Schleudertrauma (HWS-Distorsion)

Veröffentlicht von: Till von Bracht

iStock
Anzeige

Jeden Tag passieren zahlreiche Auffahrunfälle auf deutschen Straßen – unter anderem deswegen, weil der erforderliche Abstand zum Vordermann nicht eingehalten wird. Unfallfolge Nummer 1 ist das Schleudertrauma. Beim Schleudertrauma handelt es sich um eines der umstrittensten Krankheitsbilder überhaupt. Denn unter Umständen steht den Betroffenen mehrere tausend Euro Schmerzensgeld zu – der medizinische Nachweis gestaltet sich allerdings oft schwierig. 

Im Allgemeinen bezeichnet man als Schleudertrauma eine Verletzung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS), die durch eine ruckartige Bewegung des Kopfes entsteht. Genau genommen beschreibt der Begriff "Schleudertrauma" also kein festgelegtes Krankheitsbild, sondern lediglich den Unfallhergang. Ärzte sprechen häufig auch von einer HWS-Distorsion oder einem Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule.

Auffahrunfälle oder Sportverletzungen (etwa beim Kampfsport) sind typische Beispiele für den Unfallhergang bei einem Schleudertrauma: Sie können dazu führen, dass die Halswirbelsäule kurzfristig überstreckt und anschließend sehr stark gebeugt wird. Welche Folgen ein solches Schleudertrauma haben kann, ist unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab – bei einem Autounfall zum Beispiel von

Das bedeutet: Selbst ein leichter Auffahrunfall kann unter Umständen schon ein Schleudertrauma verursachen. Auf der anderen Seite führt nicht jeder schwerere Unfall zwangsläufig zu einem Schleudertrauma. 

Ein Schleudertrauma entsteht häufig im Rahmen eines Auffahrunfalls. Der Kopf der Insassen im vorderen Fahrzeug wird durch den Aufprall ruckartig nach hinten in die Kopfstütze gerissen und anschließend wieder nach vorne geschleudert. (Quelle: Wikimedia Commons, BruceBlaus, CC BY-SA 4.0)

Die Diagnose eines Schleudertrauma gestaltet sich oft schwierig: Nach einem Schleudertrauma kommt es – oft erst mehrere Stunden nach dem Unfall – zu einer schmerzhaften Steilhaltung der Halswirbelsäule und zu einer Verspannung der Nacken- und Halsmuskulatur. In vielen Fällen ist das Schleudertrauma aus medizinischer Sicht harmlos. Nur in schweren Fällen reißen durch die schleudernde Bewegung die Bänder der Halswirbel ein.

Allerdings lassen sich die feinen Verletzungen im Halswirbelbereich mithilfe bildgebender Untersuchungsmethoden (Röntgenaufnahmen, Computer- oder Magnetresonanztomographie) oft nicht sicher nachweisen – auch wenn der Betroffene Beschwerden hat. Um eine HWS-Distorsion zu diagnostizieren, ist der Arzt deshalb in vielen Fällen allein auf die genaue Beschreibung der Beschwerden und des Unfallhergangs angewiesen.

Typische Symptome, die für ein Schleudertrauma sprechen, sind zum Beispiel:

Wie bei vielen Erkrankungen kann auch die psychische Komponente den Verlauf bei einem Schleudertrauma mit beeinflussen. Je nachdem, wie der Einzelne mit der Verletzung umgeht oder die schmerzhafte und erschreckende Situation verarbeitet, können die Beschwerden unterschiedlich stark ausfallen.

Die Therapie des Schleudertraumas erfolgt meist konservativ – also ohne operativen Eingriff. Betroffene sollten sich zwar wenig belasten, dennoch Kopf und Hals beweglich halten. Physiotherapie kann die Behandlung unterschützen und die Beschwerden lindern. Liegen keine schweren Verletzungen vor, können Betroffene ihren Alltag wieder aufnehmen – Bettruhe oder Halskrausen sind nur in schwereren Fällen erforderlich. 

Bei einigen Personen können die Beschwerden eines Schleudertraumas chronisch verlaufen. Teilweise scheinen auch psychische Faktoren eine Rolle zu spielen. Der nachwirkende Unfallschock, Sorge um die Gesundheit oder andere Gründe können dazu führen, dass Betroffene eine Schonhaltung einnehmen und verstärkt Schmerzen wahrnehmen.

Wie häufig ein Schleudertrauma chronisch verläuft und welchen Anteil psychische Gründe haben, ist stark umstritten.

Personen mit einem Schleudertrauma können bei einem chronischen Verlauf ein sogenanntes "Schmerzgedächtnis" entwickeln – das heißt Veränderungen im Nervenstoffwechsel. Dadurch können in einigen Fällen Schmerzen auch dann erhalten bleiben, wenn der Unfall lange zurückliegt.

Schleudertrauma: Wann gibt es Schmerzensgeld?

Das Schleudertrauma gilt als eines der umstrittensten Krankheitsbilder überhaupt: Denn bei einem Schleudertrauma, dass nachweislich durch einen Autounfall verursacht wurde, kann der Verletzte Schmerzensgeld fordern. Bei der Frage, wie viel Schmerzensgeld dem Unfallopfer genau zusteht, kommt es allerdings immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Versicherungen und Geschädigten. 

Zunächst einmal ist es wichtig, dass der Betroffene den Unfall nicht selbst verschuldet hat. Wer beispielsweise für ein auf die Straße laufendes Kleintier (z.B. Eichhörnchen, Kaninchen oder eine Katze) bremst, muss damit rechnen, dass ihm eine Teilschuld zugesprochen wird. Bei einer Teilschuld kann sich das Schmerzensgeld für ein Schleudertrauma deutlich reduzieren. 

Die Höhe des Schmerzensgeld hängt in erster Linie von

Die Schmerzensgeldhöhe fällt daher ganz unterschiedlich aus und reicht von wenigen hundert bis mehreren tausend Euro (z.B. bei dauerhaften Schäden der Halswirbelsäule).

Grundsätzlich gilt: Es reicht nicht, Schmerzen und Beeinträchtigungen einfach nur zu behaupten. Die Unfallopfer können nur dann Schmerzensgeld erwarten, wenn der Arzt das Vorhandensein einer HWS-Distorsion schriftlich bestätigt. 

Der ärztliche Nachweis ist vor allem bei leichten Unfällen wichtig. Denn die Versicherungen argumentieren häufig, dass eine Geschwindigkeitsänderung von weniger als 10 bis 15 Kilometer pro Stunde im Normalfall nicht ausreicht, um ein Schleudertrauma zu verursachen. Für die Entstehung eines Schleudertraumas gibt es aber keine allgemeingültige Harmlosigkeitsgrenze: Eine HWS-Distorsion ist bei einer Aufprallgeschwindigkeit von unter 10 Kilometer pro Stunde zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Bei der Forderung nach Schmerzensgeld sind in diesen Fällen häufig ärztliche sowie unfallanalytische Gutachten erforderlich. 

Wer Opfer eines Autounfalls wurde, sollte von Anfang an auf engmaschige Untersuchungen achten und noch am selben Tag zum Arzt gehen. Da die Symptome bei einem Schleudertrauma oft erst einige Stunden oder sogar Tage nach dem Unfall auftreten, ist es ratsam, sämtliche Beschwerden und Beeinträchtigungen in einem Schmerztagebuch festzuhalten und gegebenfalls von einem Arzt abklären lassen.

Anzeige