Harvey starb im Jahre 1657 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Zur Zeit Harveys galten die Bestrebungen der Physiologen vor allem der Erforschung des Wesens und den Eigenschaften des menschlichen Bluts. Als Ausgangspunkt seiner Untersuchungen benutzte Harvey die von dem persischen Arzt Avicenna (979-1037) vertretene These, dass das Herz als Quelle des Arteriensystems eine eigene Kraft besitzen müsse. Seine etwa um 1615 begonnenen anatomisch-physiologischen Beobachtungen (er besaß noch kein Mikroskop), mathematischen Berechnungen der Körperblutmenge, unblutige Untersuchungen am Menschen und blutige Experimente an Tieren führten ihn schließlich zur neuen Lehre vom (großen) Blutkreislauf. 1628 veröffentlichte Harvey seine Erkenntnisse in der kleinen Schrift "Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus" ("Über die Bewegung des Herzens und des Blutes"), die bei Wilhelm Fitzer in Frankfurt/Main erschien. Damit gilt Harvey als Entdecker des menschlichen (großen) Blutkreislaufes (Harvey-Lehre).

Nach Harveys Entdeckung versuchten zahlreiche Physiologen in Experimenten die neuen Vorstellungen zu bestätigen. Eine herausragende Rolle spielten dabei Bluttransfusionen. Die erste dieser Art, und zwar von Tier zu Tier, erfolgte im Februar 1665 in England, vom Tier auf den Menschen im Juni 1667 in Frankreich. Die direkte Blutübertragung von Mensch zu Mensch wurde zwar als eine mögliche Therapiemaßnahme gegen alle möglichen Leiden diskutiert und auch hier und da versucht, doch erst im November 1901 durch die Entdeckung der Blutgruppen durch Karl Landsteiner (1868-1943) durchführbar.

Auch auf dem Gebiet der Embryologie konnte Harvey Wesentliches beitragen: 1651 veröffentliche er in seinem in Amsterdam erschienen Werk "De generatione" die Ansicht, dass sich alle Lebewesen aus dem Ei entwickeln. Seit 1616 hatte er exakte Untersuchungen am Hühnerembryos durchgeführt und die Gebärmutter von Hirsch- und Rehkühen seziert. Aufgrund seiner Beobachtungen verwarf Harvey alle bis dahin gängigen Zeugungslehren. Auch wenn die generelle Bedeutung des Eis noch unbekannt war, bedeutete Harveys Leitsatz einen Meilenstein in der Embryologie: "Das Ei ist der gemeinsame Ursprung für alle Lebewesen."

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