Gerhard Domagk

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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* 30. Oktober 1895 in Lagow (Mark Brandenburg)
† 24. April 1964 in Münster

Gerhard Domagk führte die Sulfonamide in die Chemotherapie der bakteriellen Infektionen ein und entwickelte wirkungsvolle Tuberkulostatika.

Gerhard Domagk, Sohn eines Lehrers, studierte an der Universität Kiel Humanmedizin. Mit Beginn des 1. Weltkriegs meldete Domagk sich als Freiwilliger in der Armee, wurde im Dezember 1914 verwundet, blieb aber bis Kriegsende Soldat, wobei er vorwiegend als Sanitätshelfer tätig war. Nach Kriegsende setzte Domagk das Studium fort und promovierte 1921 zum Doktor der Medizin. 1924 habilitierte sich Gerhard Domagk unter dem Pathologen Walter Gross (1878-1933) für das Fach Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie mit einer tierexperimentellen Arbeit über die Vernichtung von Infektionserregern durch das retikuläre Bindegewebe. 1925 folgte Domagk seinem Lehrer Gross an die Medizinische Fakultät der Universität Münster und gehörte ihr zeitlebens an, zunächst als Assistent am Pathologischen Institut und ab 1928 als außerordentlicher Professor. Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität hatte Domagk bereits 1927 ein Angebot als Leiter des neuerrichteten Instituts für Experimentelle Pathologie der Firma IG Farbenindustrie AG in Wuppertal-Elberfeld angenommen, zu dem 1929 auch die Leitung des Bakteriologischen Laboratoriums kam.

Im Rahmen eines von der IG Farben bereits seit 1920 laufenden Forschungsprogramms zur Entwicklung neuer Farbstoffe und Medikamente setzte Gerhard Domagk seine in Greifswald begonnene Suche nach antibakteriellen Wirkstoffen zur Steigerung der natürlichen Abwehrkraft und der Schädigung pathogener Bakterien systematisch fort. Dabei testete er auch die von den Chemikern Josef Klarer (1898-1953) und Fritz Mietzsch (1896-1958) synthetisierten, auf Sulfonamid-Verbindungen basierenden Farbstoffe auf ihre chemotherapeutischen Effekte. Die beiden Chemiker hatten dabei auf die Versuche von Paul Ehrlich (1854-1915) zurückgegriffen, mithilfe von Farbsubstanzen Bakterien abzutöten.

Gerhard Domagk erhielt von ihnen den orangeroten Farbstoff Prontosil rubrum zur therapeutischen Erprobung. Ende 1932 konnte er erstmals dessen außerordentliche antibakterielle Wirksamkeit an mit Streptokokken infizierten weißen Mäusen zeigen. Prontosil wird im Organismus in ein Sulfonamid-Radikal mit der erwünschten antibakteriellen Wirkung gespalten. Die behandelten Mäuse wiesen 48 Stunden nach der Infektion im Gegensatz zu den (verendeten) Kontrolltieren weder Kokken noch geschädigte Zellen auf.

Da Prontosil gut verträglich schien, testete Gerhard Domagk es auch am Menschen. Eine der ersten Patienten war seine eigene Tochter, der er mit dem Sulfonamid die Amputation eines infizierten Arms ersparte. 1935 veröffentlichte Domagk nach gründlichen Testserien seine Ergebnisse in dem Artikel "Ein Beitrag zur Chemotherapie der bakteriellen Infektionen". Nachdem die IG Farben über die damals zur IG-Farbenindustrie AG gehörenden Firma Bayer das Präparat unter dem Handelsnamen Prontosil zur klinischen Prüfung ausgeliefert hatte, entdeckte eine französische Forschergruppe, dass nur ein Teil des roten Farbstoffmoleküls für die bakteriostatische Wirkung verantwortlich ist, nämlich das Sulfonamid. Die Firma Bayer brachte das Prontosil als ersten Vertreter einer antibiotischen Stoffgruppe flüssig in Ampullen und in Tablettenform auf den Markt.

Bisher waren bakterielle Infektionen weltweit die Todesursache Nummer eins. Gerhard Domagks Entdeckung läutete eine neue Epoche in der klinischen Medizin ein und führte bereits vor der Entdeckung des Penicillins zum Beginn des Zeitalters der Antibiotika. Bei einem Ausbruch von Kindbettfieber in einer Londoner Klinik im Jahr 1936 konnten von 38 Frauen 35 gerettet werden. Damit hatte Prontosil als erstes antibakterielles Medikament seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt. Hierdurch wurden auch der Forschung der Chemotherapie durch die Sulfonamide neue Impulse verliehen, denn diese Verbindungen brachten den Beweis, dass Bakterien im menschlichen Körper abtötbar sind, ohne den Wirtsorganismus zu schädigen. Prontosil wurde mit Erfolg bei Infektionskrankheiten wie Hirnhautentzündung und Lungenentzündung in die Therapie eingeführt. Durch Variationen der molekularen Verbindung wurden später noch zahlreiche Wirkstoffe entwickelt, wie etwa das auf Domagks Initiative hin 1949 in die Therapie eingeführte Conteben gegen Tuberkulose. Später erkannte man jedoch, dass Sulfonamide auch Veränderungen des Knochenmarks und die Bildung von Nierensteinen hervorrufen. Heute haben Sulfonamide durch die Entwicklung besser verträglicher Antibiotika stark an Bedeutung verloren.

Für seine "Entdeckung der therapeutischen Wirkung von Prontosil bei verschiedenen Infektionskrankheiten" erhielt Gerhard Domagk 1939 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie. Als ihn diese Nachricht erreichte, schrieb er erfreut einen Dankesbrief an das schwedische Karolinska-Institut. Doch in einem zweiten Schreiben wies er, unter dem Druck politischer Einsprüche, den Preis zurück. Für die nationalsozialistischen Regierung war der Nobelpreis zur internationalen Provokation gegen Deutschland geworden, nachdem dem Publizisten Carl von Ossietzky (1889-1938) im Jahr 1935 der Friedensnobelpreis zugesprochen worden war. Erst im Dezember 1947 bekam Domagk die Goldmedaille und das Diplom ausgehändigt, doch der mit dem Preis verbundene Geldbetrag war längst verjährt und an den Nobel-Fond zurückgegangen.

Nach dem 2. Weltkrieg führte Gerhard Domagk seine Arbeiten an der Chemotherapie fort und wandte sich vor allem der Tuberkulosetherapie sowie der Chemotherapie des Krebses zu, bevor er 1960 in den Ruhestand ging.

Neben dem Nobelpreises für Medizin und Physiologie im Jahr 1939 war Gerhard Domagk Ritter der Friedensklasse des Ordens pour le mérite, Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland mit Stern, Träger der Paul-Ehrlich-Goldmedaille und des Paul-Ehrlich-Preises, Ehrensenator der Universitäten Münster und Greifswald, Ehrendoktor der Universitäten Bologna, Buenos Aires, Cordoba, Gießen, Lima und Münster, Mitglied der British Academy of Science und der Royal Society und weiterer zahlreicher Auszeichnungen.

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