Wilhelm Griesinger

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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* 29. Juli 1817 in Stuttgart
† 16. Oktober 1868 in Berlin

Wilhelm Griesinger gilt als einer der Vorreiter der Sozialpsychiatrie und darüber hinaus als einer der Vorläufer der Tiefenpsychologie, obwohl er ursprünglich als Internist gearbeitet hatte. Außerdem ist Griesinger der Begründer des "Archivs für Psychiatrie und Nervenkrankheiten". In seinem 1845 veröffentlichten Lehrbuch "Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten" wandte er sich gegen jede Art einer idealistischen Auffassung von psychischen Erkrankungen. Vielmehr war für ihn die Seele die Summe materieller Nervenaktionen, was natürlich heftig angegriffen wurde und noch wird. Vor allem wandte er sich gegen jegliche Anwendung körperlicher Gewalt gegenüber diesen kranken Menschen. Insofern kann man ihn darüber hinaus als den Vorreiter einer menschlichen Behandlung und Sichtweise gegenüber psychisch Kranken ansehen.

Griesinger wurde am 29. Juli 1817 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie in Stuttgart geboren. Sein Vater Ferdinand wirkte u.a. als Stiftungsverwalter eines Hospitals in Stuttgart. Seine Mutter Karoline Luise war eine geb. Dürr.

Bereits als 16-Jähriger bestand Wilhelm Griesinger in Stuttgart sein Abitur und begann sofort anschließend mit dem Medizinstudium in Tübingen. Er engagierte sich bei einer der damals sehr fortschrittlichen Burschenschaften und trat dort auch öffentlich für ein einiges und vor allem republikanisches Deutschland ein. Das führte schnell zu erheblichen Konflikten mit den Professoren und der Universitätsleitung. Nachdem Griesinger deshalb 1837 für ein Jahr der Universität verwiesen wurde, musste er sein Studium in Zürich fortsetzen. Dieses schloss er 1838 mit der Promotion über Diphtherie ab. Danach ging er nach Paris, um dort seine Fähigkeiten und Kenntnisse zu verbessern bzw. zu erweitern.

In Paris traf Griesinger auf Francois Magendie (1783-1855), einen der Begründer der modernen experimentellen Physiologie und den Verfasser des ersten modernen Lehrbuchs der Physiologie unter dem Titel: "Précis élémentaire de physiologie". Ein Jahr später, also 1839, eröffnete Wilhelm Griesinger eine Arztpraxis in Friedrichshagen am Bodensee.

Bereits im Jahr 1840 erhielt Griesinger von Ernst Albert Zeller (1804-1877) das ehrenvolle Angebot, als Arzt an der "Irrenheilanstalt" Winnenthal tätig zu werden. Hier wandte er sich der Psychiatrie zu und sammelte theoretische und praktische Erfahrungen auf diesem Gebiet. Griesinger verließ die Klinik 1842, um eine erneute Reise nach Paris sowie nach Wien zu unternehmen. Seine dortige Arbeit diente der Fortbildung und Vertiefung seines Wissens.

Nach einer weiteren kurzen Zeit als niedergelassener Arzt in Stuttgart, erhielt Wilhelm Griesinger 1843 eine Anstellung als Assistenzarzt in Tübingen. Noch im Jahr 1843 habilitierte er sich dort und lehrte als Privatdozent für Pathologie und Medizingeschichte. Eines seiner wichtigsten und grundlegendsten Bücher erschien 1845 unter dem Titel "Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten". 1847 wurde ihm der Titel eines außerordentlichen Professors verliehen. Zwei Jahre später folgte Griesinger einem Ruf an die Universität in Kiel, wo er ordentlicher Professor und Direktor wurde und sich neuro-anatomischen Studien widmete.

Im Jahre 1850 fand Wilhelm Griesinger sein privates Glück und heiratete Josephine von Rom (1828-1887). Aus politischen Gründen verließ er mit ihr gemeinsam Deutschland und folgte einem Ruf als Leibarzt des ägyptischen Vizekönigs Abbas Pascha (1813-1854) nach Kairo. Mit dieser Tätigkeit war gleichzeitig die Stellung des Präsidenten des Gesundheitswesens Ägyptens verbunden.

Zwei Jahre später, also 1852, kehrte das Paar nach Stuttgart zurück. 1854 wurde Wilhelm Griesinger, trotz politischer Bedenken, Professor und Lehrstuhlinhaber für "Klinische Medizin" an der Universität Tübingen. Im Jahre 1860 verließ er Deutschland, um in Zürich die Leitung der Klinik für Innere Medizin zu übernehmen. Besondere Anerkennung verschaffte er sich mit der Eröffnung des Universitätsklinikums für Psychiatrie der Universität "Burghölzli" im Jahre 1865. Die Eröffnung dieser im wesentlichen auf sein Betreiben hin gegründeten Klinik erlebte er bereits als Professor an der Berliner Chrité, an die er 1864 berufen worden war. Er trat die Professur dort am 1. April 1865 an.

In Berlin ist Wilhelm Griesinger einer der Gründer der "Berliner Medizinschen Psychologischen Gesellschaft". Er wurde nach der Gründung auch deren Vorsitzender. Die Gesellschaft wurde 1933 in "Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie" umbenannt. Diesen Namen trägt sie noch heute.

Im Sommer 1868 erkrankte Wilhelm Griesinger an einer schweren Infektionskrankheit, die dazu führte, dass er sich der operativen Entfernung eines dadurch entstandenen Abzesses unterziehen musste. Am 26. Oktober 1868 verstarb Wilhelm Griesinger an den Folgen dieser Erkrankung.

Wilhelm Griesinger, 1817-1868

  • 1817: Wilhelm Griesinger wird am 29. Juli in Stuttgart geboren
  • 1834: Abitur in Stuttgart
  • 1834-1838: Medizinstudium in Tübingen
  • 1839: Eröffnung einer Arztpraxis in Friedrichshagen am Bodensee
  • 1843: Habilitation und Anstellung als Assistenzarzt in Tübingen
  • 1849: Direktor der Universitätsklinik Kiel
  • 1850-1852: Leibarzt des ägyptischen Vizekönigs Abbas Pascha (Kairo, Ägypten)
  • ab 1854: Professor und Lehrstuhlinhaber für "Klinische Medizin" an der Universität Tübingen
  • ab 1860: Leitung der Klinik für Innere Medizin in Zürich
  • ab 1865: Professur an der Berliner Chrité
  • 1868: Wilhelm Griesinger verstirbt am 16. Oktober in Berlin
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